Freter und Kläning schließen

Zwei Achimer Bäckereien voller Tradition machen dicht

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Die Bäckerei Freter (links) hat aus persönlichen Gründen Insolvenz angemeldet.

Achim - Schlechte Nachrichten für Kunden und Beschäftige: Das Aus für gleich zwei Bäckereien in Achim, für die Firma Freter und Kläning.

„1900 - 2018“ würde auf dem Grabstein für die Bäckerei Freter aus Baden stehen. In dritter Generation hat der Familienbetrieb, bei dem derzeit 16 Mitarbeiter beschäftigt sind, Insolvenz angemeldet. Er wird nach bisherigem Stand laut Auskunft von Wilfried Freter auch nicht weitergeführt und voraussichtlich Ende März schließen. Das gilt auch für die Achimer Filiale.

Im Grunde sei dieser Bäckereibetrieb wirtschaftlich gesehen gar kein Insolvenzfall, betont Freter senior angesichts eines ansehnlichen Kundenstamms, wobei der größte Abnehmer das Waldheim in Cluvenhagen sei.

Der heute 49-jährige Sohn Carsten Freter, seit 2002 Chef der Bäckerei, habe aber inzwischen aus persönlichen Gründen das Interesse an einer Weiterführung völlig verloren und dies auch in Gesprächen mit Banken deutlich gemacht. Sein Vater Wilfried ist 75 Jahre und kümmert sich weiterhin im Büro des Geschäfts um anstehende Aufgaben. „Notfalls hätte ich den Laden auch noch allein weiter geleitet“, betonte er im Gespräch mit dieser Zeitung. Doch seien etliche Kundenbeziehungen inzwischen zerbrochen. Wilfried Freter hatte mit dem Junior einen Beratervertrag abgeschlossen, kündigte diesen aber zum 31. Dezember vorigen Jahres auf.

1966 hatte der jetzige Senior den damaligen Drei-Mann-Betrieb von Schwiegervater Hinrich Rickens übernommen – Vater von Freters Ehefrau Hanna und Sohn von Johann Rickens, der im Oktober 1900 diese Badener Bäckerei gründete.

Die Kläning-Filiale am Bierdener Steinweg ist geschlossen. Gleiches gilt für den Standort an der Feldstraße und die Backstube am Rehland 10. Einzig erhalten bleibt das Geschäft in Uesen, das die Bäckerei Klatte übernimmt.

In Spitzenzeiten Mitte der 80er Jahre und auch 1988 bei der Übergabe an den schon im Jahr 2002 verstorbenen Freter-Sohn Markus gab es bis zu 35 Mitarbeiter. Rund 1100 Kunden täglich waren in Baden, Etelsen und Achim zu versorgen und auch etliche Gaststätten. „Unsere Produkte hatten und haben einen guten Ruf“, betont Wilfried Freter, dem das Ende jetzt spürbar zusetzt. Diese Bäckerei ist die letzte von einstmals drei in Baden. Der Entzug des Backshops im örtlichen Edeka-Markt vor einigen Jahren sei dann zwar ein schwerer Schlag, aber doch verkraftbar gewesen, betont Wilfried Freter.

Von den Mitarbeitern haben sich manche um neue Stellen beworben. Immer mehr kommen nicht mehr oder fehlen krankheitsbedingt, berichtet er. Sohn Carsten ist für seinen Vater und etliche andere derzeit kaum erreichbar.

Rückblick auf 110 Jahre Backtradition

Nächstes Jahr wären es 40 Jahre gewesen: am 15. Februar 1979 eröffnete Karsten Kläning das gleichnamige Café an der Obernstraße 44. Nun gibt der 73-jährige Bäcker- und Konditormeister aus Krankheitsgründen sein Geschäft auf. Während die Filialen an der Feldstraße und in Bierden schließen, wird das Geschäft an der Verdener Straße 37 in Uesen von der Bäckerei Klatte aus Thedinghausen unter neuem Namen weiter geführt.

Die etwa 18 Beschäftigten der Handwerksbäckerei, darunter auch Lehrlinge, wechseln zu anderen Betrieben.

An der Obernstraße, wo sich heute die Buchhandlung Hoffmann befindet, war der erste Achimer Standort des Familienunternehmens aus Findorff: unten der Verkaufstresen, im ersten Stock das Café und im Keller die Backstube. „Das waren ganz andere Zeiten“, erinnert sich Maren Lehtinen, von 1979 bis 2016 Konditormeisterin bei Kläning. „Oben waren 120 Sitzplätze und der Laden brummte, obwohl der Bäcker Stadtlander direkt gegenüber war.“

Doch mit dem Bau der Umgehungsstraße Mitte der 90er-Jahre fielen die Parkplätze vor der Tür weg und das Geschäft flaute ab. Folglich gab Kläning das Café auf und eröffnete stattdessen drei neue Filialen: an der Feldstraße, in Uesen und in Bierden. Hinzu kamen die neuen, größeren Produktionsräume im Gewerbepark Achim-Uesen.

Produktion blieb nahezu unverändert

Obgleich sich die Bäckerei vergrößerte, blieb in der Produktion (fast) alles beim Alten. Das meiste wurde weiterhin von Hand gefertigt. „Wir haben bis zum Schluss wenig mit Fertigprodukten gearbeitet. Herr Kläning verwendete noch die Rezepte seines Urgroßvaters“, weiß Lehtinen. Die Familie Kläning blickt auf mehr als 110 Jahre Bäcker- und Backtradition zurück.

Klänings Kerngeschäft umfasste Brot und Brötchen, besonders für Großkunden, und Spezialtorten für jeden Anlass. „Eine Beerdigungstorte habe ich in all diesen Jahren nicht gemacht, aber sonst war alles dabei“, erinnert sich die 60-jährige Konditormeisterin.

Seit dem 8. Januar 2018 war klar, dass es mit der Bäckerei Kläning nicht weiter geht. Denn nach der Erkrankung von Karsten Kläning war auch Bäckermeister Andreas Mindermann durch einen Unfall außer Gefecht gesetzt.

Kläning reiht sich in einen Trend ein, an dem die Brottheken in den Supermärkten ihren Anteil haben, glaubt Lehtinen. Der Geschmack bei den Kunden habe sich gewandelt, Qualität sei nicht mehr entscheidend. Bei einem Blick auf die Inhaltsstoffe müsse jedoch jedem klar sein, was die Discounter da anbieten: „Das ist kein Brot mehr, das ist Chemie.“

Der Gedanke, dass die Bäckerei Klatte das Ladengeschäft in Uesen übernimmt, gibt Lehtinen ein beruhigendes Gefühl. „Ich freue mich darüber, weil sie gute Arbeit machen, auf ähnliche Weise, wie wir produzieren. Da bin ich auch für die Kunden heilfroh.“  

la/ldu

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