Ein langer Weg bis an die Obernstraße

50 Jahre Kinderstube: Lehrerfamilien gründen Betreuungseinrichtung einst aus Not heraus

Damals und heute: Mirja Rohlfs (links), erste Vorsitzende des Elternvereins, und Leiterin Petra Zimny umrahmen Gisela Gritsch, die die Kinderstube mitgegründet hat.
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Damals und heute: Mirja Rohlfs (links), erste Vorsitzende des Elternvereins, und Leiterin Petra Zimny umrahmen Gisela Gritsch, die die Kinderstube mitgegründet hat.

Achim – Immer mehr Frauen sind berufstätig und es hapert an Betreuungsmöglichkeiten und -plätzen, mit denen arbeitende Eltern auch etwas anfangen können. Was – je nach Arbeitszeit und Wohnort – auch die Beschreibung einer Situation im Hier und Heute sein könnte, hat acht Familien einst dazu bewogen, den Elternverein Kinderstube Achim zu gründen. Am 1.

Dezember 1971 wurden dort die ersten Knirpse betreut, heute vor genau 50 Jahren.

Damals ist in Achim das spätere Cato-Bontjes-van-Beek-Gymnasium gegründet worden Gisela Gritsch, die in Hamburg Englisch für die Realschule studiert hatte und zugezogen war, wollte zu der Zeit eigentlich noch gar nicht wieder arbeiten. Schließlich hatte sie zwei kleine Kinder. Aber Lehrer seien eben sehr gefragt gewesen, erinnert sich das Gründungsmitglied der Kinderstube: „Die sind uns das Haus eingerannt.“ Die heute 87-Jährige ließ sich breitschlagen – allerdings unter der Prämisse, dass ihre Kinder während ihrer Arbeitszeit betreut werden.

Das wurden sie zunächst auch. Und zwar in einem Kindergarten in Clüverswerder. Dieser war in einem Kinderheim untergebracht. Waren die Heimkinder in der Schule, nutzten die Kindergartenkinder die Räume. „Die Lehrerkinder wurden morgens von Taxifahrern eingesammelt und mittags wieder nach Hause gebracht“, schreibt Christa Hötzel, die bei dem Pressetermin nicht dabei war. „Plötzlich aber wurde das Kinderheim geschlossen und natürlich fanden die Lehrerinnen keine Kindergartenplätze“, so die Frau, die ebenfalls zu den Gründungsmitgliedern gehört. Das stellte Christa Hötzel, Gisela Gritsch und andere Lehrerinnen und Lehrer vor ein riesiges Problem. Darum entschlossen sie sich, die Sache selbst in die Hand zu nehmen.

1973, zwei Jahre nach Gründung, entstand dieses Bild bei einem Ausflug in die Bücherei.

„Das war der Grund, weshalb die Kinderstube lange als Lehrer-Kindergarten galt“, sagt Petra Zimny, die Leiterin der Betreuungseinrichtung. Einer Chronik zufolge änderte sich das im Jahr 1983. In dem Jahr, lässt sich einer handgeschriebenen Liste entnehmen, wurden die Kinder im Bürgerraum in Bierden betreut. Der erste Standort war die Marktschule, danach waren die Kinder in der Stadtbibliothek untergebracht und im Gymnasium. Petra Zimny weiß, dass kurzzeitig durchaus auch das eine oder andere Wohnzimmer der Familien, aus denen die Kinder stammten, freigeräumt und zum provisorischen Kindergarten umgeräumt werden musste. „So haben sie sich auch beholfen, damit es weitergehen konnte.“

Ab 1984 kam die Gruppe bei der Lebenshilfe Clüverswerder unter, bevor es nur ein Jahr später schließlich an die Obernstraße ging – allerdings erst in die Hausnummer 78. Im Jahr 2004 schließlich kam die Kinderstube dort an, wo sie auch heute noch ist: an der Obernstraße 76. Dass das so ist, daran hatte die Familie eines Kindes maßgeblichen Anteil. Als die Großeltern den schönen Altbau nicht mehr bewohnten, seien die Betreuerinnen an die Eltern herangetreten und hätten angefragt, ob sie das Haus mieten könnten. „Und irgendwann sind wir hier wirklich rein und haben angefangen, zu renovieren“, erinnert sich Petra Zimny. Eltern hätten in Teams die Ärmel hochgekrempelt, während das Tagesgeschäft ein Häuschen weiter normal abgelaufen sei.

Mirja Rohlfs, die erste Vorsitzende des Elternvereins, weiß von den Anfängen, dass sich die Erzieherin mit Eltern wie Christa Hötzel wöchentlich zusammengesetzt hat, um ein pädagogisches Konzept – oder besser: einen Wochenplan zu erarbeiten.

„Seitdem hat sich viel geändert und getan“, so Petra Zimny. Noch vor 25 Jahren, als sie zur Kinderstube gekommen ist, hätte die Konzeption auf eine DINA4-Seite gepasst. Heute sind es 36 Seiten. Und noch etwas hat sich geändert: Die Einrichtung sei zwar immer noch in privater Trägerschaft, allerdings gebe es seit 1996 einen sogenannten Defizitvertrag mit der Stadt Achim. Sie unterstützt die Kinderstube seitdem finanziell, diese muss im Gegenzug dafür aber auch verbindlich die 20 Plätze für die Drei- bis Sechsjährigen vorhalten.

Petra Zimny schätzt, dass etwa 500 Kinder in den vergangenen 50 Jahren in der Kinderstube ein- und ausgegangen sind. Eigentlich wollten die vier Erzieherinnen, der Praktikant, die Kinder, und Eltern das halbe Jahrhundert an diesem 1. Dezember feiern. Wegen Corona ist die Idee nun eine andere: „Wir haben geplant, am 21. Mai einen großen Tag der offenen Tür zu veranstalten“, sagt Zimny. Mit Vertretern der Stadt, Gründungsmitgliedern, allen, die interessiert sind an der Kinderstube, wissen wollen, was aus ihr geworden ist und mit „buntem Trubel“. Womöglich ist dann ja auch Christa Hötzel dabei. „Heute, 50 Jahre später, freue ich mich, dass die Kinderstube sich so bewährt hat und so viele verantwortungsvolle Eltern selbst aktiv wurden und werden“, schreibt sie.

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