Landrat hadert mit Verweigerern – und lobt Einsatz vor Ort

Landrat Luttmann fordert Corona-Impfpflicht

Abbau des Impfzentrums
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Das medizinische Gerät aus dem Zevener Impfzentrum geht zurück ans Land, viele andere Einrichtungsgegenstände gehen an soziale Einrichtungen.

Landrat Hermann Luttmann ärgert sich über die Impfmüdigkeit oder gar -verweigerung einiger Menschen. Gerade in Schulen könne das ab dem zweiten Corona-Herbst wieder zu Schwierigkeiten führen. Wegen der gesunkenen Nachfrage hat das Zevener Impfzentrum nun geschlossen.

Zeven – Landrat Hermann Luttmann (CDU) hat im Laufe der Pandemie schon viel Kritik geübt: An der Trägheit politischer Entscheidungen auf Landes- oder Bundesebene, an bürokratischen Hürden, an überzogenen Maßnahmen für alle, auch wenn die Lage vor Ort überschaubar war. Jetzt, kurz vorm zweiten Corona-Herbst, hadert er mit der Impfmüdigkeit der Menschen und einer Politik, die sich vor den Wahlen nicht deutlicher positionieren will: „Als Bundeskanzler würde ich sagen: Impfpflicht! Und Attacke!“

Luttmann sitzt an diesem Donnerstagmittag in den verlassenen Räumen des ehemaligen Martin-Luther-Krankenhauses in Zeven. Pressegespräch dort, wo seit dem 15. Februar zehntausende Menschen ihre Corona-Impfungen erhalten haben. Nun ist es still, das Impfzentrum hat seit Montag geschlossen. Es gibt keine Nachfrage mehr. „Ab August hat man Leute gesucht, die überhaupt noch geimpft werden wollten“, sagt der Landrat. Zelte werden auf dem Hof das alten Krankenhauses abgebaut, alles, was mindestens 500 Euro wert ist, geht zurück ans Land. Der Rest geht an soziale Einrichtungen. „Es wird abgewickelt“, sagt Alexander Oestmann, einer der Leiter des Impfzentrums. 3,5 bis vier Millionen Euro habe die Einrichtung gekostet. Ein Erfolg, auch dank des großen Einsatzes der vielen Mitarbeiter und Freiwilligen, betont Luttmann. Der Landkreis habe vor allem von dezentralen Aktionen der mobilen Impfteams profitiert. 60 Prozent Impfungen in Zeven, 40 vor Ort, sagt Luttmann. Rechne man die Zahlen des Impfzentrums mit denen der niedergelassenen Ärzte und der Betriebsärzte zusammen, komme man auf eine Impfquote von knapp 70 Prozent der über Zwölfjährigen. „Wir schlagen nicht nach unten oder oben aus.“ Wohl aber sei die Pandemie im Landkreis bislang vergleichsweise ruhig verlaufen. Mit jetzt 99 Todesfällen liege man gemessen auf die Einwohnerzahl bei einer nur halb so niedrigen Todesrate wie im Bundesdurchschnitt. 4 150 Corona-Infizierte unter den gut 164 000 Kreisbewohnern gelten als wieder genesen.

Und dennoch könnte die Lage noch viel besser sein. Es habe drei Phasen gegeben im Impfzentrum, so Gesundheitsdezernentin Heike von Ostrowski. Zunächst hätte „man viel mehr machen können“, zwei Monate wartete das einsatzbereite Impfzentrum auf den ersten Piks. Es habe zu wenig Impfstoff gegeben. Nach der zweiten Phase, dem Hochbetrieb mit rund 140 Mitarbeitern, sei der Bedarf ab Ende Juli rapide gesunken. Immerhin habe man nur ganz wenig Impfdosen wegschmeißen müssen. Ostrowski: „Es gibt die Schwierigkeit, auch die letzten Impfwilligen zu erreichen.“ Ein Impfbus sei im Einsatz gewesen, Impfwochenenenden habe es gegeben, Aktionen wie ein Drive-In vor Ort. „Ende Juli konnte jeder geimpft sein – und jetzt höre ich, dass wir eine Bratwurst für Impflinge ausgeben sollen“, moniert Luttmann die steigende Anspruchshaltung und fehlendes Bewusstsein fürs Gemeinwohl. Politik könne eigentlich nicht noch mehr Überzeugungsarbeit für die Impfung leisten, das müsse das soziale Umfeld tun. „Alles, was wir durch Impfungen nicht schaffen, geschieht in den kommenden Monaten durch Infektionen – und das ist der viel schlimmere und schwere Weg“, sagt von Ostrowski. Die Delta-Variante werde jeden erwischen, ob geimpft oder nicht – aber mit unterschiedlicher Ausprägung.

Jetzt wird abgebaut: Alexander Oestmann und sein Team haben das Zevener Impfzentrum geschlossen.

