Zum „Tag des offenen Denkmals“ informiert eine Ausstellung im Rathaus über den jüdischen Friedhof in Achim

1935 wurde der letzte Jude beigesetzt

Wolf Wendel (rechts) hat eine umfangreiche, sehr informative Ausstellung im Foyer des Rathauses aufgebaut.

Achim - (mm) · Nur eine Minderheit der Achimerinnen und Achimer dürfte wissen, wo der jüdische Friedhof in Achim zu finden ist. Und noch viel weniger werden ihn betreten haben. Eine Ausstellung im Rathaus informiert jetzt umfassend über den ersten eigenen Friedhof der Synagogengemeinde Achim.

Wolf Wendel, der die etwas abseits liegende Gedenkstätte nahe dem Kleingartengelände an der Potsdamer Straße / An der Eisenbahn seit acht Jahren pflegt, erhält und immer wieder ins öffentliche Bewusstsein bringt, hat sie in akribischer Kleinarbeit zusammengestellt. An meterlangen Stellwänden kann der Interessierte anhand zahlreicher Texte und Fotos eine Menge Details über den Friedhof erfahren.

Andreas Voß mit seinem Buch über jüdisches Leben in Achim und Günter Schmidt-Bollmann, der sämtliche hebräischen Inschriften auf den Grabsteinen übersetzt hat, leisteten dafür wesentliche Vorarbeit. Die Aufnahmen aller Grabsteine von Helga Meyer und weitere Friedhofsfotos von Wolf Wendel machen das Ganze anschaulich. Weitere Erklärstücke liefern beigefügte Presseveröffentlichungen.

Die Geschichte des jüdischen Friedhofs in Achim reicht fast 150 Jahre zurück. Um den Angehörigen der Verstorbenen die weiten Fahrten zu den etwa 30 Kilometer entfernten Ewigkeitsfeldern in Hoyerhagen und Hastedt zu ersparen, richtete die Achimer Synagogengemeinde 1865 vor Ort einen Begräbnisplatz für alle Juden im Raum Achim ein. Die erste Beerdigung auf dem rund 1 000 Quadratmeter großen Areal fand vermutlich 1867 statt. Der jüngste erhaltene Grabstein, der an Alfred Heilbronn (1850 - 1935) erinnert, stammt aus dem Jahr 1935. In diesem Zeitraum erfolgten dort mindestens 61 Beisetzungen von Mitgliedern der Achimer Synagogengemeinde.

Schon bald danach erlosch das gesamte jüdische Leben in Achim – bis heute übrigens. „Ich weiß von keinem einzigen Juden in Achim und im gesamten Landkreis Verden“, sagt Wolf Wendel (68) auf Nachfrage.

Im Zuge der Reichspogromnacht 1938 wurde auch der Friedhof stark verwüstet. Viele Juden aus Achim flüchteten vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten ins Ausland. Wer sich nicht rechtzeitig in Sicherheit gebracht hatte, fiel den Häschern der Nazis in die Hände und landete auf Nimmerwiedersehen in osteuropäischen Lagern. Von dem Künstler Gunter Demnig in der Innenstadt ins Pflaster eingebaute Messingplatten erinnern an die überwiegend in Minsk ermordeten Achimer Juden.

Nachdem der Ort 1942 praktisch „judenfrei“ war, wollte die Gemeinde Achim den Friedhof in Ackerland zurückverwandeln. Doch ausgerechnet das Reichssicherheitshauptamt machte den übereifrigen Gemeindevätern einen Strich durch die Rechnung, weil Heydrichs Behörde erst noch den Wert der Grabsteine ermitteln lassen wollte. Was bis zum Kriegsende 1945 aber nicht mehr gelang.

Der jüdische Friedhof existierte also weiter, verkam jedoch im Laufe der Jahrzehnte mächtig. Erst ein zupackender Achimer Rentner namens Wolf Wendel sollte diesen Zustand 2002 ändern. Schon ein Jahr später bekam die Erinnerungsstätte ein neues schmuckes gusseisernes Eingangstor und wurde erstmals für die Öffentlichkeit geöffnet.

Das war am „Tag des offenen Denkmals“, der Jahr für Jahr in ganz Deutschland am zweiten Sonntag im September veranstaltet wird. So wird der jüdische Friedhof, An der Eisenbahn, auch am Sonntag, 12. September, von 11 bis 18 Uhr für jedermann zugänglich sein. Der Respekt vor den Toten gebietet es übrigens, dass männliche Besucher ab 13 Jahre eine Kopfbedeckung tragen.

„Seht, welch kostbares Erbe!“ Diese Überschrift gilt auch für die anlässlich des Denkmalstags bis zum kommenden Montag laufende Ausstellung im Foyer des Rathauses. Zu studieren ist sie während der Öffnungszeiten des Verwaltungsgebäudes und darüber hinaus am Sonntag von 9 bis 18 Uhr.

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