Medienexperte referiert an der Eichenschule mit frischen Thesen über „Spuren im Netz“

„World of Bürokraft“-Vorbilder

Auch bei Nachfragen zu Facebook & Co. kannte Referent Moritz Becker sich aus. ·
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Auch bei Nachfragen zu Facebook & Co. kannte Referent Moritz Becker sich aus. ·

Scheessel - Von Ulla HeyneFacebook als Ausdruck veränderter Verabredungskultur, als Medium im pubertären Rollenspiel der Identitätsfindung, viele kleine Bohlens beim Cybermobbing – mit frischen Thesen überraschte der Medienexperte Moritz Becker am Dienstagabend im Internatssaal der Eichenschule. Nach einer fruchtbaren Lehrerfortbildung hatte Schulleiter Ralf Goebel das Hannoveraner Team vom Verein „Smiley“ zu Schülerworkshops für Fünft- und Sechstklässler und einem Elternabend eingeladen.

Zwar sei die Schule mit der Förderung der Medienkompetenz ab der siebten Klasse gut aufgestellt, aber: „Schon Grundschüler haben eigene Accounts – da sind wir nicht auf dem Laufenden“, so Goebel. Offensiv will die Eichenschule die Kinder und Eltern begleiten. Laut Becker „haben die Schüler keinen Bock auf 60-Jährige, die ihnen von den Gefahren des Internets erzählen und selbst noch nie ein Facebook-Account besaßen“.

Diese Gefahr bestand bei Moritz Becker nicht. Wohltuend pragmatisch und jenseits jeglicher Pauschal-Verteufelung entwarf der Sozialpädagoge ein differenziertes Bild der Nutzung neuer Medien. Mit Seitenhieben auf aktuelle Erziehungsratgeber („Der ,Grenzen setzen’-Button ist noch nicht erfunden“) entlarvte er Pseudoeinwände wie „Früher ging’s auch ohne“, die genauso für die Servolenkung oder den elterlichen Flatscreen gälten, oder die Mahnung an die Zwölfjährige, spätere Arbeitgeber könnten die Bikinifotos sehen: „Da reicht der Hinweis auf den verhassten Lehrer völlig aus.“

Becker verteufelte nicht: „Das Internet ist ein großartiges Werkzeug, mit dem man bei falschem Gebrauch verletzen kann, nämlich seelisch.“ Die heutige Elterngeneration sei die erste, die im Umgang mit dem Internet weder auf eigene Erfahrungen noch die eigenen Eltern für Erziehungsmuster zurückgreifen könne.

In den Schülerworkshops des „Smiley“-Teams – allein in diesem Jahr waren es 750 – geht es denn auch darum, was Privatsphäre ist, wie das „Anklopfen an der Zimmertür“ im Internet eigentlich geht oder wie man merkt, dass man mit gehässigen Kommentaren etwa zu Youtube-Videos anderer zu weit gegangen ist. „Das Problem: Man merkt nicht, wenn der andere am Boden liegt“, so Becker. Echtes Cybermobbing sei allerdings oft keine Frage fehlender Medien-, sondern Sozialkompetenz: „In solchen Klassen stimmt das soziale Klima nicht!“

Mit großer Beobachtungsgabe und unterhalterischem Talent, von dem die Lacher der rund 80 Zuschauer immer wieder zeugten, schilderte der zweifache Vater die Beweggründe der Jugendlichen – Identitätssuche, Anerkennung, Neugier.

Und irgendwie beruhigend: Mit solider und sensibler Erziehung und Bauchgefühl kommt man auch hier weiter – Vertrauen und Freiheiten statt totaler Kontrolle, Filter im Kopf statt auf dem PC, Motivation und ehrliches Lob statt inflationärer Lobhudelei, und anstelle von Counter-Strike-Kämpfern als männliche Vorbilder die Orientierung an realen Personen nach dem Motto „World of Bürokraft“.

Becker beschönigte allerdings auch die Datengier der Unternehmen nicht: „Ob Sie sich schon angemeldet haben oder nicht: Ihr soziales Netz ist längst eingerichtet, Sie müssen nur noch einziehen.“ Jedem müsse klar sein: Bezahlt wird mit den eigenen Daten. Er plädiert für eine bewusste Entscheidung, was jeder einzelne durch Nutzung der sozialen Medien von sich preisgebe. „Dann gibt es hinterher keinen Grund zu jammern.“

Sein Tipp: „Sich von den Kinder als Medienexperten in die Welt von What’s App, Facebook & Co mitnehmen lassen.“ Für einen so erfrischend-undogmatischen Vortrag gab es vom Publikum ein dickes „Like“.

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