Polizei fasst Ausbrecher von Brauel / Debatte um Sicherheit im Maßregelvollzug

24 Stunden Flucht

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Die Tore des Maßregelvollzugs in Brauel sind hoch und geschlossen – trotzdem sind die fünf Straftäter in der Nacht zu Montag entkommen.

Brauel - Von Michael Krüger. Ein Gerangel um Zuständigkeiten, politische Debatten, fehlende Informationen, aber auch: ein schneller Fahndungserfolg. 24 Stunden nach ihrem spektakulären Ausbruch aus dem Maßregelvollzug in Brauel sind fünf drogenabhängige Straftäter wieder hinter Schloss und Riegel. Die Aufarbeitung der Vorfälle dürfte dagegen noch weitaus länger dauern.

Es ist ein aufmerksamer Polizist aus Rotenburg, der kurz nach dem Ausbruch in der Nacht zum Montag die entscheidende Beobachtung macht: In der Nähe der Klinik sieht er einen Wagen mit Leeraner Kennzeichen. „Es war keine heiße Spur“, sagt Polizeisprecher Heiner van der Werp – aber es war die richtige. Als am Montagmittag klar ist, dass sich die Spuren der Geflohenen im Nahbereich des Maßregelvollzugs verlieren, konzentriert sich die eilig einberufene Ermittlungsgruppe auf die Lebensläufe der wegen Drogenhandels, schwerer räuberischer Erpressung, schweren Raubes und gefährlicher Körperverletzung Verurteilten im Alter zwischen 22 und 28 Jahren. Und siehe da: Es gibt Beziehungen nach Ostfriesland.

Die Polizei erkennt einen möglichen Kontaktmann, der wird befragt und gesteht: Er hat die Ausbrecher mit einer weiteren Frau in der Nacht in Brauel abgeholt, zu siebt seien sie nach Leer gefahren. Dort sitzen die Männer nun mit der Frau in einer Wohnung. Ein Großaufgebot von Polizei, speziellen Einsatzgruppen und Vermittlern bezieht Stellung, kurz nach Mitternacht die Entscheidung des Einsatzleiters der Leeraner Polizei: Zugriff! „Sie haben den Überraschungsmoment genutzt“, so van der Werp. Binnen weniger Minuten sind die Männer festgenommen, sie leisten keinen Widerstand. Auch die möglichen Fluchthelfer werden vor der Polizei einkassiert.

Drei der fünf Ausbrecher sitzen inzwischen in der JVA Oldenburg, zwei wurden von der Polizei zunächst in den Maßregelvollzug in Wehnen (Landkreis Ammerland) gebracht. Ein Gericht muss entscheiden, ob sie im psychiatrischen Krankenhaus bleiben oder ihre Haftstrafe in einem Gefängnis verbüßen müssen.

Die Hintergründe des Ausbruchs sind noch völlig unklar – und auch die Frage nach strafrechtlichen Konsequenzen. Kai Thomas Breas von der Staatsanwaltschaft Stade: „Wir ermitteln derzeit, welche Straftatbestände infrage kommen.“ Bei den Geflüchteten, die drei Mitarbeiter in Brauel überwältigt und teilweise gefesselt hatten, käme Körperverletzung, Nötigung und Freiheitsberaubung infrage. Für die Fluchthelfer könnten Begünstigung, Gefangenenbefreiung und Strafvereitelung eine Rolle spielen. Grundsätzlich strafbar sei ein Gefängnisausbruch aber nicht, betont Breas – wenn dabei niemand und nichts zu Schaden komme.

Rotenburgs Polizeisprecher Heiner van der Werp ist sich sicher, dass durch die schnelle Aufklärung weitere Straftaten verhindert werden konnten. „Wir wissen, dass sie was geplant hatten. Und dafür brauchten sie Geld.“ Dass das Kompetenzgerangel zwischen vier Staatsanwaltschaften, die für die Inhaftierten zuständig waren, am Montag eine Öffentlichkeitsfahndung mit Bildern nicht möglich machte, sei aber wenigstens als „unglücklich“ zu bezeichnen. „Es hatte keiner den Hut auf.“

Brauel sei nach den Ausbrüchen der vergangenen Jahre „immer mal wieder ein Thema“ bei der Polizei, so van der Werp. Aber „das sprengte das bisher Dagewesene“. Das sieht auch Niedersachsens Sozialministerin Cornelia Rundt (SPD) so, die für den Maßregelvollzug Brauel zuständig ist: „Wir halten die Täter für nicht therapierbar. Wir hoffen, dass das die Gerichte auch so sehen.“

Die Diskussion über die Sicherheit im Maßregelvollzug ist entfacht. Die CDU wirft Rundt „völliges Versagen“ vor und fordert personelle Konsequenzen. Doch die SPD-Politikerin aus Walsrode wehrt sich. In anderen Bundesländern gebe es eine Vielzahl von Entweichungen, die nicht öffentlich gemacht und diskutiert werden. „Der Maßregelvollzug in Niedersachsen ist nicht unsicherer als anderswo.“

Der Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, Thomas Bliesener, warnte vor Panikmache. „Man muss schon eine Fehleranalyse machen, wie es dazu kommen konnte. Letztendlich wird ein Ausbruch oder ein Entweichen aber nie ganz zu verhindern sein.“ Es sei ein Risiko, das die Gesellschaft tragen müsse. Denn Straftäter bis zum Ende in Haft zu lassen und dann freizulassen, erhöhe die Gefahr, dass diese neue Straftaten begehen.

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