Kriminologe Prof. Dr. Christian Pfeiffer referierte auf Einladung der Lebenshilfe im Buhrfeindsaal

Zivilcourage ist weiblich

Lebenshilfe-Chef Werner Ruhe (r.) und Marion Jodeit begrüßten Prof. Pfeiffer nach dessen Odyssee auf dem Parkplatz des Buhrfeindhauses.

Rotenburg - ROTENBURG (sf) · Der Frage, warum gerade Frauen viel eher bereit sind, Zivilcourage zu zeigen als Männer, spürte Prof. Dr. Christian Pfeiffer, Direktor des Kriminologischen Instituts in Hannover, auf Einladung der Lebenshilfe am Dienstagabend im Buhrfeindsaal nach. Und der ehemalige Landesjustizminister fand schlüssige Antworten. Vor allem in der Erziehung werden hier die Wurzeln gelegt, aber auch die Gene spielen dabei durchaus eine Rolle.

Im Vorfeld der Veranstaltung hatte es Irritationen über Zeitpunkt und Ort des Pfeiffervortrags über Zivilcourage gegeben. Lebenshilfe-Geschäftsführer Werner Ruhe und Mitarbeiterin Marion Jodeit zeigten sich besorgt. Ohne Grund, der Buhrfeindsaal war propper gefüllt. Allerdings ließ der Professor auf sich warten. Telefonisch teilte er mit, dass er als Zeuge eines Verkehrsunfalles in Hannover zunächst eine Aussage zu Protokoll geben müsse. Dann leitete ihn das Navi bis kurz vor die Tore Tostedts ... Mit einstündiger Verspätung rollte Pfeiffer auf den Parkplatz. Eine Reihe von interessierten Gästen hatten zu dem Zeitpunkt bereits erkennbar missmutig den Weg nach Hause angetreten. Wer gewartet hatte, erlebte einen faszinierenden Referenten, der in verständlichen Worten komplexe wie komplizierte Sachverhalte nachvollziehbar auf den Punkt brachte.

Pfeiffer begann seinen 40-minütigen Vortrag zum Thema „Wie entsteht Zivilcourage“ mit Bemerkungen zum Fall Brunner, der über Wochen für Schlagzeilen gesorgt hatte. Der Münchner war bei dem Versuch, Kinder gegen die Übergriffe Jugendlicher zu schützen, zu Tode gekommen. Zunächst zum Helden hochstilisiert, so Pfeiffer, machten Zeugenaussagen nach und nach deutlich, dass Brunners Entschluss, allein gegen die Gewalttäter vorzugehen, ein entscheidender Fehler war. Die Zivilcourage-Forschung belege: Gehe nie allein auf Täter zu, schaue Anderen in die Augen und bitte sie um Hilfe. Pfeiffer: „Es bedarf nur eines couragierten Menschen und alles dreht sich um.“

Pfeiffer berichtete von Predigten, die er in Kirchen gehalten habe und in denen der Barmherzige Samariter eine zentrale Rolle spielte. Empirisch, so Pfeiffer, stimme das biblische Bild nicht, denn der Samariter müsste eigentlich eine Frau sein. Frauen mischten sich weit häufiger ein als Männer, die allenfalls Freunden mit vergleichbarer Verve zur Seite stünden („Eine Frage der Ehre“). Die Wissenschaft machte vier Zusammenhänge aus in der familiären Erziehung, die die Bereitschaft stärken, sich zivilcouragiert zu verhalten. Da wäre Gewaltfreiheit in der Erziehung zu nennen sowie liebevolle engagierte Eltern, die Nächstenliebe vorlebten. Wertorientierung müsse vermittelt werden wie die Einsicht, dass Argumente zählten und nicht die Macht. Eltern täten gut daran, ihren Kindern auch mal Recht zu geben. Letztlich brauche Courage Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, eine gesellschaftliche Kultur der Anerkennung.

Dass nun gerade Frauen weitaus eher bereit sind, Zivilcourage zu zeigen, liege auch in den Rollenmustern begründet, die bei der Erziehung von Jungen und Mädchen höchst unterschiedlich seien. Während Mädchen ihre Emotionen zeigen dürfen, würden Jungen darauf trainiert, ihre Empfindungen zu unterdrücken. Folge: Jungen nehmen die Gefühle, auch das Leid anderer nicht so wahr, wie Mädchen. Das Rollenmuster habe sich über viele Generationen hinweg genetisch verfestigt: Männer organisieren Schutz, Frauen Geborgenheit.

Bereits in Kindergarten und Grundschule müsse man damit beginnen, die Rollenmuster aufzubrechen, empfahl Pfeiffer, „und Männer im modernen Sinne erziehen“, die Frauen als Chef akzeptieren und Emotionen an sich heranlassen ...

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Kurdenmilizen setzen Abzug aus Nordsyrien fort

Kurdenmilizen setzen Abzug aus Nordsyrien fort

Neues Gerätehaus: Freiwillige Feuerwehr Waffensen feiert Schlüsselübergabe

Neues Gerätehaus: Freiwillige Feuerwehr Waffensen feiert Schlüsselübergabe

Ruderverein Hoya weiht Hochwasserschutzmauer ein

Ruderverein Hoya weiht Hochwasserschutzmauer ein

Freimarkt 2019 - Bilder vom verregneten Sonntag

Freimarkt 2019 - Bilder vom verregneten Sonntag

Meistgelesene Artikel

Autofahrer kollidiert mit Baum: 50-Jähriger schwer verletzt

Autofahrer kollidiert mit Baum: 50-Jähriger schwer verletzt

Gäste bedroht und Polizisten beleidigt: Mann in Handschellen von Party abgeführt

Gäste bedroht und Polizisten beleidigt: Mann in Handschellen von Party abgeführt

Viel zu tun für die neue Kartoffelkönigin

Viel zu tun für die neue Kartoffelkönigin

Die Klimawandel-Alternative

Die Klimawandel-Alternative

Kommentare