Die Natur geht den Bach runter

Wasserrahmenrichtlinie: EU-Vorgaben auch nach 16 Jahren nicht umgesetzt

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Die Aue schlängelt sich auf der Karte aus dem Jahr 1769 von rechts unten nach links oben durch das Bild. Schon 120 Jahre später durfte sie nicht mehr mäandern und war teilweise begradigt. Heute es geht es abschnittsweise geradeaus gen Zeven. Der gelblich abgesetzte Bereich entlang des Flüsschens umreißt die Fläche, den es bei Hochwasser überschwemmte.

Zeven - Von Thorsten Kratzmann. In der Aue zwischen Hesedorf und Zeven haben 87 Tier- und Pflanzenarten ihr Zuhause. Der Fluss schlängelt sich an Gyhum und Brüttendorf vorbei, bevor er in Zeven seinen Namen in Mehde ändert. Das ist die Vorstellung, der die EU-Kommission seit 2000 zur Realisierung verhelfen möchte.

Sie ist unter dem Begriff „EU-Wasserrahmenrichtlinie“ geläufig und will den „guten ökologischen Zustand“ der Gewässer erreichen. Als Geschäftsführer des Unterhaltungsverbandes Obere Oste ist Wilhelm Meyer daran beteiligt. „Das wird nichts“, lautet sein Urteil. Und das trifft nicht nur auf die Aue zu. Laut Umweltbundesamt (UBA) geht es bloß 6,7 Prozent der deutschen Gewässer gut. Rund 30 Prozent der Flüsse und Bäche gelten als erheblich belastet. Zweidrittel aller Fließgewässer weisen erhöhte Phosphor- und Nitratwerte auf. Für den Nährstoffeintrag sorgt in erster Linie die intensive Landwirtschaft.

Die meisten Fließgewässer gleichen zudem Kanälen, die allein dem Zweck dienen, das Wasser schnell abfließen zu lassen. Wehre und Sohlabstürze verhindern, dass Fische wandern können.

Diesen Zustand zu ändern, hatte die EU die Mitgliedsstaaten im Jahr 2000 verpflichtet. Zwei Jahre später setzte Deutschland die Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) in nationales Recht um. 2015 sollten der gute ökologische Zustand der Fließgewässer und der gute chemische Zustand des Grundwassers erreicht sein. Daraus wurde nichts.

„Nur an Stellschrauben drehen“

Weil bis 2015 kaum etwas erreicht wurde, gab es eine Fristverlängerung bis 2021, um ans Ziel zu gelangen. Da absehbar ist, dass bis in drei Jahren keine durchschlagenden Erfolge zu vermelden sein werden, ist die Frist erneut um sechs Jahre bis 2027 verlängert worden.

„Das habe ich vorher gewusst, dass das nichts wird“, kommentiert Wilhelm Meyer. „Um das gesteckte Ziel zu erreichen, müssten wir die Niederung aufgeben und damit einen Teil der Kulturlandschaft.“ Meyer weiß, dass Gewässeranlieger nicht bereit sind, Bächen und Flüssen mehr Raum zu geben. „Unter den gegebenen Umständen können wir nur an Stellschrauben drehen“, stellt er fest.

Der Geschäftsführer des Unterhaltungsverbandes hat mehr als 500 Kilometer Wasserläufe zwischen Harsefeld und Hipstedt, Abbendorf und Bremervörde zu unterhalten. Anhand historischen Kartenmaterials verdeutlicht er, was Teil des Problems ist: Als Beispiel dient ihm die Aue, die südöstlich von Hesedorf entspringt und westlich von Offensen als Mehde in die Oste mündet.

