Abgründe eines Pop-Märchens

Gelungenes Stück der Geschichts-AG des Gymnasiums am Markt über Abba-Sängerin

Oma Inger (Swantje Strassner) will ihre Tochter Greta (Antonia Raake) Disziplin beibringen. Da ahnt sie noch nicht, dass ihre Tochter bald von einem deutschen Wehrmachtssoldaten ein Kind erwartet. - Fotos: Duncan

achim - Von Lisa Duncan. Wie sehr historische Ereignisse nicht nur das Gestern, sondern das Hier und Jetzt bestimmen, zeigte die Geschichts-AG des Gymnasiums am Markt eindrücklich mit ihrem neuen Theaterstück, das Montagabend im Kulturhaus Alter Schützenhof (Kasch) Premiere hatte. „Das Geheimnis meiner Kindheit“ zeichnet die Familiengeschichte von Anni-Frid Lyngstad nach, die mit der schwedischen Popgruppe „Abba“ weltberühmt wurde.

„Frida“ war lange Zeit selbst nicht bewusst, dass sie von einem Soldaten der deutschen Nazi-Besatzung in Norwegen abstammt. Und, wie das Schauspiel erzählt, ist dieses prominente Beispiel kein Einzelschicksal. Vielmehr lebten und leben rund 10 000 unerwünschte Nazi-Kinder in dem skandinavischen Land. Für die Diskriminierungen, die sie, gerade von staatlicher Seite erfuhren, wurden sie bis heute nicht entschädigt.

Das Stück, das Geschichtslehrer Michael Müller zusammen mit den AG-Teilnehmern entwickelt hat, basiert auf historischen Fakten. Es ist bereits die siebte Bühnenbearbeitung der Geschichts-AG. Für die vorherigen Stücke hatte Müller als „Stoff“ bereits diverse Themen, von der RAF bis zum Kieler Matrosenaufstand, verarbeitet. Oft sind es Themen, die im regulären Geschichtsunterricht ein wenig zu kurz kommen. Norwegen war von 1940 bis 1945 von den Nazis besetzt. „Wie viele andere Länder in Europa, aber hier ist es am besten dokumentiert“, so Müller.

Bei aller historischer Akuratesse lässt das Stück die dichterische Freiheit nicht ganz außer acht. So bildet „Waterloo“, Abbas Gewinner-Song beim Grand Prix D'Eurovision de la Chanson 1974, den Einstieg. Was nie geschah: Nach dem umjubelten Auftritt schummelt sich unverhofft der verlorene Vater mit einem Blumenstrauß auf die Bühne und bringt, nach Darth-Vader-Manier, den Stein ins Rollen. Zurück bleibt eine erschütterte Frida (Lena Panje).

Der Zuschauer erfährt Erschütterndes

In Wahrheit war es die Rechtsanwältin Sonja Fuchsbichler (Lea Neumann), die Frida Lyngstad und andere Betroffene zusammenbrachte, um für das Unrecht eine Wiedergutmachung einzufordern. Während sie die Fälle aufrollt, erfährt der Zuschauer Erschütterndes. Allen Kindern, die zu 50 Prozent Nazi-Erbgut in sich tragen, werden die Bildungschancen verwehrt. In den ländlichen Regionen kocht der Hass so hoch, dass sogar Babys erschlagen werden.

Agneta und Frida singen ihren Welthit „Waterloo“.

Im Fall von Frida Lyngstad ist es Oma Inger (toll gespielt von Swantje Strassner), die ihre Enkelin nach Schweden bringt, wo sie halbwegs normal aufwachsen kann. Nicht alle hatten so viel Glück: Ein weiteres Opfer hört von ihren Eltern das Ammenmärchen, als jüdisches Baby aus dem Konzentrationslager Dachau adoptiert worden zu sein. Der Junge Siegfried wächst in Deutschland bei Nazi-Eltern auf und wird von seinem Vater geschlagen und, als der Sprössling den Wehrdienst verweigert, fliegt er hochkant aus dem Elternhaus. Berit kommt in ein Heim für schwer erziehbare Kinder, wo sie Gartenarbeit verrichten muss und daher nicht am Unterricht teilnehmen darf.

Die Aufführung, an der die AG seit November feilt (das Drehbuch war im Februar weitestgehend fertig) war von gewohnt hoher Qualität. Herausragend spielten zudem Antonia Honemann in der Rolle des sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Gerhardsen, Marie Tebaay als Berit und Lea Neumann als Rechtsanwältin Sonja Fuchsbichler – um nur einige zu nennen. Kleiner Wermutstropfen: Etwas weniger Handlungsstränge und Ortswechsel hätten die Geschichte gestrafft und das Begreifen der Zusammenhänge erleichtert.

Eine weitere Aufführung gibt es heute Abend um 20 Uhr in der Schulaula.

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