Einblick ins Leben auf Fahrt 

Besuch bei den Achimer Wikingern im Pfadfinder-Bundeslager

Immer der Reihe nach: Bei Essen im großen Kreis wird die Mahlzeit im Uhrzeigersinn verteilt. - Fotos: Preuß

landkreis - „Sieht aus wie im Mittelalter. Bei der Belagerung einer Burg“, sagt ein Vater und lacht. Und wirklich: Die vielen schwarzen Zelte, die sich auf den sanft geschwungenen Hügeln verteilen, die Rauchsäulen, die sich zwischen den bunten Bannern gen Himmel erheben, erinnern an Zeiten, als Rüstungen Arbeitskleidung waren und Streitigkeiten mit dem Schwert geklärt wurden.

Die 5000, die zurzeit im 500-Seelen-Ort Großzerlang campieren, sind aber in friedlicher Absicht gekommen. Es sind Mitglieder des Bundes der Pfadfinderinnen und Pfadfinder (BdP) und ihre 600 ausländischen Gäste aus 20 Nationen, die in Brandenburg ihr Bundeslager, kurz Bula, abhalten. 2017 trägt es den Namen „Estonteco – Lebe den Kontinent“.

Zehn Tage lang dominieren Menschen in zumeist blauen Hemden das Ortsbild. Mittendrin: 45 Jugendliche der Achimer Wikinger. Plus diverse Tagesgäste aus dem Stamm. Plus ein paar Eltern. Denn der Besuchstag am Wochenende erlaubt den Familien einen seltenen Einblick in das Leben auf Fahrt.

Selten, weil Pfadfinder ihre Ausflüge, Veranstaltungen, Wochenendlager und so fort in der Regel ohne Eltern planen und umsetzen. Denn es ist nun einmal eine Jugendorganisation. An diesem Wochenende aber lassen sich die Wikinger ausnahmsweise einmal in ihre Jurten und Kohten gucken.

Großes Treffen nach den Touren 

Hinter den Pfadis liegen bereits zehn Tage Wanderung. In Schleswig-Holstein, in Südniedersachsen und an der deutsch-holländischen Grenze waren die Sippen unterwegs, ehe sie gemeinsam mit dem Bus nach Großzerlang reisten. Nach den anstrengenden Märschen mit kiloschwerem Gepäck darf nun vor allem gechillt, gespielt oder gebadet werden.

Florian Pieper, einer der Stammesführer, schlüpft an diesem Tag aber in die Rolle eines Fremdenführers. Er nimmt die neugierigen Väter und Mütter mit auf einen Gang über das weitläufige Gelände und steht geduldig Rede und Antwort. Knapp zwei Stunden später sind alle Besucher schwer beeindruckt. Nicht zuletzt von der unglaublich entspannten und friedlichen Atmosphäre.

Bula international: 5000 Pfadfinder campieren derzeit im brandenburgischen Großzerlang, darunter 600 ausländische Gäste aus 20 Nationen.

Das Areal in Großzerlang, etwa 40 Kilometer von Neuruppin entfernt, gehört dem VCP, dem Verband christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder, der es dem BdP für dessen Bula überlassen hat. Alle vier Jahre kommen die Stämme der verschiedenen Landesverbände an einem Ort zusammen. Häufiger ließe sich das Spektakel auch gar nicht veranstalten, so groß ist der Aufwand. So schafften Dutzende von Ehrenamtlichen allein für den Aufbau der Zelte 6 000 Holzstangen heran. 1 500 Meter Frischwasserleitungen, 1000 Meter Starkstromkabel und 800 Meter Telefonkabel mussten verlegt werden.

Florian führt die Eltern durch die diversen Unterlager, eingeteilt nach Bundesländern. Jedes dieser Unterlager verfügt über eigene sanitäre Anlagen, sprich mobile Toiletten, Wasch- und Duschzelte, Zapfstellen fürs Trinkwasser, ein Erste-Hilfe-Zelt sowie Feuerlöscher und -patschen. Und über ein Café, in dem Veranstaltungen stattfinden und die Älteren abends sogar auf ein Bier einkehren können.

Guter Zeltplatz 

Die Achimer haben ihre Zelte bei den Hessen aufgeschlagen. „Die Niedersachsen kennen wir ja schon“, begründet der 20-Jährige die Entscheidung. Die Wahl der Wikinger hat, neben dem Knüpfen neuer Kontakte, einen weiteren Vorteil. Die Hessen campieren auf einer Anhöhe, die Niedersachsen in einer Art Tal-Kessel. Kein guter Standort bei Regen. Und den hätten sie zumindest bei der Anreise reichlich gehabt.

Nun aber ist das Wetter prima, und entsprechend gut besucht ist die Badestelle. Der Weg dorthin führt vorbei an der großen Sanitätsstation inklusive Landeplatz für einen Rettungshubschrauber. Ein Zelt beherbergt Schutzausrüstungen für die Feuerwehr und ein Fahrzeug.

Weiter geht’s Richtung Markthalle. Hier herrscht ein Riesentrubel. Nach gewissen Versorgungsengpässen am Vortag sind die Paletten wieder gut gefüllt mit Lebensmitteln. Viele Stämme nutzen die Gelegenheit zur Bevorratung. 5 000 Halbwüchsige hauen eben einiges weg.

Die Wikinger haben die Zutaten fürs Abendessen schon zusammen. Eigentlich verrät das Küchenteam nicht, was jeweils auf dem Speiseplan steht. Für den Besuch wird aber eine Ausnahme gemacht: Es gibt Chili con und sin Carne. Und es schmeckt hervorragend.

Achimer Pfadfinder im Bundeslager in Brandenburg

Die Verteilung der Mahlzeit übernimmt ebenfalls das Küchenteam. Im Uhrzeigersinn, immer schön der Reihe nach, lassen sich alle ihre Teller füllen. Auch Nachschlag kann man sich erst holen, wenn „Chefkoch“ Ole Plöger dazu auffordert. So sind nun mal die Regeln. Ganz einfach.

Ein Singe-Abend in der großen Dreier-Jurte beschließt den Besuchstag. Nur wenige Eltern machen von dem Angebot Gebrauch, auch noch die Nacht beim Stamm zu verbringen. Die meisten verabschieden sich, wohl wissend, dass sie ihre Kinder am Mittwochabend wieder in die Arme schließen können. Alle werden dann erneut ein wenig größer sein. Vielleicht nicht körperlich, aber vom Kopf her. Eine solche Unternehmung als Jugendlicher gemeinsam mit Gleichaltrigen durchzuziehen, das macht irgendwie erwachsener. - kp

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