Zwischenbilanz: Zwei Wochen Notunterkunft in der Visselhöveder Kaserne

Ein wenig Ruhe

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Gerd Hachmöller leitet den Einsatz der Landkreis-Mitarbeiter und der vielen ehrenamtlichen Helfer in der Notunterkunft.

Visselhövede - Von Michael Krüger. Es ist erstaunlich ruhig an diesem trüben Morgen, und Gerd Hachmöller nimmt sich etwas von dem, was er in den vergangenen zwei Wochen nicht hatte: Zeit. Zwischenbilanz. Der Leiter des Stabes in der Kaserne Lehnsheide schaut aus dem Fenster in dem ehemaligen Bundeswehr-Verwaltungshaus, sieht tobende Kinder und junge Männer, die sich bereit machen für ein Spielchen nebenan auf dem Sportplatz, Fußball, Zeitvertreib. Und er blickt auf das zurück, was erreicht wurde: „Wir haben nicht viel falsch gemacht.“

„Wir befinden uns gerade im Ausnahmezustand.“ Das waren die ersten Worte von Landrat Hermann Luttmann am 15. Oktober. Es war ein Donnerstagmittag, die Kreisverwaltung war knapp 24 Stunden zuvor vom Land informiert worden: Der Landkreis soll nach einem Amtshilfeersuchen kurzfristig rund 300 Flüchtlinge für rund fünf Wochen aufnehmen. Ein Krisenstab wird gebildet, erst am Donnerstagabend um 22 Uhr gibt die Bundeswehr endgültig ihr Okay, die Kaserne nutzen zu dürfen – als die Unterkünfte längst vorbereitet werden. Hachmöller, eigentlich Leiter der Stabsstelle Kreisentwicklung, wird von seinem Chef zum Leiter des Projektes ernannt. Der 43-jährige Wirtschaftsgeograph ist im Thema, hält Vorträge zu Flüchtlingsfragen. Über seinen Bruder, der in der Landesfeuerwehrschule Celle ein paar Wochen zuvor Erfahrungen mit einer Notunterkunft sammeln konnte, erhält der Stab wichtige Hinweise. Hachmöller: „Wir mussten so manchen Fehler nicht wiederholen.“ Es sind Kleinigkeiten, die zu großen Fragen werden: „Wie ist ein Schild auf Arabisch zu beschriften: ‚Keine Damenbinden in die Toilette werden‘?“ Man hilft sich.

Unbürokratisches Krisenmanagement in einer „rumpeligen Anfangsphase“. Aber als am Freitagnachmittag die ersten zwei Busse mit 68 Flüchtlingen eintreffen, ist alles geregelt. Medizinische Versorgung, Verpflegung, Betten, Kleiderspenden: „Es konnten alle Probleme gelöst werden“, sagt Hachmöller. Und das sei nur möglich gewesen, weil das Bild des typischen Beamten in der Verwaltung von allen Beteiligten widerlegt wurde: Neben den dutzenden Ehrenamtlichen sind die Krisenmanager des Kreises gefordert. Über alles bislang Übliche hinaus.

Vier Verwaltungsmitarbeiter in der Führungsriege, dazu zahlreiche weitere Helfer, wenn Busse ankommen. Dazu diejenigen, die sich freiwillig engagieren: Dolmetscher, Helfer in der Kleiderkammer, Sanitäter. Vereine nehmen erste Kontakte auf, eine Laufgruppe trifft sich am Kasernentor, ein Benefiz-Fußballspiel ist geplant. „Ein Rieseneinsatz“ für alle, auch für den Chef vor Ort: Am vergangenen Wochenende hatte Hachmöller mal einen Tag frei. Doch der Familienurlaub ist gestrichen, beim Kindergeburtstag fehlte der Papa.

Die Kaserne sei ein Glücksfall, betont Hachmöller immer wieder, das sähen auch die Ankommenden aus Syrien, Irak, Afghanistan, Libanon, Palästina, Eritrea oder Pakistan so. Viele hätten seit Monaten zum ersten Mal ein festes Dach über dem Kopf, es gibt warme Duschen. Auch die Flüchtlinge kommen zur Ruhe, wenn sie denn bleiben. Festgehalten wird niemand, es gibt in Visselhövede keine Registrierung. Auf der Suche nach Familienangehörigen, Freunden oder anderen Zielen reisen viele weiter. Nach drei Amtshilfeersuchen des Landes müssten eigentlich 500 Menschen in Visselhövede angekommen sein, aktuell leben in der Kaserne rund 200. Die Ungewissheit nagt an den Menschen. Wie geht es weiter? „Wir konnten bislang keine Antworten geben“, sagt Hachmöller. Doch das ändert sich.

Am Donnerstagabend gab es eine große Versammlung, die Menschen in der Notunterkunft wurden informiert, dass schon bald eine offizielle Registrierung beginnt. Dafür sollen die Migranten von Visselhövede nach Schwanewede gefahren werden. Zudem wird der Landkreis die Notunterkunft in die Hände eines externen Betreibers geben – das Rote Kreuz dürfte ein Verhandlungspartner sein. Dass die Notunterkunft nur vier oder fünf Wochen bestehen bleibt, wie zunächst offiziell angekündigt, glaubt niemand in Visselhövede. Hat auch nie jemand. Zu groß der Zustrom an Flüchtlingen, zu voll die Aufnahmeeinrichtungen im gesamten Bundesgebiet. Die Kaserne Lehnsheide ist als langfristige Option im Gespräch. Der Landkreis will eine „Notunterkunft zur Erstaufnahme“ installieren, so die Behördensprache. Damit wäre laut Hachmöller unter anderem garantiert, dass die maximale Belegungszahl von 400 Personen, wie sie mit dem künftigen Eigentümer der Liegenschaft, dem Unternehmer Joachim Behrens aus Scheeßel, abgesprochen sei, nicht überschritten werde.

Das Leben richtet sich ein in der Kaserne. Und bei aller Kritik an Engpässen und Provisorien: Turnhallen als Flüchtlingsherbergen gibt es im Kreis nicht. Bislang. Der diesbezügliche Plan für Zeven kann noch warten.

Der Landkreis sucht weiter frewillige Helfer, insbesondere für die Kleiderkammer oder Sanitätsdienste. Kontakt per E-Mail: ehrenamt@lk-row.de.

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