Gedenkstätte Lager Sandbostel

Viele Menschen versuchen, das Unfassbare zu verstehen

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Detlef Cordes (l.) und Jürgen Wiegand mit Roger Cottyns Buch „Sechzig Monate in deutscher Kriegsgefangenschaft“.

Sandbostel - Von Wieland Bonath. Mehr als 300.000 Kriegsgefangene, Militär- und Zivilinternierte aus 55 Nationen litten, starben und überlebten im Zweiten Weltkrieg im Kriegsgefangenen-Mannschafts-Stammlager (Stalag XB). Tausende von Gefangenen, besonders sowjetische Soldaten, denen die Wehrmacht das Kriegsvölkerrecht versagte, kamen im Stalag XB und den zahlreichen Arbeitskommandos um. Hunger, Entkräftung und Mangelerkrankungen hatten ihrem Leben ein frühes Ende gesetzt, Familien den Sohn oder den Vater und Frauen den Partner genommen.

Im letzten Kriegsjahr kurz vor der Befreiung durch britische Truppen, kamen etwa 10.000 Häftlinge aus dem Konzentrationslager Neuengamme und seinen Außenlagern, darunter sehr viele Frauen, hinzu. Das Stalag XB wurde von englischen Befehlshabern mit dem KZ Bergen-Belsen verglichen und ist inzwischen nach der Gründung des Gedenkstättenvereins vor 25 Jahren zu einem der Symbole nationalsozialistischer Unmenschlichkeit geworden.

Ein grauer Tag an einem Wochenende im Winter. Durch die flachen Holzbaracken pfeift eisiger Wind, zahlreiche Besucher sind mit ihren Autos auf den Parkplatz des Gedenkstättengeländes in die stille Landschaft, nur wenige Kilometer von Sandbostel entfernt, gekommen. Sie möchten die Gedenkstätte, die inzwischen durch die Initiative beherzter, hartnäckiger Frauen und Männer zu einem Ort der Bildungs-, Forschungs- und Friedensarbeit von internationalem Rang gestaltet wurde, besichtigen und versuchen, das Unfassbare zu verstehen.

Im Eingangsbereich der „Gelben Baracke“ – eine von 13 Holzbaracken auf dem Gelände – gibt es acht Porträts von Männern, die die schrecklichen Jahre in Sandbostel überlebten und sich zum Teil regelmäßig in Sandbostel treffen. So wie am 27. April.

Unteroffizier Cottyn stirbt mit 95 Jahren

Einer von ihnen, der Belgier Roger Cottyn, der immer wieder in den Kreis Rotenburg zurückkehrte, um die schreckliche Vergangenheit zu „besuchen“, wird in diesem Jahr nicht mehr dabei sein können: Der am 25. April 1920 in Laeken geborene ehemalige belgische Unteroffizier ist im Jahre 2015 im Alter von 95 Jahren in einem Altenwohnheim gestorben.

Cottyn hat seine Erlebnisse in Deutschland und speziell im Landkreis Rotenburg später zu Papier gebracht: „Sechzig Monate in deutscher Kriegsgefangenschaft, 28. Mai 1940 – 23. Mai 1945“. In dem Nachwort heißt es unter anderem: „Mehr als 60 Jahre sind vorübergegangen, seit dieser Abschnitt in meinem Leben beendet wurde. Ich habe mich bemüht, über die Ereignisse, die ich in den 60 Monaten meiner Kriegsgefangenschaft erlebt habe, so genau wie möglich und chronologisch zu berichten. Da ich kein Tagebuch führen konnte – es war uns streng verboten – habe ich meine Erinnerungen aus dem Gedächtnis rekonstruieren müssen. Vieles habe ich bestimmt vergessen, verdrängt oder wollte es einfach nicht erwähnen.“

Ein Teil der 13 historischen Holzbaracken im ehemaligen Lager Sandbostel. Der Zerfall ist nicht zu übersehen.

Roger Cottyn fährt fort: „Wahrscheinlich werden einige Leser sagen, warum man diese alten Kamellen immer wieder aus der Mottenkiste holen muss. Darauf kann ich nur eine Antwort geben: Die beste Therapie, um die gespeicherten Erlebnisse zu verarbeiten, ist diese aufzuschreiben. Was haben die verlorenen Jahre mir genommen oder gebracht?“ Seine Antwort: „Die Periode hat mir ohne Zweifel meine Jugend genommen. Ganz brutal und ohne Übergang.“

Körperliche Schmerzen, so Roger Cottyn, seien oft sehr quälend gewesen, der seelische Druck der Unfreiheit sei jedoch meistens noch schwerer zu ertragen gewesen. Mit Respekt denke er an Menschen zurück, die sich unter schwierigen Umständen für ihre Gefangenen eingesetzt hätten, „die sich nicht durch Parolen wie ,Schluss mit der Humanitätsduselei’ oder ,Feind bleibt Feind’ beeinflussen ließen.“

Arbeitseinsätze bei den Bauern in der Umgebung

Die jahrelange Gefangenschaft des jungen belgischen Soldaten Roger Cottyn war begleitet von Arbeitskommando-Einsätzen bei Bauern in Hassel, Worth, Hastedt, Hemsbünde und Nartum. Roger Cottyn: „In Nartum gibt es seit einiger Zeit ein Russenkommando. Die Leute sind in einem früheren Schweinestall untergebracht. Von nun an muss ich mich um die Pferde und um den Bullen kümmern. Im Monat Dezember fahren Blanche und die andere Belgierin nach Hause. Sie verspricht mir, meine Eltern zu benachrichtigen, wenn sie angekommen ist.“ Cottyn kommt in das Gefangenenlager Sandbostel, erlebt, wie Menschen gequält und erschossen werden, er beschreibt die große Typhusepidemie, der Tausende zum Opfer fallen, die ihre letzte Ruhe auf dem Lagerfriedhof gefunden haben. Und dann, im Mai 1945, die deutsche Kapitulation, die Rückführung in die Heimat. Cottyn: „Ein anderer Kamerad findet es schade, dass er das alte Grammophon nicht mitnehmen darf. Damit wurde fast jeden Tag dieselbe Schallplatte abgespielt mit dem Lied ,Kleine Möwe, fliegt nach Helgoland’.“

Wir sitzen zusammen mit Detlef Cordes (75) aus Glinstedt, dem ersten Vorsitzenden der Stiftung, und Jürgen Wiegand (67) aus Gnarrenburg, der ehrenamtlich die umfangreiche Bibliothek der Gedenkstätte verwaltet, zu der auch Roger Cottyns Buch „Sechzig Monate in deutscher Kriegsgefangenschaft“ gehört. Die beiden Männer wissen trotz des großen Interesses an der Gedenkstätte: Sehr viele Aufgaben, zum Beispiel die Betreuung der Gruppen – die Zahl der Schulklassen, die aus vielen Teilen Deutschlands und dem Ausland nach Sandbostel kommen, ist in den vergangenen Jahren ständig gewachsen – und eine weitere wissenschaftliche Aufarbeitung sind erforderlich.

Die Verantwortlichen wissen jedoch auch: Dieser Ort des Gedenkens von internationaler Bedeutung, der Jahr für Jahr von Tausenden Menschen besucht wird, kann seiner Aufgabe nur gerecht werden auf der Grundlage professioneller Bildungs-, Forschungs- und Friedensarbeit.

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