„Wir fühlen uns geehrt“

Achim und Verden: 29 Stolpersteine
erinnern auch an Überlebende

Sieben blitzeblanke, neue Stolpersteine hat Gunter Demnig gestern in der Achimer Fußgängerzone vor dem einstigen Wohn- und Geschäftshaus der Familie Heilbronn verlegt.
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Sieben blitzeblanke, neue Stolpersteine hat Gunter Demnig gestern in der Achimer Fußgängerzone vor dem einstigen Wohn- und Geschäftshaus der Familie Heilbronn verlegt.

Verden/Achim – „Dasselbe haben wir in Leipzig gemacht, für die Familie meiner Mutter.“ Ein Satz, der einem den Schauder über den Rücken jagt, wenn er bei der Verlegung von Stolpersteinen fällt. Gesagt hat ihn gestern Michael Heilbron, der sich mit einem N schreibt und Nachfahre der Familie Heilbronn ist. Diese besaß einst ein Textilgeschäft in Achim, bis die Nationalsozialisten sie in den 1930er Jahren zur Flucht trieb. Damit sie und ihre Geschichte sowie die von 22 einstigen Verdener Bürgern nicht in Vergessenheit gerät, hat der Künstler Gunter Demnig gestern insgesamt 29 Stolpersteine verlegt.

Michael Heilbron lebt heute in London und ist gemeinsam mit 17 anderen Nachkommen der jüdischen Achimer Unternehmerfamilie aus England, Israel und Frankreich nach Deutschland gekommen. Die Verwandtschaft aus den USA habe wegen Covid leider nicht anreisen können, bedauert der 76-Jährige.

Die Namen auf den blitzenden goldenen Messingplaketten sind die seines Vaters Kurt, die von dessen Geschwistern Hans und Paula Heilbronn sowie der Schwester Rosi Podell und deren Mann Willy. Über der Geschwister-Reihe haben die Steine der Eltern Mathilde und Siegfried Heilbronn ihren Platz gefunden. Letzterer hatte die Schneiderei und das Manufakturwarengeschäft der Familie zu einem der größten Unternehmen im Ort aufgebaut.

Mit roten Rosen in der Hand, die ihnen Achimer Schüler übergeben hatten, lauschten zwei Heilbronn-Nachfahren dem stellvertretenden Bürgermeister Rüdiger Dürr.

Der stellvertretende Bürgermeister Rüdiger Dürr sagte in seiner Ansprache, es sei eine großartige Sache, dass die Familienmitglieder mit den Stolpersteinen nun wieder einen sichtbaren Platz in der Stadt bekommen hätten. „Ihre Namen werden nicht vergessen und nicht untergehen im Staub der Vergangenheit“, versprach Dürr auf Englisch der internationalen Runde der Nachkommen, der Zuschauer und auch der Steinpaten, die in die Fußgängerzone gekommen waren.

Als die Redebeiträge beendet waren, näherte sich eine ältere Achimerin einer der Enkelinnen von Kurt Heilbronn. Sie deutete auf den früheren Wohnraum über den Geschäftsräumen des Hauses an der Obernstraße 36 und erzählte, dass ihre Mutter dort einst Hausmädchen gewesen sei. Ein kurzes Gespräch entspann sich, bevor sich die Gäste zu einem Familienfoto aufstellten.

Später ging es für die Delegation ins Rathaus. Dort hatte Dr. Stephan Leenen noch eine Überraschung vorbereitet: Er übergab den Heilbrons eine Nähmaschine. Ein Nachfahre einer früheren Näherin hat sie der Stadt vermacht. Und weil die Geflohenen nur die allerwenigsten Habseligkeiten ins Exil retten konnten, soll die Maschine wieder in den Familienbesitz übergehen. Abi M. Heilbron, jüngste Enkelin von Kurt, bedankte sich gerührt. „Heute war absolut unglaublich“, sagte sie in Leenens Richtung. Dann schauten sie und ihre Verwandten sich die Ausstellung „Es war hier“ an, die die Reichspogromnacht 1938 in Achim beleuchtet und nun im Rathaus zu sehen ist.

