Kleingärtnerverein Achim zieht zunehmend Jüngere an / Auch Pächter aus Bremen

Ein Abbild der Gesellschaft im Miniaturformat

Malin Kröger aus Dörverden (ganz links) besucht den Kleingarten von Großmutter Christine Kröger und Großonkel Günter Wnuk.

Achim - Von Lisa Duncan. Der Schrebergartenbesitzer galt lange Zeit als Inbegriff des Spießbürgers, der die Welt jenseits seines Gartenzauns ausblendet. Doch das Ansehen des Parzellenpächters hat sich gewandelt. Mittlerweile nutzen immer mehr junge Leute, gerade auch Familien, die Möglichkeit, ein Fleckchen Erde zu bewirtschaften und nach ihren Vorstellungen zu gestalten. So können sie ihren Kindern zeigen, wie Obst und Gemüse wächst. Das stellt auch Vladimir Sterz, Vorsitzender des Kleingärtnervereins Achim an der Potsdamer Straße fest. In dem Parzellengebiet bei den Bahnschienen verbringen rund 100 Gärtner regelmäßig ihre Freizeit.

Unter anderem Günter Wnuk und seine Schwester Christine Kröger, die nur fünf Minuten von ihrem Gärtchen entfernt wohnen. Hin und wieder, so auch an diesem Nachmittag, kommt Krögers Enkeltochter Malin aus Dörverden zu Besuch. Sie genießt die Ruhe inmitten der Grünpflanzen.

Vladimir Sterz, Vorsitzender des Kleingärtnervereins, genießt seinen Garten als Ablenkung vom stressigen Alltag. - Fotos: Duncan

Dabei sollte man nicht übersehen, wie viel Arbeit es bedeuten kann, die Beete in Ordnung zu halten: „Gestern hat es so gestürmt, dass uns die ganzen Bohnen eingeknickt sind“, erzählt Christine Kröger. Der Lohn für die Mühe: Über das Jahr verteilt gibt es Gemüse in Hülle und Fülle zu ernten, darunter Schoten, Erbsen, Kohlrabi und Rote Bete. „Das ist ein Nutzgarten“, betont Wnuk, der die Parzelle seit knapp einem Jahr mit seiner Schwester gepachtet hat. „Der Vorbesitzer hat aus Altersgründen abgegeben“, erzählt der Rentner.

Der Garten des Vereinsvorsitzenden Vladimir Sterz ist mit rund 200 Quadratmeter überschaubar. Ein kleines Gartenhäuschen samt Veranda mit Sitzgelegenheit und Kamin finden trotzdem darauf Platz. „Das ist der Vorteil hier in Achim: weil es Niedersachsen ist, darf man hier auch Kamine oder eine Feuerschale haben. Das ist in Bremen nicht erlaubt“, erzählt der gelernte Land- und Forstwirtschaftler, der ursprünglich aus Sibirien stammt. In seinem Domizil betreibt er den Obstanbau eher sparsam: ein Quittenbaum, Knoblauch, rote und gelbe Himbeersträucher und einen bereits Trauben tragenden Weinstock gibt es hier zu entdecken.

„Jeder baut nach eigener Art seinen Garten“, stellt er fest. Dennoch gibt es gemäß der Niedersächsischen „Gartenordnung Hannover“ auch Vorschriften: Ein Drittel Gemüse, ein Drittel Blumen und der Rest für eigene Zwecke, lautet die Faustregel.

So bunt wie die Gärten ist auch die Zusammensetzung der Kleingärnter selber: „Das ist hier Multikulti“, sagt Sterz, der seit 13 Jahren Kleingärtner und seit drei Jahren Vereinsvorsitzender

„Der Garten, das ist deine Seele“

ist. Zu den Pächtern gehörten Russen, Polen, Deutsche und Türken. Entsprechend händigt er die „Gartengesetze“ in diversen Sprachen aus. Der Altersdurchschnitt liegt bei 50 Jahren. Gerade hat Sterz drei neue Anträge von jungen Familien vorliegen. Ein Generationenwechsel deute sich an: „Die Gartenkultur hat sich geändert.“

Die Kleingartenkolonien, so auch die in Achim, entstanden in der Nachkriegszeit. Als frische Nahrungsmittel für die Stadtbevölkerung knapp waren, erhielten so auch Menschen mit kleinem Geldbeutel die Chance, sich gut zu ernähren. „Heute verfolgen die Leute eine andere Strategie“, so Sterz. „Die meisten kommen mit Familie.“

Für den Verein heißt das ebenfalls umdenken. So wurden beim letzten Arbeitsdienst im Frühjahr nicht nur die Fenster, Türen und Gartenbänke am Vereinsheim saniert, sondern auch die Spielmöglichkeiten für Kinder erweitert. In der Parzelle, die einst als Kulisse für Kaffee- und Kartenspielrunden galt, werde heute Yoga geübt. Unter den Pächtern sind auch drei bis vier Familien aus Bremen und einige aus Verden. Die Reiterstadt verfüge zwar ebenfalls über eine Kleingartenkolonie, aber die sei mit etwa 45 Parzellen viel kleiner als in Achim.

Sterz, der sich den Vorsitz mit Stellvertreterin Silke Struckmeyer teilt, kennt zu jedem Garten eine Geschichte: „Die alten Leute bauen fast nur Kartoffeln an“, sagt er und lacht. Eine türkische Familie hat alles komplett mit Gemüse bepflanzt, statt eines Gartenhäuschens prangt ein Tomatentreibhaus in der Mitte. Das sei Geschmackssache, findet Sterz. „Hauptsache, der Garten verwildert nicht. Denn der Garten, das ist deine Seele.“

Seinen eigenen Garten nutzt Sterz, der in einem Maschinenbauunternehmen in Thedinghausen tätig ist, „als Ablenkung, zum Abschalten vom Alltag.“ Meist kommt er wegen des Schichtdienstes aber nur am Wochenende her. Als Vorsitzender reizt es ihn, mit Menschen zusammenzuarbeiten, das Leben im Miniaturformat zu organisieren. „Wir sind eine Gesellschaft im Kleinen.“

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