Florian Steiner im Interview

Tropenmediziner bewertet die Corona-Krise: „Weder bagatellisieren noch dramatisieren“

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Internist und Tropenmediziner Florian Steiner

In Zeven ist ein Corona-Testzentrum in Betrieb genommen worden. Rund 30 Patienten betreuen sie dort täglich. Der Tropenmediziner Florian Steiner ist einer derjenigen, der dieses Zentrum mit aufgebaut hat. Im Interview bewertet er unter anderem die aktuelle Corona-Pandemie.

  • Florian Steiner schätzt die Corona-Krise in Deutschland ein
  • Warnung vor falschen Informationen und Einschätzungen
  • Corona-Testteams noch nicht am Limit, Labore eher schon

Zeven - Florian Steiner gehört bundesweit zur nicht gerade großen Gruppe derer, die mit „Spezialfällen“ wie dem Aufbau des Corona-Testzentrums des Landkreises Rotenburg betraut werden. Der 41-jährige Internist und Tropenmediziner arbeitete mehrere Jahre in der Berliner Charité, half während der Ebola-Epidemie 2014/15 im westafrikanischen Liberia, reist wiederholt für das RKI in afrikanische Staaten wie Ruanda und bildet für das DRK und das Robert Koch-Institut Hilfspersonal aus. Im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie fragten wir ihn am letzten Märzwochenende nach seinen Einschätzungen. 

Herr Steiner, ist die Bevölkerung ausreichend informiert? 

Wir verzeichnen gegenwärtig eine Infodemie. Die Menschen werden bombardiert mit Informationen, Fehlinformationen und Witzen. Da wird viel Falsches verbreitet, auch von scheinbar seriösen Quellen und man muss ganz genau gucken, welchen Quellen man trauen kann, wie dem Robert-Koch-Institut oder Christian Drosten in virologischen Fragen. 

Die Medien versuchen ja, das mit Informationssendungen und Talkshows zu kanalisieren. Nun ist es so, dass nicht jeder, der eine Meinung hat, nicht automatisch auch Ahnung hat. Je nach den geladenen Gästen bekommt man einen anderen Eindruck – wenn Professor Drosten geladen ist, wird er anders ausfallen als etwa bei Professor Kekulé. Übrigens sind auch die Ärzte gefordert: Auch hier sind nicht alle Informationen belastbar. 

Googelt man auf Youtube „Rachenabstrich“, so ist gleich das erste Ergebnis fehlerhaft. Deshalb habe selbst ich einige Videos gedreht und herumgeschickt mit Tricks, die an der Universität nicht gelehrt werden. Etwa zum richtigen Ausziehen der Handschuhe - die Ärzte sind mit der Flut an Memos überfordert; zum ausführlichen Lesen haben wenige Zeit. Viele Menschen haben den Eindruck, als ob mitunter willkürlich entschieden wird, wer getestet wird. 

Wie ist das zu erklären? 

Das ist komplex, weil sich die Gegebenheiten immer wieder ändern - und das mitunter sehr schnell. Am Anfang war neben den Symptomen das entscheidende Kriterium der Aufenthalt in einem Risikogebiet; mittlerweile sind wir weg vom Ort; wir sind mittendrin. Grundsätzlich gelten die Orientierungshilfen des Robert-Koch-Instituts, doch auch die befinden sich angesichts einer dynamischen Entwicklung zwangsläufig im Wandel. Und natürlich gibt es auch hier einen Ermessensspielraum und einen Graubereich.

Im normalen Praxisalltag verschreibt auch nicht jeder Arzt gleich schnell ein Antibiotikum. Und schließlich darf man nicht vergessen: Wir betreiben hier nicht nur Individual-, sondern Gesellschaftsmedizin. Es geht auch um Abwägen, um das Schonen von Ressourcen, um Verhältnismäßigkeiten. 

Haben Sie genug Kapazitäten, können Sie die Vorgaben des Robert-Koch-Insituts umsetzen? 

