MLK: Tumult im Rathaussaal

Infoabend zur Zukunft der medizinischen Versorgung in Zeven droht zu eskalieren

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Der Saal im Zevener Rathaus reichte bei weitem nicht aus, um allen Interessenten Platz zu bieten. Jetzt plant der Landkreis, die MLK-Info-Veranstaltung noch einmal zu wiederholen.

Zeven - Von Thorsten Kratzmann. Haarscharf an einem Abbruch vorbei schrammte am Mittwochabend die Informationsveranstaltung des Landkreises zur Zukunft des Martin-Luther-Krankenhauses. Mehr als 500 Interessierte wollten dabei sein. Doch im Saal fanden nur etwa 300 Personen Platz. Die Volksseele kochte, als die Experten auf dem Podium ein Überleben des MLK für ausgeschlossen erklärten. Ihrer Ansicht nach kann nur der Tod des MLK der Bremervörder Ostemed-Klinik eine Überlebenschance bieten.

Dutzende Interessierte machten auf dem Absatz kehrt, nachdem sie eine Viertelstunde vor Veranstaltungsbeginn vergebens versucht hatten, ins Rathaus zu gelangen. Selbst im Foyer war kaum noch ein Stehplatz frei. Vielen Besuchern stand die Anspannung ins Gesicht geschrieben, wie auch dem Gastgeber, Landrat Hermann Luttmann. Ihm schlug offene Ablehnung aus dem Publikum entgegen, als er am Mikrofon einführende Worte sprach. Von Buh-Rufen unterbrochen und höhnischem Gelächter begleitet, behauptete er, lange an das MLK geglaubt zu haben und bekräftigte, statt des Krankenhauses ein ambulantes Angebot in Zeven schaffen zu wollen.

Beiderseits des Landrats saßen Dr. Stephan Brune, Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Stade, AOK-Vertreterin Sabine Nowak-Schwonbeck, Jörg Niemann vom Ersatzkassenverband, Ostemed-Geschäftsführer Siegfried Ristau, Gutachter Dr. Axel Kaiser und Dr. Boris Robbers, Leiter des Krankenhaus-Referats im Sozialministerium.

Die Menge geriet in Wallung

Einen schweren Stand hatte Kaiser, der die bekannten Daten und Fakten der deutschen Krankenhaus-Landschaft referierte. Er hob auf den Strukturwandel ab, der sich vor allem an der kontinuierlich sinkenden Zahl kleinerer Kliniken, steigenden Patientenzahlen und strengeren Qualitätsanforderungen an die Krankenhausmedizin zeigt. Als der Gutachter den Niedergang des MLK anhand von Zahlen darlegte, geriet die Menge in Wallung. Sie verlangte nach einem Bekenntnis, dass der Ruin des MLK provoziert worden sei.

Kaisers Fazit lautete: Das Krankenhaus Bremervörde kann nur „entwickelt“ werden, wenn das MLK aufgegeben wird – zumal es keine Zukunft habe. Und auch ohne MLK erreichten zwischen 95 und 99,5 Prozent aller Einwohner des Kreises ein Krankenhaus binnen 30 Minuten. Siegfried Ristau ignorierte den Vorschlag aus dem Publikum, seinen Co-Geschäftsführer Sven Freytag ans Mikrofon zu holen und ratterte sein bekanntes Zukunftskonzept für die Gesundheitsversorgung im Nordkreis runter.

Lautsprecher quittierte seinen Dienst

An dieser Stelle drohte die Veranstaltung zu platzen, denn der Lautsprecher im Foyer quittierte seinen Dienst. Das brachte die Menge erst richtig auf den Baum. Sie forderten lautstark eine Vertagung, die der Landrat ablehnte. Als immer mehr Menschen aus dem Vorraum in den Saal strömten, stellten sich ihnen Kreisrat Sven Höhl und Luttmann entgegen. Luttmann verwies auf den Brandschutz und drohte mit der Polizei. Auch das kam beim Publikum nicht gut an.

Ebenso wie im Anschluss die Ansagen des Ministerialen Robbers, der das MLK längst abgeschrieben hat und versprach, dass die Gesundheitsversorgung mit einem „guten ambulanten Angebot“ besser werde als sie es mit dem MLK ist. Verbandsvertreter Jörg Niemann versuchte, die Seele der Zuhörer zunächst zu streicheln, um dann festzustellen, dass das MLK eine Grund- und Regelversorgung der Bevölkerung nicht bieten könne, im Wettbewerb mit anderen Kliniken nicht bestehen werde und aufzugeben sei, damit die Bremervörder Klinik eine Chance erhalte.

Tiefes Misstrauen

Als die Bürger zu Wort kamen, wurde klar, dass sie sowohl dem Landrat als auch der Ostemed-Geschäftsführung zutiefst misstrauen. Deutlich wurde das am mehrfach geäußerten Verdacht, Gutachten seien manipuliert, der Ruin des MLK bewusst herbeigeführt und vom Landrat geduldet. Die Redner ernteten für ihre Äußerungen tosenden Applaus. Luttmann wies diese Vorhaltungen zurück und fand ausgerechnet im Kreistagsabgeordneten Nils Bassen (Die Linke) einen Verteidiger, der jedoch einen „Paradigmenwechsel“ forderte. Wer den ländlichen Raum stärken und dessen schleichende Entvölkerung verhindern wolle, der müsse Krankenhäuser aufbauen und dürfe sie nicht schließen, argumentierte Bassen.

Am Ende der zweieinhalbstündigen Veranstaltung stand die Gewissheit, dass das Misstrauen bleibt, der Widerstand gegen die Schließung des MLK nicht gebrochen ist, in Bremervörde ein weiterer Klinik-Patient wartet und die ärztliche Ausstattung eines medizinischen Versorgungszentrums in Zeven keineswegs gesichert ist. Die Veranstaltung soll wiederholt werden; Ort und Zeit stehen noch nicht fest. „Wir bemühen uns, möglichst viele Referenten von gestern noch einmal nach Zeven zu holen. Die Präsentationen sowie der Ablauf werden identisch zur ersten Veranstaltung sein.“, so Luttmann in einer Mitteilung an die Presse.

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