Landkreis soll Taxiunternehmen wechseln

„Er hat Angst, Panik“ – Fahrdienst für hörgeschädigten Sohn bringt Mutter in Rage

Der Landkreis hatte den Fahrdienst neu ausgeschrieben, und ein anderes Unternehmen machte das Rennen. Foto: Noah Wedel via www.imago-images
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Der Landkreis hatte den Fahrdienst neu ausgeschrieben, und ein anderes Unternehmen machte das Rennen.

Der zehnjährige John aus Achim ist hörgeschädigt. Der Drittklässler besucht seit dem Sommer 2017 das Landesbildungszentrum in Oldenburg, nachdem bei ihm die Inklusion in einer Achimer Grundschule vor zwei Jahren „nicht geklappt hat“, wie Johns Mutter Sigrid Renz berichtet. Die Lehrer hätten die drahtlosen Signalübertragungsanlagen nicht nutzen wollen.

Achim - In Oldenburg hingegen funktioniere die Beschulung gut, dort habe er seine Freunde. Der Junge hatte anfangs auch probiert, in dem Internat auf dem Gelände zu wohnen. Weil er aber zu großes Heimweh hatte, kam er nach wenigen Wochen wieder nach Hause. Ein Fahrdienst aus Oyten brachte ihn zum Landesbildungszentrum und holte ihn auch wieder aus der Huntestadt ab. „Er hat die Fahrt gut gemeistert, auch die Baustelle auf der A 1 (in Brinkum, d. Red.). Der Fahrdienst war super. Ich habe mir nie Sorgen gemacht“, so die Mutter.

Zum neuen Schuljahr musste der Landkreis den Fahrdienst neu ausschreiben. Ein anderes Unternehmen machte das Rennen. Doch damit ist die Mutter nicht zufrieden. So wechselten ihren Angaben zufolge immer die Fahrer, das Auto sei dreckig von Hundehaaren gewesen. Ein Fahrer habe das Auto während der Fahrt in einem Kreisverkehr im Achimer Gewerbegebiet abgestellt, um sich zu erleichtern, habe ihr Sohn ihr berichtet. Und es sei mit dem Handy am Ohr telefoniert worden.

Schlimmes Erlebnis auf einer Taxi-Rückfahrt

Das nach Angaben der Mutter schlimmste Erlebnis für John: Mitte Februar habe es auf der Rückfahrt einen Unfall in der Brinkumer Baustelle gegeben. Ein Lkw habe den Außenspiegel des Taxis gestreift beziehungsweise abgefahren. Die Fahrerin sei daraufhin weitergefahren, und zwar bis Elsdorf, statt den Jungen nach Hause zu bringen. Erst dreieinhalb Stunden später als gewöhnlich sei er bei seiner Mutter angekommen, hungrig und noch ganz erschrocken vom Unfall.

John war vor der coronabedingten Pause vom Kinderarzt krankgeschrieben, weil er sich laut Sigrid Renz partout nicht mehr in das Taxi setzen mochte. „Er hat Angst, Panik.“ Wenn er den Namen des Fahrdienstunternehmens höre, fange er an zu weinen.

Fahrdienst von Achim: „Psycho-emotionale Auffälligkeiten vermeiden“

Bereits seit Anfang Dezember liegt der Mutter eine Stellungnahme einer Praxis für Kinder- und Jugendpsychotherapie vor, in der „dringend empfohlen“ wird, die Beförderung durch ein anderes Taxiunternehmen zu organisieren, um weitere  „psycho-emotionale Auffälligkeiten zu vermeiden“.

Nach dem Unfall hat die Praxis diese Empfehlung noch einmal gegeben. Die Mutter habe den Jungen zunächst selbst nach Oldenburg gefahren, doch Arbeit und Familie verhinderten das auf Dauer.

Sigrid Renz hat eine Anwältin eingeschaltet, um auf eine Ausnahmegenehmigung hinzuwirken, dass ihr Sohn wieder mit dem früheren Unternehmen fahren darf.

Die von der Mutter kritisierte Firma weist die Vorwürfe vehement zurück. Von vornherein sei die Mutter nicht einverstanden gewesen damit, dass ein neuer Fahrdienst zuständig sei, heißt es von der Geschäftsführung. Es stimme auch nicht, dass die Fahrer immer wechselten, das sei nur ganz zu Anfang so gewesen. Seit mehreren Monaten sei nur eine Fahrerin für den Jungen zuständig, und die habe auch einen guten Draht zu John, wie die Sprecherin des Taxiunternehmens versichert. Die Fahrer nutzten für Telefonate die bordeigene Freisprecheinrichtung. Die Weiterfahrt nach Elsdorf nach dem Unfall sei mit der Polizei abgesprochen gewesen.

Fahrdienst: „Wir haben langsam die Faxen dicke“

Und die Sprecherin der Geschäftsführung unterstreicht: „Seit 15 Jahren machen wir solche Fahrten, nicht nur für den Landkreis Verden, sondern auch für die Kreise Osterholz und Rotenburg. Es hat noch nie Probleme gegeben.“ Das Angebot eines persönlichen Gesprächs habe die Mutter ausgeschlagen. Es bleibe ihr unbenommen, ihren Sohn selbst nach Oldenburg zu fahren. „Wir haben langsam die Faxen dicke. Irgendwann reicht es und es wird geschäftsschädigend“, sagt die Sprecherin der Geschäftsführung.

Landrat Peter Bohlmann teilt auf Nachfrage mit: „Den Vorwürfen sind wir mit dem Ergebnis nachgegangen, dass wir sie in der erhobenen Form nicht bestätigen können. Häufig steht Aussage gegen Aussage. Und zu medizinischen Gutachten äußern wir uns aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht.“

Eine Kündigung gegenüber dem neuen Fahrdienst wäre ein Vertragsbruch, der Schadensersatzzahlungen auslösen könnte. Die vom Steuerzahler finanzierten Leistungen der Schülerbeförderung seien alle fünf Jahre auszuschreiben, und aus dem Verfahren sei das betreffende Unternehmen erfolgreich hervorgegangen, so Bohlmann.

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