Bis an die Gewässer herangerückt

In der Kurhannoverschen Landesaufnahme von 1769 schlängelt sich der Fluss gen Norden, eingefasst von Auen, die sich mal breiter mal schmaler an den Wasserlauf schmiegen. Die 120 Jahre später im Zuge der Preußischen Landesaufnahme gefertigte Karte zeigt bereits massive Veränderungen. Über weite Strecken ist der Fluss gebändigt, verläuft schnurgerade. „Daran kann man sehen, was der Mensch in Handarbeit gemacht hat.“ In einer zweiten Welle sind die Wasserläufe in den 1950er und 60er Jahren ausgebaut worden. Sohlabstürze und Wehre wurden eingebaut. „Mehr als 80 Prozent der Verbandsgewässer sind wesentlich umgestaltet“, so Meyer. Die Oste ist die große Ausnahme.

Die Anlage von Gräben und der Ausbau von Fließgewässern diente in erste Linie der Landwirtschaft. Es galt, das Wasser loszuwerden, um die angrenzenden Flächen nutzen zu können. In der Folge, so erläutert es Meyer, haben sich die Menschen auf die veränderte Situation eingestellt und sind vielfach bis an die Gewässer herangerückt. Um den zügigen und ungestörten Abfluss des Wassers gewährleisten zu können, bedarf es einer permanenten Unterhaltung. Der Wasserlauf muss von Ablagerungen und Aufwuchs befreit werden.

Wie früher wird es nicht mehr

Ohne diese Räumung steigen die Wasserstände in den Bächen und Flüssen, sie ufern aus und ändern ihren Lauf. „Sie entwickeln sich zu oberflächennahen und breit fließenden Wasserläufen. Die Gewässersohle landet auf“, verdeutlich der Ingenieur. In der Folge entwässern diese Gewässer das Umland weniger. Dort steigt der Grundwasserspiegel. „Anlieger werden eine Generation später entlang der Wasserläufe nicht mehr wirtschaften können“, unterstreicht Meyer.

Mit anderen Worten: Die Ziele der WRRL lassen sich nicht erreichen, ohne erhebliche negative Auswirkungen auf die vorhandene ufernahe Bebauung, die Landwirtschaft und den Hochwasserschutz heraufzubeschwören. Meyer geht fest davon aus, dass es kein Zurück zu den Zuständen vor 250 Jahren geben wird. Daher hat sich der Verband auf das Abräumen von Hindernissen konzentriert. Sieben Wehre sind gefallen, damit Fische aufwärts wandern können.

Für realistisch und erforderlich hält es Wilhelm Meyer darüber hinaus, den Nährstoffeintrag in die Gewässer zu verringern, die Gewässerräumung zu verändern und die Gewässerränder zu schützen. „Ich stelle seit Jahren einen immer stärken Aufwuchs in den Gewässern fest“, sagt er und nennt damit ein Indiz dafür, dass immer mehr Nährstoffe ins Wasser gelangen. „Wenn ich auf drainierte Flächen Nährstoff aufbringe, wird ein Teil abgeführt“, weiß Meyer.

„Ich brauche breitere Randstreifen“

Zudem ist in den zurückliegenden Jahren Grünland am Gewässerrand in Acker umgewandelt worden. Weil oftmals die Uferrandstreifen nicht breit genug sind, gelangen Nährstoffe und Sand ins Wasser. „Ich brauche breitere Randstreifen“, lautet der Appell Meyers. Als eine Möglichkeit, seinen Wunsch zu erfüllen, wertet er, Ausgleichsflächen nach dem Naturschutzgesetz verstärkt an Fließgewässern auszuweisen.

Die Räumung ist eine weitere Stellschraube, an der sich drehen lässt, um den ökologischen Zustand der Fließgewässer zu verbessern. So will Meyer ausprobieren, in der Gewässersohle nur eine Schneise zu schlagen, die Böschungsfüße in Ruhe zu lassen und die Mähintervalle an den Böschungen zu verändern. „Mal sehen, wo wir was stehen lassen können und ob es funktioniert“, sagt er und lässt keinen Zweifel daran, dass der Wasserabfluss nicht beeinträchtigt werden darf. „Eine Rückentwicklung zu Naturzuständen wird nicht möglich sein.“

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