Unrecht und Gewalt in den ehemaligen „Anstalten“: Buchprojekt und Netzwerk

Zeit ab 1945 im Fokus

Pastor Peter Handrich, die Vorstandsvorsitzende Jutta Wendland-Park, Klaus Kinder vom Heimbeirat (vorne), Professor Burkhard Stahl und Klaus Brünjes (v.l.) kümmern sich um die Geschichte der Rotenburger Werke.

Rotenburg - ROTENBURG (men) · „Mich beschämt, dass auch in dieser diakonischen Einrichtung unser christlicher Anspruch von der Wirklichkeit so sehr abgewichen ist. Wir können Geschehenes nicht rückgängig machen, aber wir wollen den Menschen die Möglichkeit geben, über erlittenes Leid zu sprechen.“ Das sagt Jutta Wendland-Park, die Vorstandsvorsitzende der Rotenburger Werke. Der Vorstand habe deshalb Anlaufstellen geschaffen, wo ehemalige behinderte Heimkinder leichter über ihre Erfahrungen mit Gewalt und Unrecht in den 50er und 60er Jahren reden können. Die Chefin der Werke: „Wir haben ein offenes Ohr für die Menschen, die sich bisher nicht gewagt haben, etwas dazu zu sagen.“

Die Pastorin machte gestern in einem Gespräch mit der Presse deutlich: Auch in den damaligen „Rotenburger Anstalten“ sind nach dem Zweiten Weltkrieg Zwang und Gewalt im Umgang mit Menschen mit Behinderungen aufgetreten. Durch die Gespräche, die sie inzwischen selbst mit Betroffenen geführt habe und durch die Erfahrungen aus anderen Einrichtungen wisse sie, wie wichtig das für die Menschen sei, die Gewalt erlebt haben. „Die Menschen möchten gehört und mit dem, was sie sagen, ernst genommen werden“, so Wendland-Park. Sie freue sich, dass durch eine Zunahme der Berichterstattung zum Thema Gewalt in Heimen und durch die Schaffung eines „Runden Tisches Heimerziehung“ Betroffene in den vergangenen Jahren zunehmend Mut gefasst hätten, um über ihre Erlebnisse zu sprechen. Ein weiterer Grund, weshalb sich die Werke dieses Themas annehmen und mehr über das schwierige Kapitel der Geschichte erfahren möchten, sei, dass sie eine angemessene Bearbeitung anstreben, aus der sich auch für die Zukunft etwas lernen lasse.

Sie selbst, der psychologische Dienst mit Professor Burkhard Stahl, der Heimbeirat sowie als externe Stelle die evangelische Lebensberatung stehen als Anlauf stellen zur Verfügung.

Darüber hinaus arbeiten die Werke mit Hilfe von außen an einem weiteren Buchprojekt, an einem Geschichts- und Geschichtenbuch, das aller Voraussicht nach in der zweiten Jahreshälfte erscheinen wird. Darin enthalten sein werde auch ein Kapitel zum Thema Gewalt, aber Jutta Wendland-Park machte deutlich: „Das reicht nicht aus.“ Deshalb werde es mittelfristig eine weitere Veröffentlichung der Werke zu diesem Thema geben.

Bei all diesen Projekten sitzt auch Klaus Brünjes mit am Tisch. Brünjes, 53 Jahre alt, kam als fünfjähriger „Patient“ in die „Anstalten“. Inzwischen ist er seit 38 Jahren als Mitarbeiter in der Einrichtung tätig. Er kennt beide Seiten und sagt heute: „Es war nicht immer alles hell, aber auch nicht immer alles dunkel.“ Ihm gehe es bei dem Buch nicht nur um die Gewalt, die es gegeben habe, sondern um die Geschichte als solche. Und genau die stoße bei den Menschen auf großes Interesse.

Seit mehr als 20 Jahren dokumentieren die Rotenburger Werke ihre Vergangenheit. So ist bereits ein Buch über die Zeit des Nationalsozialismus erschienen. Auch ein Film über das Schicksal eines Bewohners während der NS-Zeit ist entstanden. Mehr zum Thema auf der Seite è Rotenburg

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