Seit drei Jahren an der Brückenstraße

Kleiderkauf mit gutem Gewissen im Terre-des-Hommes-Markt

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Gerade an Markttagen ist immer viel los: Heidi Franz verkauft Hosen und Hemden für ein paar Euro. Ousmarie Camara von der Elfenbeinküste und Mhanna Mhanna, der aus Syrien geflüchtet ist, nutzen das Angebot gern.

Achim - Von Lisa Duncan. Die junge Frau schaut überrascht aus, als Heidi Franz ihr eine Einkaufstüte mit diversen Kleidungsstücken überreicht, und die Kundin darin ein kleines Geschenk in Form einer Handcreme entdeckt.

„So etwas gebe ich manchmal noch obendrauf“, erklärt Heidi Franz. Die Wahl-Achimerin, die aus Wien stammt, steht regelmäßig ehrenamtlich hinter dem Verkaufstisch im Terre-des- Hommes-Markt Achim (ehemals Kleiderbörse) - ihres Wissens nach bundesweit der einzige Laden seiner Art. „Andere Gruppen wollten das schon nachmachen, der Bedarf ist da, aber das muss wachsen“, sagt Franz, die vor mehr als 35 Jahren die Achimer Arbeitsgruppe von Terre des Hommes (TDH) mitbegründete.

Seit genau drei Jahren befindet sich der Laden, in dem es für kleines Geld alles von der Oberbekleidung bis zum Haushaltsgerät zu kaufen gibt, in den Räumen an der Achimer Brückenstraße 5. Das Angebot besteht durchweg aus gespendeten Sachen, die Privatpersonen dort während der Öffnungszeiten (montags von 15 bis 18 Uhr, mittwochs von 10 bis 12 Uhr und samstags von 10 bis 12 Uhr) abgeben können. Alles wird angenommen und von einem 20-köpfigen Team der TDH-Gruppe Achim aufwendig sortiert, sodass etwa Sommer- und Wintermode im Wechsel angeboten werden kann.

Das rund 200 Quadratmeter große Geschäft, ehemals Schuhhaus Kohnert, stand schon einige Jahre leer, als die Terre-des-Hommes-AG dort 2016 mit ihrer Kleiderbörse einzog. Eine wesentliche Vergrößerung gegenüber dem alten, 75 Quadratmeter kleinen, Standort an der Feldstraße 34. Die Freiwilligenagentur Achim erkannte den Bedarf aufgrund der Flüchtlingskrise und half beim Suchen geeigneter Räume. Auch 2019 zahlt die Stadt wieder einen Mietzuschuss von 5000 Euro, wie Wiltrud Ysker, Fachbereichsleiterin Bildung, Soziales und Kultur im Rathaus, bestätigte. Zwischendurch sei gar das Nientkewitz-Haus, in das bald das Stadtcafé einziehen soll, im Gespräch gewesen, erzählt Franz. Jedoch wollte der Eigentümer nur auf zwei Jahre befristet vermieten.

Viel Glück mit dem Vermieter

Dass es anders kam, ist für Heidi Franz ein Glücksgriff. Nicht nur wegen der zentralen Lage: Mit Rechtsanwalt Hans-Joachim Busch habe man zudem einen kulanten und kooperativen Vermieter an der Hand, „der sich auch nicht aufregt, wenn Leute seine Einfahrt kurz behindern“, so Franz. Damit ist er nicht allein: „Wir haben viel Zuspruch, es wird auch freudig gespendet.“ Manchmal auch Kosmetik-Probepackungen, Stifte oder kleine Spielsachen, die dann zum Verschenken in einer Schublade beim Ladentisch bereit stehen. Für alles andere muss die Kundschaft bezahlen.

Da im Unterschied zur Achimer Tafel auch Nichtbedürftige im Laden stöbern dürfen, beschränkt sich die Kundschaft nicht auf sozial Benachteiligte. Nicht nur Ortsansässige, auch Besucher aus Verden oder Bremen nutzen das Angebot. Laut Franz natürlich viele Geflüchtete, die nur wenige Dinge besitzen und beim Einkauf sparen müssen. Aber auch Türken und Russen mit deutschem Pass, junge Familien, die preiswerte Kinderkleider suchen, oder Schnäppchenjäger sowie Jugendliche, die etwas „Flippiges“ suchen. Wenn die ehrenamtlichen Helfer sortieren, erkennen sie mit geübtem Auge oft sofort, welche Kundengruppe sich - im Wortsinn - von einem bestimmten Kleidungsstil angezogen fühlt.

Nachfrage ändert sich in Wellen

Davon abgesehen wechselte im Laufe der Zeit die Nachfrage nach bestimmten Artikeln, woran sich Franz zufolge gut nachzeichnen lässt, wie die Geflüchteten nach und nach in Achim ankamen. „Es gab so Wellen. Zuerst kam die Schuh-Welle, dann brauchten alle Bettwäsche, als nächstes Koffer, die in der Flüchtlingsunterkunft als Schrankersatz dienten, dann Fahrräder und Fahrradtaschen.“ Mit dem Familiennachzug kam die Nachfrage nach Kindersachen. Jetzt würden Haushaltsgeräte, kleine Möbelstücke oder Lampen benötigt. Aktuell sucht der Terre-des-Hommes-Markt übrigens elektrische Nähmaschinen, da viele sich ihre Sachen auch selbst schneidern.

Franz verfügt durch ihre ehrenamtliche Arbeit mit Flüchtlingen über viele Kontakte. Hinter dem Ladentisch versteht sie sich auch als Ansprechpartnerin für Menschen in schwierigen Situationen und verweist an die zuständigen Stellen oder erklärt amtliche Schreiben und Formulare. Oft wird sie auch angerufen, wenn irgendwo eine Haushaltsauflösung ansteht. Ein befreundeter Syrer, der gelegentlich im Laden als Übersetzer aushilft, kommt mit zu den Terminen. „Er weiß meist, was die Leute brauchen“, so Franz.

Franz lebte selbst viele Jahre im Ausland (Singapur, Taiwan und Madrid). „Den schlimmsten Kulturschock hab ich in der Pfalz erlebt“, sagt sie rückblickend. Zu Terre des Hommes kam sie über ihr Engagement für die Boat People aus Vietnam.

In der Vorweihnachtszeit erhielt die TDH-Gruppe Achim viele Spenden mit ausrangierter Weihnachtsdeko. „Das wurde wie verrückt gekauft“, sagt Franz - auch und gerade von Kunden, die aus überwiegend muslimisch geprägten Ländern kommen. Einen ähnlichen Ansturm erwarten die ehrenamtlichen Ladenbetreiber nun für Osterschmuck, der ebenfalls bereits gespendet wurde.

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