Jazz, Trecker und Torfrock: Die Rotenburger Autodisco trotzt Corona

„Was fehlt, sind Gesichter“

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Ein Konzert vor Autos – das war auch für das Roland Cabezas Trio am Sonntagabend ein Novum.

Rotenburg – Eine Bühne im Rotenburger Gewerbegebiet Hohenesch, flankiert von zwei Leinwänden zur Übertragung des Geschehens, darauf die drei Musiker des Roland Cabezas Trio. : Fast hätte man die jüngste Veranstaltung des Vereins „Just Jazz“ am Sonntagabend für ein ganz normales Open-Air-Konzert halten können. Aber eben nur fast. Denn vor der Bühne stehen nicht Zuschauer, sondern in geraden Reihen gut 50 Autos, jedes mit zwei oder mehr Jazzfans bestückt. Das erste Auto-Konzert, nicht nur für den Jazzverein, sondern wohl im gesamten Landkreis: Es war ein Experiment.

„Als Malte Holsten von Sound-Patrol mich gefragt hat, ob ich mir so etwas vorstellen könnte, habe ich erst mal eine halbe Stunde überlegt“, erzählt der Vereinsvorsitzende Michael Behr. „Danach habe ich zugesagt – schließlich war es eine Gelegenheit, in diesen Zeiten zu zeigen: Wir sind präsent!“ Finanziell funktionieren tut das Wagnis auch dank der Sponsoren, und weil – persönliche Kontakte sei Dank – die drei Jazz-Koryphäen, die schon mit Szenegrößen wie Jan Garbarek oder Michel Petrucciani konzertierten, gleich „um die Ecke“ in Hamburg wohnen. Mit dem Oktett „Huggee Swing Band“ aus Mannheim, ursprünglich für Juli geplant, ginge das nicht, erläutert Behr: „Da würden schon die Anfahrtkosten mit vier Autos aus Süddeutschland unser Budget sprengen.“ So wird das Konzert des Trios vermutlich die letzte Veranstaltung der Rotenburger Jazzer in diesem Jahr bleiben: „Die gegenwärtigen Auflagen sind für uns ehrenamtlich einfach nicht zu leisten!“

Die eher spärlichen Besucher angesichts der hochkarätigen Besetzung des Roland Cabezas Trios, das laut dem Namensgeber eher „sporadisch zusammenkommt“, erleben einen späten Sonntagnachmittag vom Feinsten. Da, wo nur noch der Glitzer im Gras an die laut Veranstalter bundesweit bisher größte Treckerdisco am Vorabend mit 300 Fahrzeugen erinnert, entlockt Saitenvirtuose Cabezas der Gitarre wunderbar perlige Improvisationen, mal funkig wie im Eingangsstück, der Eigenkomposition „Now“, mal mit südlichem Flair wie in Chick Coreas „Spain“, Cabezas‘ zweiter Heimat. Einen eigenen rhythmischen Stempel drücken Heinz Lichius an den Drums und Omar Rodriguez Calvo am Bass den Coversongs auf. Gerade letzterem ist die Spielfreude bei seinen kongenialen Soli anzumerken. Dass neben Jack de Johnette oder John Coltrane Pat Metheny gleich mehrmals musikalisch zitiert wird, ist kein Zufall, haben seine Scheiben dem Halb-Spanier doch die Welt des Jazz erschlossen.

Jedem filigran dahingezupften Stück und auch den Soli folgt ein Hupkonzert. Das ist zunächst befremdlich, auch für Cabezas selber, der zum ersten Mal vor Autos spielt. „Nichts, woran ich mich gewöhnen möchte, aber definitiv das Beste, was gerade geht“, so sein Fazit nach 90 Minuten und zwei Zugaben; „Die Kommunikation war jedenfalls besser als gedacht“ – zumindest akustisch. „Was fehlt, ist die Gesichter zu sehen.“ Auch Michael Behr ist am Ende zufrieden: „Der Sound war gut, die Stimmung toll.“ Als Auftakt zu Folgeveranstaltungen dieses Formats sieht er den Abend dennoch nicht: „Darüber denke ich noch nicht nach, aber das kostet schon ein paar Tausender, das können wir schon im Hinblick auf unsere Sponsoren nicht öfter ausreizen.“

Auch Malte Holsten wird nach der ersten „Auto“-Veranstaltungswelle öfter gefragt, ob und wie es weiter geht. „So lange, wie die Leute das mitmachen“, meint der Veranstaltungsprofi pragmatisch. Nach der großen Resonanz auf seine Auto-Discos mit durchweg 200 bis 300 Wagen legt er am Montag gleich mehrere Termine nach – vor allem das jüngere Publikum aus dem Kosmos des eigentlich ganz in der Nähe stattfindenden Ferdinands-Feld-Festival kommt auf seine Kosten.

Beim naheliegenden Thema Auto-Kino winkt er allerdings ab: Das Konzept in Zusammenarbeit mit dem „Stadtkino & Landkino“ habe schon fertig in der Schublade gelegen, „aber die Lizenzgebühren für die Filme sind einfach zu hoch!“

Die Bombe lässt er allerdings am Tag nach dem ersten Versuch platzen: Er plant ein weiteres Konzert, „allerdings musikalisch mit anderer Ausrichtung“. Gerade seien die Verträge für den 27. Juni unterzeichnet worden. Der Bandname lautet Torfrock.

Viele neue Termine

Folgende Auto-Discos sind in der näheren Zukunft am gewohnten Ort im Rotenburger Gewerbegebiet Hohenesch geplant:

. Los geht es mit „Urban Sounds“ am Freitag, 19. Juni, bei dem Fans von Black Elektro auf ihre Kosten kommen.

. Wer es etwas härter mag und bei „Ferdinands Feld“ von der Musik auf der zweiten Stage angetan war, sollte sich die „Hardstyle Edition“ am Samstag, 20. Juni, vormerken.

. Wegen des großen Erfolgs bei der Premiere der Treckerdisco am Samstag wird es am Samstag, 26. Juni, eine Zweitauflage geben. Auch hier gilt: Fahrbaren Untersatz schmücken und Spaß in der Fahrerkabine zum Kanal haben, der auf den Großbildleinwänden eingeblendet wird.

. „Bagaluten“ von Nah und Fern werden am am Samstag, 27. Juni, erwartet, wenn Torfrock allen Möchtegern-Wikingern ordentlich einheizt.

Zu allen Veranstaltungen sind Tickets im Vorverkauf online erhältlich. Aufgrund des zu erwartenden Andrangs empfiehlt sich gerade beim Torfock-Livekonzert eine rechtzeitig Buchung unter www.hansaticket.de. Die Karten kosten 28 Euro pro Person oder 56 Euro pro PKW.

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