Zank um Schulgeldbefreiung

Angehende Ergo- und Physiotherapeuten wie Rieke Gliesmann (v.l.), Stephanie Vagts und Kristin Mahnken, die sich im ersten oder zweiten Lehrjahr befinden, werden von der Schulgeldbefreiung, die die Landesregierung beschlossen hat, nicht profitieren. Es sei denn, sie brechen ihre Ausbildung ab und fangen von vorne an. Foto: Kratzmann

Die Landesregierung will das Schulgeld für Ergo- und Physiotherapeuten, Podologen und Logopäden zum 1. August abschaffen. Das begrüßen die angehenden Ergo- und Physiotherapeuten des Schulzentrums Gyhum grundsätzlich. Gleichwohl sehen sie Anlass zur Klage. Insbesondere die Auszubildenden im ersten Lehrjahr fühlen sich massiv benachteiligt. Etliche erwägen, die Ausbildung abzubrechen und im Oktober neu zu beginnen – dann, ohne 395 Euro im Monat bezahlen zu müssen.

Gyhum/Rotenburg – Vier Schülerinnen des Schulzentrums Gyhum sind an diesem Morgen im Besprechungsraum zusammengekommen, um das Vorhaben der Landesregierung zu kommentieren. Stephanie Vagts, angehende Ergotherapeutin im zweiten Lehrjahr, gibt einen Einblick in ihre Gefühlslage und die ihrer Mitschüler: Ungerecht sei das Vorhaben der Regierung – unfair den Schülern gegenüber, die sich in Ausbildung befinden. Rieke Glinsmann hat im Oktober 2018 in Gyhum die Ausbildung zur Physiotherapeutin begonnen. Als sie und ihre Mitschüler in der Klasse von der Schulgeldbefreiung zum 1. August 2019 gehört hatten, begann sie zu rechnen. 3 200 Euro hat ein jeder von ihnen bislang für den Schulbesuch gezahlt. Bis zum Ende der Ausbildung summieren sich die monatlich zu überweisenden Beträge auf rund 14 000 Euro. Wenn sie die Schule also schmeißen und sich für den erneuten Ausbildungsbeginn im Oktober bewerben, könnten sie gut 10 000 Euro sparen. „Viele in der Klasse überlegen, ob sie diesen Weg gehen“, sagt Glinsmann.

Sollten diesen Überlegungen Taten folgen und sollte das Beispiel Schule machen, so hätte das gesamtgesellschaftliche Folgen, meinen Stephanie Vagts und Kim Otten, angehende Physiotherapeutin im zweiten Lehrjahr. „Dann fehlt ein ganzer Jahrgang“, verdeutlicht Vagts. Das werde den im Land herrschenden Mangel an Therapeuten noch verschärfen, ist Otten überzeugt. Daher gehöre das Thema an die Öffentlichkeit, meinen die beiden. Die Leiterin der Physiotherapieschule, Anja Dornhöfer, stimmt ihnen zu. Sie verweist darauf, dass Patienten aktuell vier Wochen und zum Teil länger auf einen Termin bei einem Therapeuten warten müssen. Diese Wartezeit gefährde die notwendige Anschlussheilbehandlung, ist die Lehrkraft überzeugt. „Medikamente können nicht alles. Therapeuten sind wichtig für den Heilungsprozess. Daher betrifft der Mangel an Therapeuten alle“, lautet denn auch die eindringliche Formulierung von Stephanie Vagts. Die Schulgeldbefreiung führe also ins Dilemma – „und zwar sowohl für uns als auch für die Patienten“, unterstreichen Rieke Glinsmann und Sarah Friedrichs, angehende Physiotherapeutin im zweiten Lehrjahr.

Doch es ist nicht die Schulgeldbefreiung allein, die die Schülerinnen aufbegehren lässt. Der Gesetzgeber hat nämlich auch vor, Auszubildenden zum Therapeuten, die eine an ein kommunales Krankenhaus oder eine Universitätsklinik angegliederte Schule besuchen, rückwirkend zum 1. Januar 2019 eine Ausbildungsvergütung zu zahlen: 1 000 Euro im ersten, 1 100 Euro im zweiten und 1 200 Euro im dritten Lehrjahr. „Das ist unfair. Wir müssen neben der Schule arbeiten, um die Ausbildung zu bezahlen, und die bekommen Geld“, kommentiert Rieke Glinsmann.

Stephanie Vagts hat einen Bürojob, Klassenkameraden fahren Pizza aus, andere sitzen an der Kasse im Supermarkt, wieder andere kellnern oder arbeiten im Fitnessstudio, um sich 450 Euro zu verdienen. „Und es ist gar nicht einfach, einen Job zu finden, der sich mit der Schule vereinbaren lässt“, sagt Kim Otten, denn der Unterricht endet zuweilen erst um 16.45 Uhr. Oft genug dient das Wochenende dem Geldverdienen.

Warum hat sich die Regierung nicht etwas einfallen lassen für die Übergangszeit, bis die Schüler, die jetzt im ersten Lehrjahr sind, die Ausbildung beendet haben, damit alle weniger bezahlen müssen? Diese Frage stellen die angehenden Therapeuten. Und diese Frage stellen auch viele Eltern der Gyhumer Schüler. Schulleiter Andreas Rasch weiß, dass das Thema nicht nur an seiner Schule für Unmut sorgt. Es gebe viel Protest im Land, sagt er. Angesichts dessen wolle die Landesregierung prüfen, ob die Entlastung derjenigen möglich ist, die ihre Therapeutenausbildung bereits begonnen haben.

Möglicherweise schwillt der Protest aber auch noch an, denn der Landtag hat für die Umsetzung der Schulgeldfreiheit ab 1. August lediglich 1,5 Millionen Euro für das Jahr 2019 beantragt. „Das reicht nie und nimmer, wenn der maximale Zuschuss pro Schüler 675 Euro pro Monat beträgt“, sagt Rasch. Die Reform sei „schon merkwürdig“. Bereits im Ansatz sei zu erkennen gewesen, dass Streit programmiert ist, meint er und ergänzt: „Gesetzesinitiativen im Gesundheitswesen sind oft nicht zu Ende gedacht.“ Sollte sich bewahrheiten, was Vagts mit den Worten ankündigt: „Es gibt Schüler, die brechen definitiv ab und versuchen, im Oktober neu mit der Ausbildung zu beginnen“, so steht die Schule laut Rasch vor der Herausforderung, mit den fehlenden Einnahmen zurechtzukommen.

Die Einführung der Schulgeldfreiheit sei durchaus zu begrüßen, meint der Schulleiter. Sie werde zu weiter steigenden Bewerberzahlen führen, prophezeit er. Und doch blickt er keineswegs voller Zuversicht in die Zukunft. „Wir als Schule stehen vor der Frage: Überleben wir das, wenn uns die Einnahmen eines Jahrgangs fehlen?“ Eine aberwitzige Situation vor dem Hintergrund, dass aller Orten im Lande Therapeuten händeringend gesucht werden. „Ich bekomme selbst aus der Schweiz Anfragen“, berichtet Rasch.  zz

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