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Achim wächst über Nacht um Baden und Co.

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Von: Michael Mix

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Christoph Rippich, heute Ehrenbürgermeister von Achim, spielte damals eine entscheidende Rolle.
Christoph Rippich, heute Ehrenbürgermeister von Achim, spielte damals eine entscheidende Rolle. © Mix

Achim – Der 1. Juli 1972 stellte für die Menschen im Raum Achim und in ganz Niedersachsen einen Einschnitt dar. Plötzlich hieß ihr Wohnort nicht mehr Baden oder Bierden, zumindest offiziell und im Pass, den sie auch nicht mehr wie gewohnt im Rathaus um die Ecke ausgestellt bekamen. Denn die Gemeindeverwaltung und ebenso der Gemeinderat, also die politische Bürgervertretung, büßten ihre Existenz ein.

Ihr alter Bürgermeister hatte nun auch nicht mehr das Sagen.

Mit der Mitte 1972 in Kraft tretenden Gebietsreform verloren die Gemeinden Baden, Bierden, Bollen, Embsen, Uesen und Uphusen ihre Eigenständigkeit und kamen zu Achim, dem Borstel bereits seit 1929 angehört. Damit vergrößerte sich die Fläche der Kleinstadt erheblich. Und mit den „Ortsteilen“ Baden samt Badenermoor, Bierden, Uesen und Uphusen sowie den „Ortschaften“ Bollen und Embsen wuchs Achims Bevölkerung über Nacht um mehr als das Doppelte auf rund 23 000 Einwohner an und stieg damit zur größten Stadt im Landkreis Verden auf.

Eine Zäsur, die lange nachwirkte, zum Teil noch heute andauert. Kaum einer weiß das besser als Christoph Rippich, seinerzeit Achimer Bürgermeister, der beim am 29. Mai 1972 geschlossenen Gebietsänderungsvertrag und in den Jahren danach eine entscheidende Rolle spielte. Er hatte schon im Vorfeld der von zig Bürgern und Repräsentanten aus den Dörfern rings um die Stadt heftig bekämpften Reform des Landes Weichen gestellt, wie der 83-Jährige im Gespräch mit dieser Zeitung verrät.

„Oberkreisdirektor Fritz Berner fragte mich 1969, ob ich es übernehmen könnte, die schwierige Situation zu lösen“, erinnert sich Rippich (SPD), den die Achimer Bevölkerung ein Jahr zuvor mit gerade mal 30 Jahren zum ehrenamtlichen Bürgermeister gewählt hatte und der als Diplom-Verwaltungswirt beim Senator für Inneres in Bremen arbeitete. „Da habe ich es gemacht.“

Rippich lud die Bürgermeister und weitere Vertreter der sechs Gemeinden zu Sondierungsgesprächen ein, wobei das Stadtoberhaupt den Vorsitz innehatte. Es gab eine Menge Redebedarf. Nahezu 20 Sitzungen seien nötig gewesen, bevor schließlich alle ihre Unterschriften unter den Gebietsänderungsvertrag setzten. „Da waren sehr viele Leute, die eine andere Struktur wollten, in Baden zum Beispiel“, blickt Rippich zurück. Das große Weserdorf habe sich mit Etelsen und dem „reichen“ Posthausen zusammenschließen wollen. Das war nach seinen Angaben allerdings nicht im Sinne des Landes, das neue, größere Gebilde mit annähernd gleich guten finanziellen Verhältnissen verlangte.

Bierden dagegen liebäugelte schon in den frühen 60er-Jahren mit einem Zusammengehen mit Achim. „Bürgermeister Martin Brüns war ein vernünftiger Mann, der erkannt hat, dass immer mehr organisiert werden muss, was nur mit einer größeren Verwaltung in einer größeren Einheit zu machen war“, schildert Rippich.

