Der Anblick eines 62 Jahre alten Teddys weckt Erinnerungen bei Brigitte Junkers

Das zweite Weihnachtsfest

Brigitte Junker mit ihrem geliebten Teddy, den sie als einziges Geschenk zweimal unter dem Weihnachtsbaum fand. ·
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Brigitte Junker mit ihrem geliebten Teddy, den sie als einziges Geschenk zweimal unter dem Weihnachtsbaum fand. ·

Rotenburg - Wenn sie ihr geliebter, inzwischen 68 Jahre alter Teddy aus seinen dunklen Knopfaugen anschaut, dann fängt bei Brigitte Junker (72) eine fast vergessene Geschichte wieder zu leben an. Damals, in den Jahren 1944/45, als der grausame Krieg einer zunächst zarten Friedenspflanze Platz machen musste. Eine mehr als turbulent-dramatische Zeit, die allerdings kleine Nischen hatte, um, wie in diesem Falle, das Mädchen Brigitte mit ihrem Teddy aufzunehmen.

Brigitte Junker, damals noch Böttcher, kam auf dem 612 Morgen großen Hof ihres Vaters Kurt in Heidenberg (Kreis Angerburg, Ostpreußen) zur Welt. Sie sollte einmal „halbe“ Rotenburgerin werden: Später lebten ihre Eltern lange an der Wümme, jetzt ist sie in ihrer Funktion als Vorstandsmitglied der Landsmannschaft Angerburg regelmäßig Gast bei deren Veranstaltungen in Rotenburg.

Ende 1944. Brigitte Junker, damals ein kleines, aufgewecktes Mädchen von vier Jahren mit langen Zöpfen, kann sich nur bruchstückhaft an die vergangenen Monate erinnern. Der Vater war im Krieg, die 30 Jahre alte Mutter Charlotte übernahm „das Ruder“ und war verantwortlich für die Großmutter, Tante und natürlich ihr eigenes Kind. Eine schwere Aufgabe, wenn völlige Ungewissheit, mit schlechter werdender Versorgung und Kanonendonner heranrückender russischer Truppen einhergehen.

Dann die Flucht in Richtung Westen, getragen von der festen Überzeugung „alles ist nur halb so schlimm, wir kommen bald wieder zurück“. Sie kamen nicht zurück – nur die Pferde und Wagen, die noch bei dem letzten Rest der Ernte gebraucht wurden, mussten umdrehen. Die Frauen mit notwendigstem Gepäck kämpften sich zu Fuß Kilometer für Kilometer voran.

Dann irgendwo in einer Pension, in der die Familie untergekommen war, der Teddy als einziges Geschenk unter einem Weihnachtsbaum. Brigitte Junker: „Ich habe es nicht gemerkt, aber die Mutti muss ihn während der Flucht immer und immer wieder in Pausen und abends, wenn wir nicht mehr gelaufen sind, genäht haben. Hier, sehen Sie, ist der Teddy nicht trotz seines Alters von ausgezeichneter Qualität?“

Endlich hatte die Puppe „Monika“, die die kleine Brigitte schon seit Jahren überall mit hin schleppte, Gesellschaft. Teddy blieb übrigens nicht namenlos, sondern wurde vielmehr nach dem Onkel Siegfried benannt.

Die Flucht des kleinen Trupps ging weiter. Am 24. Januar 1945 erreichten sie nachmittags Braunsberg, nicht weit vom Frischen Haff. Hier war Kurt Böttcher, der Vater der kleinen Brigitte, bei der Luftwaffe stationiert. Ein doppelter Glücksfall für die Familie. Endlich das ersehnte Wiedersehen und das Privileg für Soldatenangehörige, dass sie mit einem Flugzeug in Richtung Westen geflogen wurden.

Aus Platzgründen durfte nur das mitgenommen werden, was „am Körper getragen werden konnte“. Die Mutter hatte einen Rucksack mit einem Teil des Familiensilbers und die Briefmarkensammlung ihres Mannes bei sich. Die kleine Brigitte nahm ihre Puppe „Monika“ mit, ihr neuer Teddy musste jedoch im Spind des Vaters warten. Mit ungewisser Zukunft …

Brigitte Junker erinnert sich: „Wir wurden damals von Oberfeldwebel Junghans betreut, er sollte uns ausfliegen. Ich kann mich noch daran erinnern, dass der sinngemäß zu mir sagte: ,Du hast aber eine schöne Puppe'.“ Ja, habe sie geantwortet, ihr Teddy, den sie zu Weihnachten als einziges Geschenk bekommen habe, müsse allerdings „im Schrank beim Vati“ jetzt warten, weil für ihn im Flugzeug kein Platz mehr sei.

Zusammen mit anderen wurde die Familie in einer Transportmaschine vom Typ JU 52 nach Ramel in Westpreußen geflogen. Am Steuerknüppel Oberfeldwebel Junghans. Und der hatte auch fest versprochen, dass er dafür sorgen wolle, dass der Teddy in dem ganzen Kriegsende-Durcheinander zu „seiner Brigitte“ kommt.

Nachdem die Flucht der Familie in der Nähe von Weimar ein Ende gefunden hatte, für die kleine Brigitte die große Frage: Ob mein Teddy eines Tages zu mir nachkommt? Sie wusste nicht, dass Oberfeldwebel Junghans inzwischen die „Zieladresse“ bekommen hatte. Und der hielt sein Versprechen! In das eine Paket, ein sogenanntes „Notpaket“, das damals jeder pro Monat verschicken durfte, legte er neben Wäsche für die Mutter den geliebten Teddy.

Davon, so Brigitte Junker, habe sie aber nichts erfahren. Viele Monate habe die Mutter das Geheimnis bewahrt. Bis Weihnachten 1945. Da saß, wieder als einziges Geschenk, der goldige Teddy unter dem Weihnachtsbaum. Sie mochte es kaum glauben, aber es war ihr Teddy, in den sie gerade begonnen hatte, sich zu verlieben. Sie ließ ihn das ganze Leben nicht mehr los. Inzwischen hat Brigitte Junkers Teddy einen Ehrenplatz.

Die sympathische 72-jährige Dame: „Bedanken konnte ich mich bei Herrn Junghans, der sich so liebevoll um den Teddy gekümmert hatte, allerdings niemals. Er ist bei einem Fronteinsatz abgeschossen worden.“ · bn

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