„Man ist irgendwann natürlich müde“

Polizeioberrat Jörg Wesemann aus Zeven redet über G-20-Gipfel

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Vor dem Eingang des Parks Planten un Blomen in Hamburg überreicht Polizeioberrat Jörg Wesemann (r.) einem Kollegen (M.) ein Geburtstagsgeschenk.

Zeven - Von Joachim Schnepel. Der G-20-Gipfel in Hamburg ist zwar schon eine Weile her, aber die Aufarbeitung der dramatischen drei Tage hat gerade erst begonnen. Einer, der das Ganze aus erster Hand miterlebt hat, ist der Zevener Jörg Wesemann. Der Polizeioberrat war zusammen mit anderen Kollegen für den Schutz und die Bewachung des G-20-Geländes und der Gäste abkommandiert. Im Interview spricht er über seine Erlebnisse.

Wie kam es dazu, dass Sie zum G-20-Gipfel abgeordnet wurden?
Jörg Wesemann: Ich bin normalerweise Leiter Einsatz der Polizeiinspektion Rotenburg. Aufgrund einer vakanten Stelle gab es irgendwann eine Anfrage des Polizeipräsidenten, ob ich mir vorstellen könnte, für ein Jahr nach Hannover in die Abteilung zwei der Zentralen Polizeidirektion zu gehen. In dieser Abteilung befindet sich auch die Bereitschaftspolizei. Ich war vorher schon einige Jahre Hundertschaftsführer und habe keine zehn Sekunden nachdenken müssen, um ja zu sagen. Der einzige Nachteil war halt die Fahrtstrecke. Das schlaucht dann schon.

Und der Einsatz beim G-20-Gipfel fiel in den Zeitraum der Abordnung?
Wesemann: Das war im Zusammenhang damit, ja. In der Zentralen Polizeidirektion war ich als Dezernatsleiter unter anderem zuständig für das Einsatzmanagement, für das Trainingszentrum der Bereitschaftspolizei und für das zentrale Diensthundewesen. Am Wochenende war ich in Einsatzlagen, in denen mehrere Hundertschaften eingesetzt wurden, als Abteilungsführer, also Chef der Hundertschaften, eingesetzt. Es gibt in der Bereitschaftspolizei Niedersachsen zwei Abteilungsführer, die quasi Dienst im Wechsel machen. Und so kam ich in Hamburg auch zum Einsatz „OSZE-Ministertreffen“. Quasi als Vorübung zum G-20-Einsatz. Dort hatte ich den Rathausplatz zu sichern. Da waren Veranstaltungslagen und Treffen. So war es interessant, diese Erfahrungen in den großen G-20-Einsatz einzubringen.

Wie viele Personen hatten Sie unter sich?
Wesemann: In diesen Einsatz bin ich persönlich mit vier Hundertschaften und meiner Abteilungsführungsgruppe am 30. Juni gefahren und am 9. Juli wieder zurückgekommen. Wir waren für das Messegelände zuständig. Es gab zwei Sicherheitsbereiche. Der innere wurde vom BKA gesichert, also: Wo und wie kommen die gesicherten Fahrzeuge rein? Wo halten sich die Tagungsteilnehmer auf? Der Bereich außen rum, das Messegelände, oblag uns. Dazu gehörte übrigens auch der Park Planten un Blomen. Es wurden mir auch noch die Reiterstaffel und Diensthundführer unterstellt. Also zwischen 500 und 600 Personen. 

Haben Sie was von den Ausschreitungen in der Nachbarschaft mitbekommen?
Wesemann: Ja. Als Sicherheitszone zwei waren wir gleichzeitig die sogenannte letzte Linie. Wir mussten quasi gewährleisten, dass kein Störer auf das Gelände kommt. Man muss sich vorstellen, auf der Westseite der Messehallen ist unten das Karolinenviertel und oben das Schanzenviertel, Sternstraße, Schanzenstraße, Schulterblatt. Das ist natürlich genau benachbart. Und davon habe ich dann schon eine Menge mitbekommen. Wir haben natürlich dann auch mal Aufklärer in dem Bereich gehabt, die uns berichtet haben, wo sich die Störer aufgehalten haben. Ich war selbst draußen mit zwei Beamten im Bereich Schulterblatt/Schanzenstraße. Zuerst kamen wir zu dritt in eine Fahrraddemo, die war aber friedlich. Dann tauchte da plötzlich eine Vielzahl von dunklen Gestalten in der Dämmerung auf. Und dann hieß es für uns erst einmal, die Beine in die Hand zu nehmen. Wir waren zu dem Zeitpunkt ja relativ ungesichert. Dann flogen auch schon Steine und Bierflaschen. Ich bin auch getroffen worden, unter anderem von einer vollen Bierflasche, wurde aber nicht verletzt.