„Es wäre besser gewesen, wir wären mutiger gewesen“, betont der Landrat. Er spielt damit auch die zögerliche Empfehlung für Impfungen von Jugendlichen an. Selbst wenn sich eine allgemeine Impfpflicht nicht durchsetzen lasse: Dass es in Kitas und Schulen Erzieher und Lehrer gibt, die nicht geimpft sind, hält er für nicht nachvollziehbar. „Auch für Eltern, die sich nicht impfen lassen, fehlt mir jegliches Verständnis“, so der Landrat, der noch bis November im Amt ist. Zwar blieben Kinder „bis auf wenige traurige Einzelfälle“ von schweren Krankheitsverläufen verschont, aber für einen geregelten Schulbetrieb ohne größere Quarantäne- und Homeschooling-Maßnahmen bleibe „nur das Prinzip Hoffnung“ ab Herbst.

Der Landkreis bereitet sich ergänzend zu den Maßnahmen der Ärzte nun darauf vor, ab Oktober mit drei mobilen Impfteams weiter zu unterstützen. Priorität hat dabei die dritte Impfung in den rund 30 Alten- und Pflegeheimen des Landkreises mit rund 2 100 Bewohnern. Auch hoffe man, gemeinsam mit den Hausärzten noch diejenigen zu erreichen, die bislang zu bequem waren. Luttmann spricht hier von „bildungsfernen Schichten“. Konsequente Impfgegner hingegen werde man wohl kaum überzeugen können. Die erreicht dann wohl eher das Virus persönlich irgendwann.

Landkreis erwartet verschärfte Regeln schon ab Freitag

Die gestiegene Zahl der Corona-Neuinfektionen im Landkreis Rotenburg in den vergangenen Wochen könnte nun dazu führen, dass es eine neue Allgemeinverfügung gibt – mit der ersten Warnstufe nach den Vorgaben des Landes. Dies würde bedeuten, dass die 3G-Regel ausgeweitet wird. Nur noch geimpfte, genesene oder getestete Personen hätten dann Zugang zu bestimmten Einrichtungen, Veranstaltungen und Leistungen. Zugangsbeschränkungen gelten dann unter anderem für Innenräume von Restaurants, beim Friseur, in Fitnessstudios oder Schwimmbädern.  Die Rotenburger Stadtwerke als Betreiber des Erlebnisbads Ronolulu bereiten sich darauf bereits vor. Wird die wie erwartet erlassen, ist der Zutritt zum Bad ab Sonnabend nur noch für geimpfte, genesene oder getestete Besucher möglich. Zudem muss der Besuch per Luca- oder Corona-App dokumentiert werden, auch Papierzettel würden notfalls noch zur Kontaktnachverfolgung ausgelegt. „Wir glauben an unsere Maßnahmen“, unterstreicht Stadtwerke-Chef Volker Meyer. Das Infektionsrisiko sei im Ronolulu stets sehr niedrig gewesen, die Hygienemaßnahmen ausreichend. Trotzdem müsse man sich mit den Vorschriften rechtzeitig auseinandersetzen. Für den Saunabereich würde dann sogar die 2G-Regel gelten – Zutritt nur noch für Geimpfte oder Genesene, damit mehr Besuchern Zutritt gewährt werden könnte. Grundsätzlich soll das Freibad im Ronolulu „mindestens noch den Oktober“ geöffnet bleiben, und es werde „niemand im Wasser frieren“, so Meyer. Noch laufen Umbauarbeiten im Hallenbad. Und im Frühjahr gehe es dann auch wieder zeitig raus – damit die Dach- und Fassadenarbeiten beginnen können.

Zwar ist die Sieben-Tage-Inzidenz im Landkreis am Donnerstag unter den Grenzwert von 50 auf 49,9 Neuinfektionen binnen einer Wochen bezogen auf 100 000 Einwohner gefallen, aber dass sie schon am Freitag wieder drüber liegt, hält Gesundheitsdezernentin Heike von Ostrowski für sehr wahrscheinlich. Neben der Inzidenz werden für eine höhere Warnstufe die Zahl der Menschen mit Covid-19 in Krankenhäusern im landesweiten Durchschnitt sowie die Belegung der Intensivbetten mit Covid-19-Patienten berücksichtigt. Zumindest der Grenzwert der Intensivbetten-Belegung im Land gilt aktuell auch als überschritten. Ostrowski begründet die wieder höheren Infektionszahlen damit, dass auch Geimpfte das Virus weitertragen können – aber mittlerweile sorgloser damit umgehen und Regeln nicht einhalten. Kreisweit gibt es derzeit 155 Infizierte, von denen drei im Krankenhaus liegen. Und es wird das 99. Pandemie-Opfer im Kreis gemeldet: Ein 70-jähriger Mann aus der Samtgemeinde Bothel ist am Dienstag gestorben.

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