Patienten könnten „ins Leere telefonieren“

Arzt befürchtet ab 1. Januar Versorgungslücke im ärztlichen Bereitschaftsdienst

Ein Arzt beim Hausbesuch. Durch eine Neuvergabe der Telefonzentrale für den ärztlichen Bereitschaftsdienst würden Patienten außerhalb der Praxiszeiten schlechter versorgt, sagt ein Achimer Arzt. Foto: Pixelio
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Ein Arzt beim Hausbesuch. Durch eine Neuvergabe der Telefonzentrale für den ärztlichen Bereitschaftsdienst würden Patienten außerhalb der Praxiszeiten schlechter versorgt, sagt ein Achimer Arzt.

Achim - Ein dreijähriges Kind, das Fieber hat, oder ein Altenheimbewohner mit Atemnot – das sind laut dem Achimer Arzt Konrad Müller die klassischen Fälle, die ihn in den Abendstunden, an Wochenenden und an Feiertagen erreichen. Er ist seit 30 Jahren im ärztlichen Bereitschaftsdienst tätig, hatte viele Jahre als Leitender Notarzt in Hannover gearbeitet, möchte seinen richtigen Namen aber nicht in der Zeitung lesen. Weil ab 1. Januar 2020 eine andere Telefonzentrale den Bereitschaftsdienst (116 117) bedient, fürchtet er, dass Versorgungslücken für Patienten entstehen.

Der ärztliche Bereitschaftsdienst kümmert sich außerhalb der regulären Praxiszeiten um Menschen, die eine akute Behandlung brauchen. Ab dem 1. Januar 2020 wird diese Nummer nicht mehr, wie bisher, von Oldenburg aus bedient, sondern von einer Telefonzentrale in Duisburg. Diese Umstellung könne zur Folge haben, so Müller, „dass der Patient ins Leere telefoniert.“

Nach einer bundesweiten Gesetzesänderung vom Mai 2019 wurde die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen (KVN) angewiesen, den Telefonservice umzustellen. „Der Gesetzgeber hat uns eine Umstrukturierung des kassenärztlichen Bereitschaftsdienstes und der Terminservicestellen aufgegeben“, schreibt Detlef Haffke, Leiter der Stabsabteilung Kommunikation bei der KVN in Hannover. Konkret sollte der ärztliche Bereitschaftsdienst bis spätestens 1. Januar mit den sogenannten Terminservicestellen (TSS) zusammengeführt werden und an sieben Tagen die Woche jeweils 24 Stunden erreichbar sein. Die TSS waren vor vier Jahren eingerichtet worden, um Patienten bei der Suche nach einem Arzttermin zu unterstützen. „Wer keinen Haus- oder Facharzt findet, kriegt per Gesetz einen zugeteilt“, erläutert der 72-jährige Müller.

116117: Ärztlicher Bereitschaftsdienst mit neuer Telefonzentrale

Nach einer europaweiten Ausschreibung hat der Telefondienstleister Sanvartis den Auftrag erhalten, künftig beide Dienste zu übernehmen, informiert die KVN aus Hannover. Für die 116 117 waren bis dahin die Johanniter zuständig gewesen, die sich auch an der Ausschreibung beteiligt hatten. „Sie konnten die Vorraussetzungen jedoch nicht erfüllen“, so Haffke. Die bisherige Telefonnummer für die Terminservicestellen entfällt. Für Notfälle ist weiterhin der Rettungsdienst unter der Rufnummer 112 erreichbar.

Auf dem Internetportal der KVN ruft der Arzt, der hier unter dem Pseudonym Konrad Müller firmiert, seinen Dienstplan ab.

Eine Versorgungslücke im ärztlichen Bereitschaftsdienst entsteht laut Konrad Müller insbesondere dann, „wenn der Arzt nicht kommt, weil er selbst krank ist oder gar verstirbt“ oder, ganz banal, sein Handy kaputt ist und er daher nicht erreichbar sei. Die Neuregelung könne eventuell dazu führen, dass der Dienst unbesetzt bleibe.

Die Johanniter hätten eine ärztliche Grundbildung erhalten, die ihnen ermöglichte zu beurteilen, wann an die 112 weiterzuleiten sei, und wann bei den Beschwerden eines Patienten kein akuter Handlungsbedarf bestehe, sodass sie auch am Montag beim Hausarzt behandelt werden könnten. Bei dem neuen Telefondienstleister aus Duisburg ist sich Müller jedoch nicht so sicher. Auf einem Internetportal habe er eine Ausschreibung gesehen, in der die Firma Sanvartis „medizinisch geschulte Leute“ für den Telefonservice suche. Nachdem Müller selbst bei der KVN nachgefragt hatte, habe er die sinngemäße Antwort erhalten, dass „der KVN die Problematik bekannt und sich dessen bewusst“ sei.

Ziel von Jens Spahn: Notaufnahmen entlasten

KVN-Pressesprecher Detlef Haffke schreibt: „Medizinisch geschulte Mitarbeiter stellen zunächst mithilfe eines standardisierten Ersteinschätzungsverfahrens (SmED) fest, wie dringlich eine Behandlung ist und wo sich der Patient hinwenden kann.“ Je nach Beschwerde könne dies ein niedergelassener Arzt, eine Bereitschaftsdienstpraxis oder auch die Notaufnahme eines Krankenhauses sein.

Zur angesprochenen Problematik mit dem kurzfristigen Ausfall eines Arztes gibt die KVN an: „Wenn ein Arzt zukünftig ausfällt, wird ein Ersatz eingeteilt. Bei sehr kurzfristigen Ausfällen, zum Beispiel Verkehrsunfall, ist auch in der Vergangenheit kein Ersatz erteilt worden.“ Neu sei tatsächlich „eine niedersachsenweit einheitliche Ersteinschätzung der Patienten“. Diese sei nicht mit einer Diagnosestellung gleichzusetzen.

Ziel der Gesetzesänderung von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn ist es laut KVN, „die Notaufnahmen der Krankenhäuser zu entlasten“ sowie „Bürgerinnen und Bürgern durch eine transparente Ersteinschätzung in die richtige Versorgungsebene zu leiten“. Das sieht der Achimer Arzt anders: „Die KVN vertritt nicht die Interessen der Ärzte, sondern arbeitet für das Ministerium.“ Dadurch gerate Wesentliches aus dem Blick. Dies zeige sich schon an Kleinigkeiten – zum Beispiel sei er selbst erst Anfang Dezember über die Änderung informiert worden.

116 117 – Bereitschaft und Terminvergabe

„Aufgrund der Gesetzesvorgabe haben die Kassenärztliche Bundesvereinigung und die Kassenärztlichen Vereinigungen der Länder entschieden, ab 2. Januar 2020 die bisherige Telefonnummer für den kassenärztlichen Bereitschaftsdienst 116117 (elf6elf7) zur zentralen Anlaufstelle für Patienten – rund um die Uhr und sieben Tage in der Woche – zu machen“, schreibt KVN-Sprecher Detlef Haffke. 

Ab diesem Datum erreichen Bürger zusätzlich die Terminservicestelle der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen unter dieser Nummer. Nach einer Bandansage kann der Patient wählen: „Sie haben akute medizinische Beschwerden oder brauchen ärztliche Hilfe? Dann drücken Sie bitte die Taste 1 oder bleiben Sie in der Leitung.“ „Sie möchten einen Arzt- oder Psychotherapietermin vereinbaren? Dann drücken Sie bitte die Taste 2.“ Damit habe die KVN einen zentralen Auftrag aus dem Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) umgesetzt.

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