So eine volle Bierflasche kann schon wehtun, oder?
Wesemann: Natürlich habe ich es gemerkt. Also, man muss ja immer mit einem Auge nach hinten gucken und sich dann wegbewegen in den sicheren Bereich. Ja, Glück gehabt. Das kann auch ganz anders ausgehen. Ich hatte noch einen weiteren Vorfall mit einer Bierflasche. Aus meiner Sicht habe ich da viel Glück gehabt. Und zwar war ich auf dem Weg zu einer Besprechung in eine Dienststelle in St.-Georg. Da waren ringsum Demos. Überall brannten Hindernisse. Überall hielten sich Menschen auf, einige friedlich, einige deutlich nicht. Wir sind dann mit dem VW-Bus da durchgefahren durch die Lücken der lockeren Menschenmenge, in Schrittgeschwindigkeit. Da stellten sich sofort welche vor den Bulli. Einige ließen sich fallen. Da hab ich dann gesagt: Legt den Rückwärtsgang ein. Also, Blaulicht an, Rückwärtsgang rein und langsam zurück. Auch da haben sich dann Leute postiert. Ich drehe also dann das Fenster runter, bin in dem Moment ungeschützt und hab noch mit den Teilnehmern verhandelt. Da waren dann auch ausländische Personen dabei, Italiener konnte ich hören. Da hieß es dann: Verpisst euch. Das hier ist unsere Straße. Dann landete direkt neben meinem Kopf eine Bierflasche, die an der Verglasung zersplitterte. Wir haben eine Lexan-Verglasung, so eine Art Plexiglas, an den Fahrzeugen, sodass da zum Glück hinterher nur noch die Flüssigkeit und ein paar Splitter waren. Also kein Schaden, nichts, riesiges Glück. Das Ding habe ich nicht einmal aus den Augenwinkel gesehen, so schnell ging das.

Haben Sie etwas Vergleichbares schon mal erlebt in Ihrer Laufbahn?
Wesemann: Im Oktober bin ich 30 Jahre dabei. Ich war also in fast jedem Castor-Einsatz dabei. In den letzten beiden Castor-Einsätzen war ich mit speziellen Hundertschaften unterwegs. Da sind wir auch unter Beschuss gekommen. Beschuss mit Zwillen, mit Muttern, mit Golfbällen. Im Wald waren Nylonseile gespannt. Das war auch heftig.

Zurück zum G-20-Gipfel: Hätte man dort mit einem solchen Ausmaß an Gewalt rechnen können oder sogar müssen?
Wesemann: Da kommen wir jetzt wieder auf das weite Feld der Politik. Und ich möchte nicht spekulieren. Nur so viel: In den Besprechungen im Vorfeld, an denen ich teilgenommen habe, ist seitens der Polizeiführung auf ein hohes Maß an erwarteter Gewaltbereitschaft hingewiesen worden.

Was heißt das konkret?
Wesemann: Im Einsatz am Schulterblatt wurden zum Beispiel Molotow-Cocktails von Dächern geschmissen. Wenn man die abbekommt, dann brennt man, gar keine Frage. Und wenn ganz speziell ausgebildete Leute sagen, da können wir im Moment nicht rangehen, dann ist das so. Das war schon ein Extragrad der Gewalt.

Wie geht man damit um? Wie verdaut man so etwas?
Wesemann: Man ist irgendwann natürlich müde und merkt schon, dass man eigentlich ganz gern eine Pause gehabt hätte. Aber ansonsten hab ich persönlich kein Problem damit. In dem Moment, wo man Kräfte irgendwo reinschickt, hat man die Verantwortung. Das heißt, wenn Menschen zu Schaden kommen, dann kann das an meiner Fehleinschätzung liegen. Bei uns selbst waren die Schichten nicht viel länger als 20 Stunden.

Wie wird der Einsatz nachbereitet?
Wesemann: Nach dem Einsatz werden Erfahrungsberichte geschrieben. Das wird zusammengefasst, und dann tauscht man sich aus. Aber das gilt für alle Einsätze, Fußballspiele, Demos und so weiter. Wobei ich ja glaube, dass dieser Einsatz, also G-20, zukünftig erst einmal längere Zeit an uns vorbeigeht. Auf eines möchte ich noch hinweisen: Wir haben zum Glück nicht so viele Verletzte gehabt. In anderen Einheiten sah das anders aus. Es war ein deutlicher Ruck in der Bevölkerung zu spüren. Darunter viele nette Grüße mit den besten Genesungswünschen für die verletzten Kollegen. Sowohl die Verantwortlichen aus Hamburg, aber auch unsere Polizeiführung haben diese Wünsche und ein großes Dankeschön für unsere Arbeit nachdrücklich unterstrichen. Das tut sehr gut. Ein Bürger überreichte mir eine kleine Grußkarte, auf der stand: „Nicht ganz Hamburg hasst die Polizei!

zz

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