„Krisengespräch“ in der Jagdbehörde

Jäger vertut sich bei Notizen: 19 Fasane geschossen – keine Rebhühner

Rebhühner sind auch im Landkreis Rotenburg sehr selten geworden. Foto: Imago
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Rebhühner sind auch im Landkreis Rotenburg sehr selten geworden.

Die Jahreshauptversammlung der Jägerschaft Zeven hinterlässt irritierende Zahlen. 19 Rebhühner standen dort auf dem Streckenbericht für das vergangene Jahr. Und das, obwohl der Hühnervogel im Landkreis stark vom Aussterben bedroht ist und es eine Übereinkunft zur Nichtbejagung gibt.

Update, 26. März  

„19 Rebhühner hat ein Revierpächter in Meinstedt (Hegering Heeslingen) im vergangenen Jahr geschossen“ – so hieß es jedenfalls bei der Jahreshauptversammlung der Jägerschaft Zeven Anfang des Monats. Anschließend war die Aufregung groß, denn eigentlich gibt es landesweit unter den Jägern die Vereinbarung, die vom Aussterben bedrohten Hühnervögel nicht mehr zu schießen. Da die Population aber im Landkreis drastisch zurückgegangen ist, verwirrte die Zahl auch: So viele Rebhühner gibt es doch eigentlich gar nicht mehr in einem Revier. Jetzt ist klar: Es wurden keine Rebhühner geschossen, sondern Fasane.

Kreisjägermeister Dr. Hermann Gerken hatte am Montag zu einem „Krisengespräch“ in die Jagdbehörde des Landkreises geladen. Dort habe der betroffene Jäger „glaubhaft“ versichern können, sich bei den Notizen zu seiner Strecke einfach nur vertan zu haben. „Da kann man nichts anderes beweisen“, so Gerken. Es wäre sowieso „ein Wunder“ gewesen, noch so viele Tiere schießen zu können. „Wir habe es bei einer Ermahnung des Jägers belassen“, so Gerken, der genau wie seine Kollegen „nicht begeistert“ gewesen sei, als die Zahlen zum ersten Mal aufgetaucht waren. Da hätte man genauer arbeiten müssen. Gerken: „Es ist nicht positiv für Jäger, so ins Rampenlicht zu geraten.“

Nach Angaben der Kreisnaturschutzbeauftragten Christiane Looks verfügt der Landkreis wie fast alle Kreise in Niedersachsen pro Quadratkilometer über höchstens ein Brutpaar. Genaue Zahlen gibt es nicht, aber nach Angaben des Naturschutzbundes hat der Bestand der Rebhühner seit Anfang der 1970er-Jahre europaweit um 94 Prozent abgenommen. Fasane dagegen sind hier nicht heimisch – sie wurden vor allem zu Jagdzwecken ausgesetzt. Aber auch ihr Bestand ist durch die Veränderungen vor allem der Landwirtschaft drastisch gesunken.

Originalmeldung, 9. März

Rotenburg/Zeven – Von Michael Krüger. Volker Kullik spricht von einer „Katastrophe“. Der SPD-Kreistagspolitiker hat die Berichte aus der Zevener Jägerschaft in dieser Woche im Umweltausschuss thematisiert, und obwohl der streitbare Karlshöfener mit seinen Aussagen immer mal wieder bei der politischen Gegenseite aneckt, gibt es dieses Mal keinen Widerspruch. 19 Rebhühner stehen auf dem Streckenbericht 2018, der am vergangenen Wochenende in Elsdorf vorgestellt worden war. Auch Landrat Hermann Luttmann (CDU), selbst Revierinhaber und Jäger, schüttelt diesbezüglich den Kopf und ringt um Worte – „Katastrophe, ja“, erwidert er.

Im Ausschuss Kullik gegenüber sitzt Heinz-Hermann Holsten, Tierarzt im Ruhestand, CDU-Umweltexperte und Vorsitzender der Jägerschaft Zeven. Er sagt, er habe vom Thema Rebhuhn auf der Versammlung wenig mitbekommen, da es nur am Rand besprochen wurde und er zu diesem Zeitpunkt nicht im Saal gewesen sei. Nichtsdestotrotz sei ihm das Problem bekannt. Einige Revierpächter in Meinstedt (Hegering Heeslingen) hätten die Tiere geschossen. 