80 Jahre später legen Nachfahren der Schäfers aus Berlin und Schweden Rosen vor deren ehemaligem Wohnsitz in der Großen Straße 62 nieder. Aufgrund ihres Engagements in der KPD wurden Berta und Wilhelm Schäfer politisch verfolgt.

Bevor Gunter Demnig sich am Freitag auf den Weg nach Achim machte, hatte der Künstler bereits in Verden 22 Stolpersteine verlegt. Vor Haus- und Geschäftseingängen in der Großen Straße, in der Brückstraße, Hinter der Mauer, am Piepenbrink und in der Stifthofstraße erinnern sie an jüdische Familien, an den 1944 ermordeten Friedrich Ellermann, von den Nationalsozialisten für „geistig minderwertig“ befunden, und an politisch Verfolgte.

Nicht alle dieser 22 Männer und Frauen, deren Namen in das Messing graviert sind, kamen durch die Nazis um. Doch auch, wer überlebte, hat zuvor gelitten, hat Dinge erfahren, die nicht nur das eigene Leben prägten, sondern genauso das der Nachfahren.

Deutlich wurde dies auch am Beispiel einer Familie aus der Großen Straße 62. Hier lebten Berta und Wilhelm Schäfer mit den Söhnen Horst und Ernstadolf. Und hier legten vier nachfolgende Generationen am Freitag Rosen an ihren Stolpersteinen nieder.

Das Ehepaar Schäfer gehörte der KPD an. Die politische Überzeugung kostete ihn 1933 die Tätigkeit im Staatsdienst, während sie 1934 gar wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ zu 16 Monaten Haft verurteilt wurde. Berta Schäfer hatte Flugblätter der KPD verteilt, politisch Verfolgte und deren Familien unterstützt.

Vermutlich nach 1941 entstand das Familienfoto von Wilhelm und Berta Schäfer mit ihren beiden Söhnen Ernstadolf und Horst (r.).

Ungebrochen machte Berta Schäfer weiter. Nach Kriegsbeginn hörte sie ausländische Radiosender ab, gab die Informationen weiter, kam wegen „Rundfunkverbrechen“ erneut in Haft. „Sie wollte damit das Nachrichtenmonopol der Nationalsozialisten durchbrechen“, so Dr. Joachim Woock vom Dokumentationszentrum Doz 20. Der Historiker hatte die Stolperstein-Verlegung in Verden gemeinsam mit Werner Schröter organisiert – und mit Ilse Schäfer, Carola Takow und Barbara Hytry auch die Schwiegertochter und zwei Enkelinnen von Wilhelm und Berta Schäfer in Berlin und Schweden aufgespürt.

Als sie von der geplanten Stolperstein-Verlegung erfahren hätten, seien sie zunächst beklommen gewesen, berichtete Barbara Hytry. Die Frage, ob es nicht andere Opfer gebe, derer zunächst gedacht werden sollte, habe im Raum gestanden. Dieses Gefühl ist nunmehr einem Stolz gewichen. „Wir fühlen uns geehrt“, so Ilse Schäfer.

Die 89-jährige Journalistin verbrachte 65 Jahre an der Seite von Horst Schäfer, ältester Sohn von Wilhelm und Berta und ebenfalls Journalist. Während der jüngere Bruder Ernstadolf als Hochschuldozent in Dresden eher zurückgezogen lebte, waren Horst Schäfer und seine Frau Ilse als politische Korrespondenten tätig, lebten elf Jahre in den USA, später dann in Bonn.

So trat er in gewisser Weise in die Fußstapfen der Eltern, gab seine Haltung auch weiter, holte beispielsweise stolz Enkel Arian bei der Polizei ab, als diese ihn nach einer Demo zum 1. Mai verhaftet hatte. Dessen Mutter Barbara Hytry bringt es auf den Punkt: Das, was die Eltern und Großeltern geprägt hatte, „das hat aus uns allen glühende Antifaschisten gemacht“.

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