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Achim: Rustikales Ambiente trifft auf Tortenkreationen

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Von: Marvin Wennhold

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Ein Stück Torte auf einem Teller.
Die Mitarbeiter im Café im Clüverhaus kreieren jeden Tag vor Ort neue Torten für ihre Gäste. © Wennhold

Achim – Die Tür aus schwarz lackiertem Holz, bestückt mit kleinen weißen Kachelfenstern, streift fast geräuschlos über den braunen Fliesenboden. Dahinter ein großer, offener Raum. Lange, wuchtige Balken aus dunklem unbehandelten Holz sorgen an der Decke dafür, dass alles an Ort und Stelle bleibt. In der Luft des Raumes, dessen Interieur an frühere Zeiten erinnert, liegt der Geruch von frisch aufgebrühtem Kaffee und warmer Milch – es ist an der Zeit, sich hinzusetzen.

Im von den Waldheim-Werkstätten betriebenen Café im Clüverhaus, Große Kirchenstraße 1, passen sich Stühle und Holztische farblich dem Rest des Raumes an. Der Charme vergangener Tage wirkt ungewöhnlich erfrischend. Lange bleibt hier niemand unentdeckt. Eine junge Frau kommt an den Tisch und fragt, was sie für mich tun könne. Sie heißt Sabrina und ist schon seit sechs Jahren hier tätig. „Vorher habe ich viele Jahre in der Werkstatt gearbeitet. Doch hier fühle ich mich sehr wohl“, sagt sie.

Das Café im typischen Stil eines niedersächsischen Fachwerkhauses unterscheidet sich nicht nur optisch von den meist seelenlosen Coffee-To-Go-Läden der Neuzeit. Auch die Mitarbeiter sind auf ihre Art einzigartig. Sie waren vorher, ähnlich wie Sabrina, größtenteils bei Werkstätten in der näheren Umgebung beschäftigt. Seit der Öffnung des Cafés 2009, haben Sie nun die Möglichkeit, einem normalen Vollzeitjob nachzugehen – trotz ihrer Behinderungen. Vor Ort wird schnell der Eindruck gewonnen, dass die Aufgabe ihnen richtig Freude macht.

„Es ist viel besser als in der Werkstatt“, sagt Ridvan. Der 25-Jährige arbeitet seit drei Jahren im Café. Heute ist er im Obergeschoss des Hauses unterwegs – Tischdecken müssen gewaschen und aufgehängt werden. Hilfe bekommt er bei dieser Aufgabe von Paul und Lukas, der gewaschene Schürzen glattbügelt. Paul hängt im Nebenraum die nasse Wäsche auf. „Er ist seit ein paar Jahren bei uns. Er hatte lange Zeit Schwierigkeiten, eine passende Aufgabe für sich zu finden“, sagt Claudia Enkemeier, die das Café und das Team leitet. Durch einen Tipp habe er vom Café im Clüverhaus erfahren. „Als Paul damals mit seiner Familie hereinkam, hat er sich sofort wohlgefühlt. Anders als bei früheren Stationen wollte er hier unbedingt bleiben.“ Das ist bis heute so: Paul ist schon eine ganze Weile da – trotz der etwas längeren Anreise mit dem Zug aus Bremen. „Er fährt mittlerweile jeden Tag selbstständig hier her“, sagt Enkemeier. Das zeige auch, dass er den Job unbedingt weiter machen wolle.

Doch nicht nur die Arbeit mache den Aufenthalt im Achimer Café für die Mitarbeiter aus. Auch das Miteinander sei ein entscheidender Faktor, weiß Enkemeier, die seit der Eröffnung im Jahr 2009 im Café im alten Fachwerkhaus tätig ist.

Sabrina weiß genau, was auf der Karte steht.
Sabrina weiß genau, was auf der Karte steht. © Wennhold

„Für viele ist das hier ein zweites Zuhause.“ Welch große Rolle das Café für die Belegschaft im Alltag spielt, habe sich vor allem in der Pandemie gezeigt. „Der Lockdown war für alle eine Herausforderung. Besonders die Isolation hat keinem gutgetan“, sagt die gelernte Bäckerin, die eine pädagogische Zusatzausbildung absolvierte. Umso glücklicher seien alle gewesen, als die Öffnung unter Auflagen wieder möglich wurde.