Trotz der unterschiedlichen Ausgangslagen und Auffassungen seien die Treffen in angenehmer Atmosphäre verlaufen. „In den Sitzungen ist kein scharfes Wort gefallen“, betont Rippich, alle Delegationen von Baden bis Uphusen hätten konstruktiv zusammengearbeitet. Zwischendurch habe er mit einigen Bürgermeistern auch in vertraulichen Gesprächen nach Lösungen gesucht, „natürlich immer auf der Grundlage der Beschlüsse ihrer jeweiligen Gemeinderäte“.

Es ging um viel mehr als lediglich darum, mit dem vereinbarten „Nah-Programm“ die Infrastruktur im gesamten neuen Stadtgebiet zu verbessern. „Die Sorge bei den Bürgern war, dass die Geschichte ihrer Gemeinde untergeht“, erklärt der Achimer Ehrenbürgermeister. Gerade die Älteren hätten befürchtet, dass ein „Einheitsbrei“ entstehe.

Ein Moment von heimatgeschichtlicher Bedeutung: Am 29. Mai 1972 unterzeichneten die Bürgermeister von Achim, Baden, Bierden, Bollen, Embsen, Uesen und Uphusen den Gebietsänderungsvertrag, worüber das Achimer Kreisblatt am folgenden Tag berichtete.
Ein Moment von heimatgeschichtlicher Bedeutung: Am 29. Mai 1972 unterzeichneten die Bürgermeister von Achim, Baden, Bierden, Bollen, Embsen, Uesen und Uphusen den Gebietsänderungsvertrag, worüber das Achimer Kreisblatt am folgenden Tag berichtete. © mix

„Wir entwickelten daraufhin die Vorstellung, dass ein Zusammenschluss mehrerer Gemeinden zunächst mal eine administrative Aufgabe ist.“ Was allerdings nicht dazu führen dürfe, dass in Jahrhunderten gewachsene Traditionen verschwinden.

Dazu sollte auch die von Rippich vorgeschlagene Bildung von Ortsausschüssen beitragen. „Das war meine Idee. Denn anders als bei Ortsräten sind die Mitglieder dieses Gremiums automatisch auch im Stadtrat vertreten.“ Dieses bis heute praktizierte „Achimer Modell“, das in Niedersachsen einmalig sei, biete einen großen Vorteil. „Wenn jemand im Ortsausschuss etwas fordert, muss er das später auch im Stadtrat verantworten“, erläutert Rippich.

Trotz des umstrittenen Gebietsänderungsvertrags sei eine Formel gefunden worden, die Handlungsfähigkeit der Kommunalpolitik zu erhalten. „Indem Forderungen der bis dahin eigenständigen Gemeinden dem Papier beigefügt wurden, wie etwa die, am Lahof in Baden ein Sportzentrum zu errichten.“ Sehr viel aus diesem „Katalog“ habe die Stadt im Laufe der Jahre verwirklicht. So verfügten die Ortsteile weiterhin über eine Feuerwehr, Kindertagesstätte und Grundschule.

Ein amtliches Dokument aus jener Zeit.
Ein amtliches Dokument aus jener Zeit. © bartz

Bei allem Bemühen darum, die Identität der alten Dörfer weitgehend zu bewahren, hatte Rippich beim Zusammenschmieden der einzelnen Glieder aber auch das große Ganze im Blick. Ziel sei es, die neue Stadt Achim allen Bürgern in den einzelnen Ortsteilen und Ortschaften in der Weise näherzubringen, dass sie diese als „ihre Stadt“ anerkennen, formulierte er am 21. Juni 1972 in einem 33-seitigen Konzeptpapier. „Das wird sicher nicht von heute auf morgen möglich sein, sondern muss wachsen“, fügte Rippich vorausahnend hinzu. „Unter dem in gewisser Weise gewollten Ortsteildenken hat die Stadt als Ganzes etwas gelitten“, räumt er heute auch selbstkritisch ein.

Christoph Rippich, der bis 2006 als Achimer Bürgermeister amtierte, ist mit seiner Arbeit in Sachen Gebietsreform dennoch zufrieden. „Ich habe mich bemüht und es geschafft, dass sich kein Ortsteil benachteiligt gefühlt hat. Das zeigen auch meine guten Wahlergebnisse.“

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