Raum für Freizeit, Sport und halbe Klassen

Achimer Jugendpsychiaterin Seibert: Psychische Folgen von Corona abfedern

Die Pandemie macht auch vielen Kindern und Jugendlichen psychisch sehr zu schaffen
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Die Pandemie macht auch vielen Kindern und Jugendlichen psychisch sehr zu schaffen

Achim – „Die Gesellschaft wird nach Corona nicht mehr dieselbe sein“ – dieser Satz ist in den vergangenen Monaten so häufig geschrieben worden, dass er schon zur Binsenweisheit avanciert ist. Während die wirtschaftlichen Folgen im Fokus stünden, würden die sozialen Folgen der Pandemie in der medialen Berichterstattung zu kurz kommen, findet Ursula Seibert, Ärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie -psychotherapie aus Achim.

Dabei sei die Situation alarmierend, berichtet Seibert, die nach eigenen Angaben in Patiententerminen „untergeht“. Dass sich die Engpässe bei der psychotherapeutischen Hilfe für Kinder und Jugendliche verschärft haben, bestätigt der nach eigenen Angaben größte Berufsverband für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie in Deutschland (BKJPP). Laut Zahlen der Deutschen Pyschotherapeutenvereinigung ist die Nachfrage nach Therapien in der Pandemie bundesweit insgesamt um 40 Prozent gestiegen – bei Kinder- und Jungendtherapeuten sogar um 60 Prozent.

Laut Seibert ist die Vereinsamung von Schülern im Online-Unterricht „dramatisch“. „Ferner kommen zusätzliche Belastungen für berufstätige Eltern hinzu, gerade auch im Niedriglohnsektor mit Springerzeiten“, berichtet sie. Müssten dazu noch Kinder im Homeschooling beaufsichtigt werden, sei die Belastung für die Eltern erheblich.

Die Folgen bekommt Seibert in ihrer Arbeit täglich zu spüren: „Wir erleben hier seit Wochen eine dramatische Entwicklung zunehmender Depressionen – bei den Kindern und Jugendlichen, aber auch bei den Eltern, die damit ihren Kindern keine Sicherheit und Struktur mehr bieten können.“ Dadurch gerieten Familien in eine Teufelsspirale, denn Kinder brauchen von ihren Eltern „Kontinuität, Vorhersehbarkeit, Struktur und Verlässlichkeit und vor allen Dingen ganz viel Zuneigung und Liebe“.

Laut BKJPP läuft die Entwicklung im Kindes- und Jugendalter phasentypisch. Neben Bildung und Erziehung sollten „die Entwicklung einer eigenen Identität, die Erarbeitung sozialer Kompetenzen, der Aufbau von Freundschaften und Interessen“ im Mittelpunkt stehen. Gleichzeitig erfolge die Loslösung von der Familie und Zuwendung zur Peer-Gruppe (Gruppe der Gleichaltrigen).

Doch nicht nur die zunehmende Zermürbung stelle Familien vor Probleme. Hinzu kommen finanzielle Einschränkungen infolge von Kurzarbeit oder Stellenabbau. „Viele unserer Patientenfamilien können nicht in den Urlaub fahren. Viele unserer Patientenfamilien konnten nur reduziert am Online-Unterricht teilnehmen, weil das technische Equipment nicht ausreichte, nicht funktionierte oder die Leitungen instabil waren“, berichtet Seibert.

Vor dem Hintergrund, dass digitale Kommunikation durch die Kontaktbeschränkungen mehr Raum im Leben der Jugendlichen einnimmt, besonders schlimm: Seibert stellt eine Zunahme von Cyber-Mobbing fest – „bis hin zur Zuspitzung, dass eine Nummernkombination, die für den amerikanischen Mordparagrafen steht, verbreitet wurde, um Mitschüler unter Druck zu setzen“.

Zudem sieht sie die Gefahr, dass durch den langen Lockdown nun der Druck wächst, den verpassten Lernstoff so schnell wie möglich wieder aufzuholen – und dadurch Sport und Freizeit weiter in den Hintergrund gedrängt würden. Seibert und ihre Berufskollegen vom BKJPP fordern die Verantwortlichen in Politik und Gesellschaft daher auf, „Einrichtungen der freien Träger der Jugendhilfe, Stadtteilzentren, Ganztagsschulen, Horte, Sport- und Kulturvereine für Kinder und Jugendliche besonders auch nach der Pandemie intensiv zu unterstützen und zu fördern“.

Bei allen schlechten Entwicklungen sind Seibert zufolge auch positive Aspekte erkennbar: „Interessanterweise war im letzten Sommer zu verzeichnen, dass überall weniger Stimulanzien verordnet werden mussten.“ Als Stimulanzien definiert die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Substanzen, die die Aktivität der Nerven erhöhen, beschleunigen oder verbessern. „Die Kinder profitierten deutlich von den geteilten Klassen“, vermutet Seibert als einen Grund für die sinkende Notwendigkeit, solche Mittel zu verschreiben. Daraus müssten schulpolitische Konsequenzen gezogen werden: „Wo bleiben die Planungen und Finanzierungen zu anstehenden Renovierungsarbeiten oder Neubauten und inhaltlichen Umstrukturierungen mit den Erfahrungen aus der Pandemie?“ Bis 2025, dem Beginn des Ganztagsanspruchs von Grundschülern, seien ohnehin viele bauliche Veränderungen vorzunehmen.

Wenn Kinder und Eltern Stress gut bewältigen können, stärkt das die Resilienz (Widerstandsfähigkeit) und die Stresstoleranz der Kinder.

„Grundlegend für die Stärkung von Kindern ist, dass Sie als Eltern für Ihre Kinder da sind und dabei zuverlässig und zuversichtlich sind. Hilfreich ist nicht nur jetzt, dass Eltern und Kinder ehrlich und offen miteinander sprechen“, schreibt das BKJPP in einem Newsletter. „So können Sie Ihr Kind beispielsweise dazu ermutigen, über seine Gefühle zu sprechen, wenn Sie das ebenfalls tun. Denken Sie dabei aber an eine altersangemessene Form. Eine schöne Form des Austausches ist es, nach der Gute-Nacht-Geschichte am Abend kurz über die schönste und die blödeste Sache des Tages zu sprechen. Die Gefühle und Ängste Ihres Kindes sollten Sie immer ernst nehmen.“

Akute Hilfsmöglichkeiten im Netz

Der BKJPP empfiehlt den Verein „Corona School“ (www.lern-fair.de), ein Projekt zum Helfen bei Schulproblemen, sowie „Corona und du“ (www.corona-und-du.info), ein Selbsthilfeportal für Jugendliche.

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