Einen positiven Effekt habe die Pandemie aber gehabt: „Corona hat die Mitarbeiter noch enger zusammengeschweißt.“ Sie hätten die schwere Zeit, die des Öfteren unschöne Diskussionen mit Gästen über die Corona-Maßnahmen beinhaltete, „perfekt gemeistert“.

13 Uhr – Zeit, die große verzierte Flügeltür vorne aufzumachen. Es dauert nicht lange, da stehen die ersten beiden Gäste im Eingangsbereich. Vorbildlich kontrolliert Mitarbeiterin Sabrina zusammen mit Kollege Lukas den Impfstatus. Bevor die Besucher zum Tisch begleitet werden, desinfizieren sie noch ihre Hände.

Die Auswahl an süßen Versuchungen ist groß. In der gläsernen, durch die Kühlung leicht beschlagenen Auslage stehen mehrere farbenfrohe Tortenkreationen bereit. Von der klassischen „Schwarzwälder-Kirsch“ bis hin zu Sahne- und Fruchtkreationen mit Pistazien ist alles dabei.

Damit die Auswahl in den Folgetagen nicht schrumpft, werden in der Küche parallel schon die Eier für die nächste leckere Kalorienbombe aufgeschlagen.

Heute ist Stephan der Chef in der Küche. Er ist „unser Oldtimer“, wie ihn Werkstattleiter Marcus Scherge, der heute ebenfalls zu Besuch im Café ist, liebevoll nennt. Das liegt daran, dass Stephan schon 13 Jahre – also seit der Eröffnung des Cafés – mit dabei ist, wie er selbst erzählt. Das soll, wenn es nach ihm geht, auch so bleiben: „So lange es weiterläuft, bleibe ich auch dabei. Mir gefällt die Arbeit sehr“, sagt er.

In der Küche werden alte und neue Rezepte umgesetzt.
In der Küche werden alte und neue Rezepte umgesetzt. © Wennhold

Hinten in der Küche zeigt der erfahrenste Mitarbeiter einer Praktikantin, wie ein Rezept am besten in die Tat umgesetzt wird. „Hier bringen sich die Mitarbeiter untereinander viel selbst bei. Das fördert den Zusammenhalt“, sagt Enkemeier. Bei Tortenkreationen halte sie sich meist raus. „Das machen die schon ganz alleine.“ Ridvan beispielsweise sei schon so geübt darin, dass er sich auch spontan tolle Rezepte ausdenke – „je nachdem, was eben gerade an Zutaten im Haus ist.“ Auch die 33-jährige Sabrina schlägt gerade am Tisch ein Rezeptbuch auf, um auf neue Ideen zu kommen.

Doch ganz ohne Ausbildung geht es laut Enkemeier nicht. „Hier sind alle über den Berufsbildungsbereich hergekommen. Vor Ort durchlaufen sie dann erst mal ein Praktikum, das in mehrere Phasen aufgeteilt ist“, sagt die Leiterin. Insgesamt seien es etwa zwölf Wochen. Dabei würden sie unter anderem die Küche und den Servicebereich durchlaufen. „Mit der Zeit übernehmen sie dann immer mehr Aufgaben.“

Am Ende stehen die angehenden Konditoren und Servicekräfte dann vor der Wahl, hierzubleiben oder zurück in eine der Werkstätten zu gehen. „Viele wollen bleiben“, sagt Enkemeier. Doch die Entscheidung sei natürlich nicht unwiderruflich. „Sie können sich jederzeit wieder umorientieren.“

Nachdem die Entscheidung gefallen ist, dass es heute bei einem Stück Torte bleibt, ist es an der Zeit, aufzubrechen. Enkemeier geht noch mal in Richtung Kaffeemaschine. Sie war nicht ganz zufrieden mit dem Ergebnis: „Der war für meinen Geschmack etwas zu dünn. Die nächste Kanne mache ich etwas stärker.“

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