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Achimer IT-Unternehmer Knuth Rüffer mit Büro in Kiew sucht Unterstützer für die Flüchtlingshilfe

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Von: Dennis Bartz

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Riskanter Trip in die Ukraine: IT-Unternehmer Knuth Rüffer am 9. März kurz hinter dem Grenzübergang.
Riskanter Trip in die Ukraine: IT-Unternehmer Knuth Rüffer am 9. März kurz hinter dem Grenzübergang. © Privat

85 Mitarbeiter waren für den Achimer IT-Unternehmer Knuth Rüffer in dessen Büro in Kiew tätig. Wegen des Kriegs in der Ukraine stehen die Räume nun leer. Einige Mitarbeiter sind inzwischen nach Deutschland geflüchtet – Rüffer hat ein Netzwerk aufgebaut, um sie hier zu unterstützen. 

Achim/Kiew – Auf die Bilder der Überwachungskameras, die das Büro seines IT-Unternehmens Scalors in der Mykola Pymonenka Street im Zentrum Kiews zeigen, kann der Achimer Knuth Rüffer trotz der Entfernung von etwa 1500 Kilometern Luftlinie jederzeit zugreifen – digitale Technik macht‘s möglich. „Noch steht dort alles. Der Westen Kiews ist zum Glück noch nicht so stark von den Folgen des Krieges betroffen“, erklärt der 42-Jährige im Gespräch mit dem Achimer Kreisblatt. Er schaue dort jedoch nur noch selten nach dem Rechten, gesteht er. Viel wichtiger sei ihm nämlich, dass seine 85 Mitarbeiter, die vor Kurzem noch am Standort in Kiew tätig waren, wohlauf sind. „Wir stehen täglich in engem Kontakt“, sagt Rüffer.

Sein komplettes Team habe Kiew inzwischen verlassen, um in vermeintlich sichere Gebiete der Ukraine zu gehen, einige sind aber auch nach Moldawien, andere nach Polen oder nach Deutschland geflüchtet. Das Bürogebäude ist deshalb verwaist, und ob die Mitarbeiter jemals dorthin zurückkehren können, ist völlig ungewiss.

Bereits Anfang Februar hatte Rüffer seinen Angestellten angeboten, dass er ihnen bei der Flucht hilft. Doch die meisten Menschen in der Ukraine zögern noch damit, ihr Land zu verlassen. „Sie wollen so lange wie möglich bleiben. Wenn Putin aber erst den Westen angreift, sieht die Lage ganz anders aus“, fürchtet Rüffer.

Gemeinsam mit Unterstützern hat er die Facebook-Gruppe „Flüchtlingshilfe Ukraine Bremen/Achim“ ins Leben gerufen, die inzwischen knapp mehr als 900 Mitglieder hat und stündlich wächst. „Schon am ersten Tag, nachdem wir sie livegeschaltet haben, habe ich mehr als 400 Nachrichten beantwortet“, berichtet Rüffer.

Zunächst sei es ihm vor allem darum gegangen, sein Team sowie deren Familien und Freunde in Sicherheit zu bringen. „Aber inzwischen helfen wir jedem, der uns bittet“, betont Rüffer, der in Bierden aufgewachsen ist.

Im März 2015 war er mit seinem Büro von Lissabon nach Kiew gezogen. In der vergangenen Woche sollte dort ursprünglich das siebenjährige Bestehen gefeiert werden – doch danach ist seit Ausbruch des Angriffskriegs von Russland auf die Ukraine keinem aus seinem Team zumute.

Von einigen Mitarbeitern wisse er nur sehr vage, wo sie sich derzeit aufhalten, erklärt Rüffer. Denn die, die in der Ukraine geblieben sind, fürchten, dass sie ins Militär eingezogen werden könnten. „Zwei hat es schon erwischt, der eine ist als Sanitäter an der Front, der andere gerade im Militärtraining – das sind Dinge, über die ich gar nicht nachdenken mag“, sagt Rüffer.

Trotz der kritischen Situation: Sein Unternehmen ist weiterhin tätig, und das mit immerhin etwa 60 bis 65 Prozent Auslastung, schätzt der IT-Experte: „Viele Mitarbeiter sind im Homeoffice und wollen weiterarbeiten – es tut ihnen in dieser schweren Zeit gut, sich abzulenken. Zum Glück funktioniert das Bankensystem in der Ukraine noch und wir können weiterhin die Gehälter bezahlen.“

Wer sich zur Flucht entscheidet, meldet sich bei Rüffer – und bekommt Hilfe: Ende Februar war der IT-Unternehmer selbst bis an die Grenze gefahren, um seine Geschäftsführerin abzuholen, die bis dahin in der Nähe des Militärflughafens in Luzk lebte – bei Angriffen darauf starben nur wenige Tage später mehrere Menschen. Mitte dieser Woche haben einer seiner Rekruter und ein Programmierer mit dessen Familie, insgesamt acht Flüchtlinge, ein Haus in Baden bezogen.

