474 Mitarbeiter betroffen

Achimer Stadtbäckerei meldet Insolvenz an - Geschäftsführer setzt auf Sanierung

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Das Stadtcafé am Rand der Fußgängerzone sollte spätestens in diesem Frühjahr an einen zentralen Standort am Glockenspiel verlegt werden.

Die Achimer Stadtbäckerei hat Insolvenz angemeldet. Hintergrund des Antrags sind unter anderem die stark rückläufigen Umsätze. Die Gehälter der aktuell 474 Mitarbeiter seien aber für die nächsten Monate gesichert. 

Achim - Die Achimer Stadtbäckerei GmbH & Co. KG steht möglicherweise vor dem Aus. Das traditionsreiche Unternehmen mit nahezu 500 Beschäftigten beantragte beim Amtsgericht Verden, ein Insolvenzverfahren in Form einer Sanierung in Eigenverwaltung zu eröffnen, was das Gericht daraufhin angeordnet hat, wie Karsten Jarick, Geschäftsführer der Stadtbäckerei, gestern auf Nachfrage mitteilte.

Der Betrieb wird nach seinen Angaben trotzdem uneingeschränkt fortgeführt. Die Löhne und Gehälter der 474 Mitarbeiter seien für die nächsten Monate gesichert. Sie werden von der Bundesagentur für Arbeit bezahlt.

Zur Seite stehen Jarick bei der angestrebten Sanierung der Stadtbäckerei die Rechtsanwälte Dr. Rouven Quick und Andreas Pantlen von BBL Bernsau Brockdorff, die seit Jahren Restrukturierungsprozesse von Unternehmen begleiten. Als vorläufigen Sachwalter setzte das Gericht, unterstützt von den maßgeblichen Gläubigern, wie es in der Pressemitteilung heißt, den Bremer Rechtsanwalt Dr. Malte Köster ein.

„In den kommenden Wochen werden wir Gespräche mit allen wesentlichen Beteiligten aufnehmen und einen Plan zur Neuaufstellung des Unternehmens erarbeiten“, erläutert Karsten Jarick, der für weitere Nachfragen nicht zur Verfügung stand. BBL-Anwalt Pantlen ergänzt: „Gemeinsam werden wir prüfen, ob das Unternehmen im Rahmen eines Insolvenzplans saniert werden kann und parallel einen Prozess zur Investorenansprache aufsetzen.“

Hintergrund des Antrags: stark rückläufige Umsätze

Hintergrund des Insolvenzantrags sind laut Jarick stark rückläufige Umsätze seit dem Frühjahr 2018. Hinzu komme „die nicht mehr ausreichend gewährleistete Zuführung von externen Mitteln, um alle geschäftlichen Verpflichtungen zu erfüllen und anstehende Investitionen zu realisieren“.

Die Stadtbäckerei betreibt im Gewerbepark Uesen, wie Jarick sagt, ein Werk zur „handwerklichen Produktion“ von Backwaren. Diese werden „nahezu ausschließlich“ in 45 angemieteten Filialen in Achim und im Großraum Bremen sowie in den Regionen Cuxhaven und Buxtehude/Stade an Privatkunden verkauft. Den erwirtschafteten Umsatz für 2018 beziffert der Geschäftsführer auf 15 Millionen Euro.

Die Ursprünge des Unternehmens gehen ihm zufolge auf die 1797 von Joachim Engelke von Holtz gegründete Weißbäckerei in der Bremer Altstadt zurück. Seit mehr als 100 Jahren gibt es in Achim die „Achimer Stadtbäckerei“.

Geschäftsführer Karsten Jarick mit Ehefrau Ricarda am Hauptsitz der Stadtbäckerei im Gewerbepark Uesen.

Die lange von der Familie Stadtlander geführte Firma blickt auf eine wechselvolle Geschichte zurück. 1995 schluckte das wachsende Unternehmen die Bremer Bäckerei Garde. Aber schon im Jahr 2000 wurde die Achimer Stadtbäckerei in die Siebrecht-Gruppe eingegliedert, die wiederum 2013 Insolvenz anmeldete. Jarick gelang seinerzeit eine erfolgreiche Sanierung des schon bald wieder auf eigenen Beinen stehenden Achimer Betriebs. Er verringerte die Anzahl der Filialen von 60 auf 45 und sparte auch Personal ein.

Doch nun ist das Unternehmen erneut in seiner Existenz bedroht. Experten sprechen von einem starken Verdrängungswettbewerb in der Branche. Auf der einen Seite wetteifern Fertigbackstationen der Discounter um die Gunst der Kunden, während andererseits der Markt für Biobäcker wächst. Erst im Frühjahr 2018 hatten die alteingesessenen Achimer Bäckereien Freter und Kläning ihren Betrieb aufgegeben.

Ursprünglich war Café am Geschäftshaus am Glockenspiel geplant

Nur wenige Monate später machte die Stadtbäckerei mit der Nachricht Schlagzeilen, im leerstehenden Geschäftshaus am Glockenspiel ein Café eröffnen zu wollen. In Sahnelage, mitten in der Achimer Fußgängerzone, wollte Jarick im Herbst 2018 den Betrieb aufnehmen und dafür die beiden bestehenden Geschäfte an der Obernstraße aufgeben. Ein Paukenschlag für die Mitglieder des Stadtrats, als Bürgermeister Rainer Ditzfeld in einer Sitzung verkündete, dass die Stadtbäckerei einen Mietvertrag über zehn Jahre mit dem Eigentümer des Nientkewitz-Hauses, der Immobilienfirma Müller und Bremermann, abgeschlossen habe. Denn ursprünglich sollte das Gebäude abgerissen werden, um dort Platz für größere, moderne Flächen für Einzelhandel und Gastronomie zu schaffen und damit die Entwicklung der darbenden Innenstadt voranzubringen. Vertreter verschiedener Fraktionen empörten sich über den neuerlichen „Stillstand in der City“ und stimmten am Ende dann doch zähneknirschend für die „Ausnahmegenehmigung“.

Doch bis heute kleben nur bunte Werbezettel, die vom bevorstehenden Einzug der Bäckerei mit Café künden, an den Schaufenstern des Nientkewitz-Hauses. Der Umbau der dortigen alten Ladenflächen sei aufwendiger als gedacht, hieß es zunächst, dann war von schwierigem Brandschutz die Rede. Aber in diesem Frühjahr, versicherte Jarick, werde die Neueröffnung gefeiert. Aber das dürfte nun Makulatur sein.

Erst 2015 ging die Achimer Stadtbäckerei gestärkt aus einem Insolvenzverfahren hervor.

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