Der zweite Schritt vor dem ersten

Achimer Schulen finden Impfkonzept des Landes verfrüht

Zurück im Klassenzimmer: Präsenzunterricht in voller Gruppenstärke ist noch an vielen Schulen in Niedersachsen ein ungewohntes Bild.
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Zurück im Klassenzimmer: Präsenzunterricht in voller Gruppenstärke ist noch an vielen Schulen in Niedersachsen ein ungewohntes Bild. Im Landkreis Verden liegt die Inzidenz seit mehr als fünf Tagen stabil unter 50. Am Freitag wird sich entscheiden, ob ganze Klassen wieder in Präsenz unterrichtet werden können.

Achim – Mit den Erstimpfungen für Lehrer kommen die Schulen im Landkreis Verden offenbar gut voran: An mindestens drei weiterführenden Schulen in Achim hat das Lehrpersonal den ersten Schritt zur Immunisierung gegen das Coronavirus erhalten. In zwei bis drei Wochen sollen die Zweitimpfungen folgen. Mit der Debatte um Impfungen für Schüler gehe die niedersächsische Landesregierung den zweiten Schritt vor dem ersten, findet Dr. Stefan Krolle, Leiter des Achimer Cato-Bontjes-van-Beek-Gymnasiums. Bevor man ein solches Konzept vorlege, müsse der Impfstoff für diese Altersgruppe zugelassen und vorhanden sein.

So gehe die Ständige Impfkommission von einer Zulassung nicht vor Ende des Jahres aus. „Da fehlt mir bei manchen Politikern und Medien der rote Faden“, so Krolle. Wichtiger sei es, die Schulen in die Lage zu versetzen, das Versäumte so gut es geht wieder aufzuholen.

Das Impfzentrum des Landkreises hat zunächst einmal die Lehrkräfte mit der ersten Impfstoff-Dosis versorgt. Krolle sowie seine Amtskollegen Dirk Stelling vom Gymnasium am Markt (Gamma) und Kerstin Albes-Bielenberg von der Integrierten Gesamtschule (IGS) Achim loben die gute Organisation. „Das Kollegium war sehr zufrieden“, resümiert Albes-Bielenberg. In Zeiten mit vielen Pannen sei es „hilfreich, dass mal etwas klappt“, so Krolle.

Auch das zweimal wöchentlich an den Schulen vorgeschriebene Schnelltesten habe sich eingespielt – eine wichtige Bedingung für den Präsenzunterricht. „Ich bin froh, dass das Testen so unproblematisch läuft“, nachdem sich die Landesregierung von der „verrückten Idee“ verabschiedet habe, die Tests in der Schule vornehmen zu lassen, sagt Gamma-Direktor Stelling. Etwa zehn Gamma-Schüler, die kein Testergebnis vorweisen können, müssten zweimal pro Woche in der Bildungsstätte nachgetestet werden. Wie wirksam die Teststrategie sei, zeige sich am zuletzt publik gewordenen Corona-Fall. „Das fiel bei der Selbsttestung auf. Der betroffene Schüler blieb direkt zu Hause“, so Stelling. Die Schule konnte auf weitere Quarantäne-Maßnahmen verzichten. Cato und IGS sind bei nicht durchgeführten Tests rigoros: „Wir schicken Ungetestete direkt nach Hause“, so Krolle. Ähnlich verfahre die IGS mit „dauerhaft vergesslichen Schülerinnen und Schülern“, sagt Albes-Bielenberg. Nur in begründeten Ausnahmefällen, wie etwa einem fehlerhaften Test-Kit, werde in der Schule nachgetestet.

Während immer mehr Schüler in den Präsenzunterricht zurückkehren, gibt es aus Sicht der Schulen einiges aufzuholen. Vor diesem Hintergrund fordert der Deutsche Lehrerverband in einem Schreiben an die Landesregierung ein Bildungsförderungsprogramm in Höhe von mindestens zwei Milliarden Euro bis Sommer 2022. „Das wäre ein erstes Zeichen und ein Schritt in die richtige Richtung“, sagt Albes-Bielenberg, und ergänzt: „Um die Corona-Langzeitfolgen für Kinder und Jugendliche abzumildern, müssten Bund und Land mehr Geld in die Bildung investieren.“

Dr. Stefan Krolle findet zwei Milliarden Euro Förderung ebenfalls zu gering. Er nennt als Vergleich die Niederlande, wo das Bildungssystem 8,5 Milliarden Euro an Coronahilfen erhalten soll. „Die haben’s begriffen.“ Hier würden Reden und Handeln oft auseinanderklaffen: „Wenn ich höre, dass die jungen Leute das Wichtigste in diesem Land sind, aber die Landes- und Bundespolitik nicht danach handelt ...“

Im Bestreben, den Lernrückstand aufzuholen, sieht Stelling den Personalmangel als Problem. „Wer soll den Unterricht machen?“ Den Vorschlag des Berufsverbands, dafür pensionierte Lehrkräfte zurückzuholen, hält Stelling für unrealistisch. „Die Kollegen haben 67 Jahre lang gearbeitet. Und wer möchte mit 68 oder 69 Jahren noch in einer 5. Klasse sitzen?“ Bei allem guten Willen könnten die abgesagten Klassenfahrten und Schulpraktika nicht nachgeholt werden.

Stefan Krolle kritisiert, „dass die Schulpolitik keine Verbindungen zu Universitäten oder Fachhochschulen zieht“. Er rät seinen durch Corona ins Hintertreffen geratenen Schülern in der jetzigen Situation zu einer Ausbildung. Mindestens sechs Schüler hätten sich für eine duale Ausbildung beworben, die Schule gebe Hilfestellung für das Assessment Center. Um die Schüler auch in ihrem sozialen Umfeld zu fördern, führten Lehrkräfte, Beratungslehrer und Schulleitung aktuell viele Gespräche. „Die Verunsicherung ist gerade groß“, weiß Krolle. „Manche haben geweint, andere waren froh, dass sie endlich wieder in die Schule kommen dürfen.“ Das Cato plant, sobald es wieder möglich ist, mit einer Bootstour oder Grillaktion das Miteinander zu stärken. „Wichtig ist aber auch, dass wir nicht zu sorglos werden und uns weiterhin an die Corona-Regeln halten.“

„Die Kinder sind sehr glücklich, wieder in der Schule lernen, arbeiten und sich austauschen zu können. Ihnen fehlen die Sozialkontakte, Freunde, feste Tagesstrukturen“, stellt Kerstin Albes-Bielenberg fest. Die Schule biete verlässliche Beziehungen und Ansprechpartner. Laut der Gesamtschuldirektorin genießen die Schüler das Lernen in Halbgruppen: „Sie blühen auf und bauen Hemmungen ab, lernen intensiver und effektiver. Das zeigt, dass wir kleinere Klassen brauchen. Um Lernrückstände aufzuholen, brauchen wir kurzfristig dazu mehr Doppelbesetzungen“ – etwa durch Lehramtsstudenten in Langzeitpraktika. Aktuell bemühe sich die IGS Achim um Doppelbesetzungen in den Kernfächern, könne dies aber langfristig aus dem Budget der Schule nicht finanzieren. Sie merkt zudem an: „Aufholen werden wir nicht alles. Nicht nur Unterrichtsstoff, auch soziale Kompetenzen, mehr Bewegung und Sport sind Komponenten des Bildungsauftrags.“

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