Viele Menschen in der Region bieten Hilfe an, so Rüffer – und die Facebook-Gruppe „Flüchtlingshilfe Ukraine Bremen/Achim“ helfe den Administratoren, die Angebote zu sichten, zu bündeln und selbst gezielt Hilfsanfragen zu stellen. „Derzeit brauchen wir unter anderem Leute, die Möbel aufbauen – auch Paten sind immer gefragt“, so Rüffer.

Er dankt dem Achimer Unternehmen Desma für dessen Unterstützung: „Sie stellen uns ein ehemaliges Vertriebsbüro zur Verfügung, in dem wir in der kommenden Woche eine Kleiderbörse für die Flüchtlinge einrichten werden.“ Auch die Zusammenarbeit mit der Stadt Achim sei „sehr gut“. „Derzeit laufen Gespräche darüber, wie die Verwaltung die Hilfen koordinieren kann. Ich führe nebenbei noch ein Unternehmen – beides unter einen Hut zu bringen, ist sehr schwer“, erklärt Knuth Rüffer.

Ich bin mit Leuten aneinandergeraten, die nicht akzeptieren wollen, dass die Menschen nach ihren traumatischen Erlebnissen auch Ruhe brauchen.

Knuth Rüffer

Er sei zwar insgesamt beeindruckt von der Hilfsbereitschaft der Menschen in der Region – doch einigen falle es schwer, auch Rücksicht auf die Geflüchteten zu nehmen: „Ich bin mit Leuten aneinandergeraten, denen alles nicht schnell genug geht und die nicht akzeptieren wollen, dass die Menschen wegen ihrer traumatischen Erlebnisse auch Ruhe brauchen. Einige haben leider das Ziel, sich selbst wichtig zu machen“, so der Unternehmer.

Insgesamt 29 Flüchtlinge aus der Ukraine seien bereits angekommen, neun davon seien Kinder. Vielen gehe es zunächst schlecht: „Die Menschen fallen in ein tiefes Loch und sind seelisch fertig“, beschreibt Rüffer die Gefühlslage der Flüchtlinge. Sie würden ständig Nachrichten und Livestreams verfolgen. „Sie kommen so gar nicht aus dieser Schleife. Sie stehen unter Dauerstress“, so Rüffer weiter.

Große Sorgen würden sich die Flüchtlinge zudem um ihre Angehörigen und Freunde machen, die noch in der Ukraine sind: „Die Menschen sitzen dort oft ohne Strom und Gas in Kellern – oft haben die Flüchtlinge deshalb tagelang keinen Kontakt zu ihnen und leben hier mit dieser Ungewissheit.“ Ein großes Problem entstehe für die Geflüchteten dann, wenn nachts Feuersirenen aufheulen: „Denn die klingen genauso wie der Alarm in Kiew – und dann ist die Angst sofort zurück“, so Rüffer.

Er glaubt, dass der Krieg in der Ukraine die Menschen in der Region noch lange beschäftigen wird und hofft, dass die Hilfsbereitschaft nach der ersten Euphorie nicht nachlasse. „Die große Arbeit kommt erst noch auf uns zu. Viele Städte in der Ukraine sind jetzt schon so stark zerstört, dass die Menschen nicht sobald dorthin zurückkehren können.“ Er selbst war zuletzt am 9. März ins Kriegsgebiet gereist, um im Grenzbereich Mitarbeiter bei der Flucht zu unterstützen und einen Wagen abzuholen.

Bislang habe die Unterbringung der Menschen gut geklappt. Einige Flüchtlinge seien zwischenzeitlich zum Beispiel im Gästehaus Schlossgarten in Etelsen untergekommen, andere im Bremer Hotel Munte. „Die Nähe zum Bürgerpark und zum Universum bietet dort tolle Freizeitmöglichkeit und hilft so dabei, sich abzulenken“, betont Rüffer.

Bei allem Stress und all den traurigen Nachrichten gebe es auch Lichtblicke: Den geflüchteten Kindern falle es insgesamt leichter, sich auf die Situation einzustellen, so seine Beobachtung. „Es ist ein gutes Gefühl, sie lachen und spielen zu sehen. Ein Kind besucht die Grundschule in Bierden und lernt rasend schnell deutsch“, zählt Rüffer auf. Einem Mädchen gefalle die Unterkunft im Dachgeschoss eines Hauses so gut, dass es zu seiner Mutter gesagt habe: „Mama, ich wollte schon immer in einem Haus auf dem Land wohnen.“ Dies seien Momente, die ihm und den anderen Helfern viel Kraft geben.

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