Wir sind sicherlich noch nicht an unserer Belastungsgrenze angekommen – die zehnfache Anzahl könnten wir allerdings auch nicht bedienen, allein schon, weil die Labore am Limit sind. Die Ausbrüche sind dynamisch, man muss sich anpassen. Man beobachtet und lernt. 

Sicherlich können wir die Kapazitäten in Deutschland noch hochschrauben. Theoretisch könnten wir mit zwei Ärzten auch deutlich mehr das Doppelte an Tests bewältigen. Grundsätzlich gibt es für uns keine Vorgaben, sondern nur Kriterien und wir machen das, was machbar ist. Generell gilt für jeden Test in der aktuellen Lage: Es muss ein echter Grund vorliegen. 

Die von den Hausärzten ausgefüllten Anmeldescheine sind da ein guter Filter; im Zweifelsfall gibt das Telefonat mit den Patienten Aufschluss. Wie aussagekräftig sind die Tests? Eine absolute Sicherheit gibt es nicht; wir arbeiten im Bereich der Mathematik: mit Prozentzahlen und Wahrscheinlichkeiten. Das Virus finden wir im Abstrich im Idealfall noch eine Woche nach Ausbruch der Symptome; danach ist die Probe kaum noch aussagekräftig. 

Lässt sich Corona mit Grippe oder Ebola vergleichen? Wie sind Ihre Erfahrungen? 

Wenn ich höre, „Corona ist so wie Grippe“, macht mich das wütend. Das kann man überhaupt nicht vergleichen. Generell neigt man dazu, entweder zu bagatellisieren oder zu dramatisieren. Beides ist nicht angemessen. Ebola ist für die Infizierten viel gefährlicher.  Im Vergleich zu meinem Einsatz in Liberia ist die Gefährlichkeit hier für uns Unterstützende viel geringer, die Hitzebelastung ist auch geringer und erleichtert uns die Arbeit. Andererseits gibt es hier mehr bürokratische Hürden. Und: Dort gab es einen Haufen Experten, die etwas gemeinsam stemmen wollten, hier ist die Pandemie für viele Neuland. Andererseits verzeiht dieser Ausbruch viele Fehler. 

Wer das Argument: „An Grippe sterben auch Hunderttausende“ anführt, muss wissen: Wer am aktuellen Coronavirus schwer erkrankt, leidet. Wir müssen auch an die Kranken denken, nicht nur an die Toten. Wenn das Gesundheitssystem komplett überlastet ist, droht Ersticken. Das ist bei fehlendem medizinischem Beistand kein schöner Tod, sondern ein häufig langsamer, qualvoller. Zum Glück befinden wir uns in Deutschland nicht an diesem Punkt. 

Für wie wirksam halten Sie Maßnahmen wie selbst genähte Behelfsmasken? 

Das ist sicherlich eine eher kleine Stellschraube, von der wir nicht mal wissen, ob sie der Allgemeinbevölkerung eher schadet oder hilft. Es erinnert mich an die sogenannte „Duck-and-Cover“- Methode der 50er Jahre. Eine viel größere Stellschraube ist die Verhaltensänderung der Bevölkerung.

Ich bin kein Freund der massiven Einschränkung der Bürgerrechte; die Nachverfolgung von Bewegungsprofilen über Mobiltelefone wie in Südkorea finde ich bedenklich. Aber es ist festzustellen, dass es doch so etwas wie eine Schwarmintelligenz gibt: Die Menschen lernen schnell und passen sich zum Großteil an die Gebote der Stunde an. 

Werden genug Leute getestet? Im Bundesinnenministerium findet ja gerade ein Paradigmenwechsel statt… 

Absolute Gewissheit gibt es nur, wenn man jeden Bürger jeden Tag testen würde. Aber das wäre der Idealfall in einer idealisierten Welt… Hier geht es auch um Ressourcen und den verantwortlichen Umgang damit. Wir betreiben nicht nur Individual-, sondern auch Gesellschaftsmedizin. Und wir gehen sehr verantwortlich und sparsam mit unseren Ressourcen um. Das müssen wir auch, gerade angesichts der begrenzten Laborkapazitäten und der Tatsache, dass die Situation schon morgen ganz anders aussehen kann.

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