„Intern ist das auf großes Befremden gestoßen“, sagt Holsten. Seit 2012 fordert die Landesjägerschaft einen freiwilligen Verzicht der Rebhuhn-Bejagung, weitgehend wird dieser beachtet. Im gesamten Landkreis über alle drei Jägerschaften Rotenburg, Zeven und Bremervörde hinweg lag die Zahl der gejagten Tiere seit 2014 bei null, 2017/2018 tauchten zwei Tiere auf dem Streckenbericht als gefundenes Fallwild auf. Wie die hohe Zahl aus dem Meinstedter Revier nun zu erklären sei, weiß auch Holsten nicht. Er werde das Gespräch suchen, versicherte er auf Nachfrage, kenne die Jäger bislang aber nicht persönlich und könne auch noch nicht sagen, ob diese überhaupt offiziell der Jägerschaft angehören. 

„Wir haben im Prinzip auch keine Handhabe dagegen“, so der Vorsitzende der Zevener Jäger. Eine gesetzliche Regelung gebe es nicht, die Vereinbarung zur Nicht-Bejagung beruhe auf Freiwilligkeit. „Die Kritik hat hoffentlich Konsequenzen“, sagt Holsten jedoch. Auch wenn es in dem einen Revier offensichtlich noch ein größeres Rebhuhn-Vorkommen gebe, sei diese lokale Betrachtung weder für den Bestand insgesamt noch fürs Image der Jägerschaft zuträglich. Holsten: „Dafür haben wir kein Verständnis.“ Der Abschuss der Tiere passe nicht in die heutige Zeit und sei für alle Bemühungen im Sinne des Naturschutzes „kontraproduktiv“.

Nach Angaben der Kreisnaturschutzbeauftragten Christiane Looks verfügt der Landkreis Rotenburg wie fast alle anderen Kreise in Niedersachsen pro Quadratkilometer über höchstens ein Brutpaar. Genaue Zahlen gibt es nicht, aber nach Angaben des Naturschutzbundes (Nabu) hat der Bestand der Hühnervogel seit Anfang der 1970er-Jahre europaweit um 94 Prozent abgenommen. Der Nabu-Bundesverband geht für Deutschland von verbliebenen etwa 50.000 Brutpaaren aus. Bei rund 400 Landkreisen in Deutschland ergebe das rechnerisch durchschnittlich 125 pro Kreis, allerdings gibt es lokal große Unterschiede. In 85 Prozent aller deutschen Jagdreviere soll die Art bereits ausgestorben sein.

Als Hauptursache für den dramatischen Rückgang der Population wird die intensive Landwirtschaft gesehen. „Rebhühner lieben wildkrautreiche Feldfluren, die eine intensiv genutzte Agrarlandschaft nur noch selten bietet“, so Looks. Der Rotenburger Nabu-Vorsitzende Roland Meyer ergänzt, die „Verarmung der Landschaft“ trage dazu bei, dass Fraßfeinde wie Füchse die wenigen Bodennester und noch flugunfähigen Jungvögel schneller finden. Looks: „Wenn dem ehemals typischen Bewohner der mitteleuropäischen Kulturlandschaft eine Chance in unserer intensiv genutzten Feldflur gegeben werden soll, benötigt er zur Deckung und Nahrung Blühstreifen und Brachflächen sowie wohl auch eine konsequente Prädatorenbejagung.“

Und genau das sei im Grunde auch das Bestreben der Jägerschaft. Das sagt Kuno Kumpins, Sprecher der Rotenburger Vereinigung: „Die Revierinhaber versuchen, im Rahmen der Hege den Lebensraum des Niederwildes zu verbessern.“ Es würden zum Beispiel Blühstreifen, Lerchenfenster, Hecken und Streuobstwiesen angelegt. Diese Maßnahmen unterstütze der Landkreis finanziell jährlich mit 100.000 Euro. Nur: „An Grenzen stoßen diese Aktivitäten immer dort, wo nicht ausreichende Flächen zur Verfügung stehen, da sie einer intensiven landwirtschaftlichen Nutzung unterliegen.“ Einen Abschuss der Tiere schließt Kumpins für seine Region aus. „Die Jägerschaft Rotenburg hält sich an die Selbstverpflichtung, das Rebhuhn nicht zu bejagen“, beteuert er.

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