Interview mit der Visselhöveder Bestatterin Sabine Bente zu Veränderungen in der Beerdigungskultur und ihrem Beruf

„Zum Glück gibt es auch Dunkelrot“

Die Visselhöveder Bestatterin Sabine Bente erlebt seit einigen Jahren einen großen Wandel in der Beerdigungskultur. - Foto: Wieters

Visselhövede - In Gemeinde- und Stadträten steht quer durch den Landkreis immer wieder das Thema Friedhof zur Diskussion. Denn oft sind die vorgesehenen Flächen viel zu groß und es gibt Überlegungen, sie anderweitig zu nutzen. Der Grund ist eine andere Bestattungskultur, als sie noch vor Jahren üblich war. Heute heißt es oft: Urne statt Sarg und Wald statt Friedhof. Was heute anders ist und wie sich die Beerdigungsunternehmen darauf einstellen, darüber haben wir uns mit Sabine Bente, Bestatterin aus Visselhövede, unterhalten.

Frau Bente, was hat sich in den vergangenen Jahren an unserer Bestattungskultur geändert?

Sabine Bente: Seit 15 Jahren vollzieht sich ein großer Wandel. Durch die Globalisierung, den demografischen Wandel oder Vermischung der Kulturen sind Alternativen entstanden, die die Bestattungen sehr stark verändert haben. Auch in unserem Berufsfeld hat sich viel getan. Früher war der typische Bestatter ein älterer Herr im schwarzen Anzug, weißes Hemd, schwarze Krawatte, graue Miene und der „Mein Beileid“-Begrüßung. Der Beruf des Bestatters wurde weitervererbt an den Sohn. Seit gut 15 Jahren ist das Bestatter-Handwerk ein Ausbildungsberuf, und seit 2010 kann man auch seine Meisterprüfung in diesem Beruf ablegen. Dadurch kommt sehr viel frische Energie in diese Branche, und das macht sich mittlerweile durchaus auch in der Öffentlichkeit bemerkbar.

Gibt es immer mehr Frauen in der Branche oder täuscht der Eindruck?

Bente: Nein, immer mehr Frauen führen die Institute und begleiten Abschiede von Verstorbenen, auch das ist ein merklich positiver Wandel. Mit dem Generationswechsel und dem Einzug der weiblichen Führungskräfte hat sich auch die Individualität einer Bestattung geändert. 08/15 gibt es nicht mehr. So verschieden wie die Menschen heute sind, so sind auch die Abschiedszeremonien. Durch die starke Durchsetzung der Feuerbestattungen sind die Bestattungsarten wesentlich vielschichtiger, aufwendiger und zeitlich verzögerter geworden. Man kann sich den Meereswogen anvertrauen, in den Wäldern bestatten lassen, in den Schweizer Bergen begraben werden. Man kann sich zu einem Diamant pressen lassen und noch vieles mehr. Die Wünsche des Verstorbenen und der Familie stehen heute im Vordergrund. Immer häufiger wird CD-Musik bevorzugt und freie Redner, die den Verstorbenen besonders in den Mittelpunkt rücken.

Wie müssen sich Unternehmen wie Ihres umstellen?

Bente: Wir müssen wesentlich flexibler sein. Wir versuchen, alle Wünsche der Verstorbenen und der Familie zu erfüllen. Das ist aber das Schöne an meinem Beruf. Jeder Tag ist anders und immer wieder eine Herausforderung. Hinzu kommt aber, dass der Papierkram immer aufwendiger wird. Auch die Vorschriften und Gesetze werden mehr. Wir nehmen den Angehörigen schon sehr viel ab, aber trotzdem bleibt auch für die Familie immer noch sehr viel zu tun. Die Standesämter wollen alle Urkunden ordentlich ausgestellt haben, die Banken lassen die Familien nicht mehr einfach so an das Geld des Verstorbenen. Auch das Internet ist heutzutage mit einzubeziehen. Viele Menschen sind dort präsent, und da muss auch vieles an Abmeldungen und Löschungen passieren. Das ist nicht zu unterschätzen.

Der Tod war früher eher ein Tabu-Thema, heute gehen die Angehörigen offener damit um. Ist das wirklich so?

Bente: Die Menschen, die zu uns kommen, wissen oftmals schon, was sie möchten. Viele kommen auch schon vorzeitig, um sich zu erkundigen und ihre eigene Beerdigung mit mir abzusprechen. Den Angehörigen wird in der großen Not ganz viel erleichtert, wenn sie wissen, was der Verstorbene sich gewünscht hat und man sich an den Wünschen orientieren kann. Ganz oft sind es Frauen, die ihre spätere Bestattung organisiert haben möchten. Männern fällt das oftmals schwerer. Dass der Tod heutzutage kein Tabuthema mehr ist, merkt man auch deutlich im Fernsehen. Es gibt mittlerweile viele Sondersendungen und sachliche Reportagen zu diesem Thema. Auch haben die Hospiz- und Palliativeinrichtungen sehr dazu beigetragen, dass sachliche Aufklärung, liebevolle Betreuung und der natürliche Umgang mit Sterbenden und Verstorbenen heute immer mehr gelebt wird.

Gibt es noch viele klassische Beerdigungen mit dunkler Kleidung, Eichensarg und Kirchenliedern? Oder geht der Trend zu Rockmusik in der Kapelle?

Bente: Natürlich gibt es die klassische Beerdigung noch. Es wird auch vorrangig dunkle Kleidung getragen. Auch wenn in der Traueranzeige darauf hingewiesen wird, dass im Sinne des Verstobenen keine Trauerkleidung getragen werden muss, tragen die meisten Trauergäste doch dunkle Farben. Dunkle Kleidung gibt bei einer Trauerfeier auch ein Stück Sicherheit. Der teure Eichensarg wird nicht mehr so oft gewählt. Auch die Holzarten sind mehr geworden. Es gibt nicht nur noch Eiche und Kiefer, fast jede Holzart ist inzwischen zu haben. Es gibt sogar Särge aus Korbgeflecht. Was die Auswahl der Lieder angeht, ist heute wesentlich mehr Individualität gefragt als früher. Bei einer christlichen Bestattung ist das oftmals schwierig, aber bei freien Sprechern ist das durchaus möglich. Zu einem Altrocker passt eben nicht unbedingt ein „So nimm denn meine Hände“.

Was war Ihre ungewöhnlichste Beerdigung?

Bente: Meine wahrlich Ungewöhnlichste ist schon lange her. Das war zu der Zeit, als unter den Jugendlichen die Punker-Szene stark ausgeprägt war. Wir hatten damals in Sarstedt einen supertollen Pastor, der sehr nah bei den Angehörigen war und auf ihre weltlichen Wünsche eingehen konnte. Nun starb diese junge Punkerin an einer Überdosis, die nur geringfügig jünger war als ich und der Pastor. Bei der Trauerfeier waren 80 Prozent Punker mit den tollsten Haarfrisuren in allen Farben, überall Ringe und Ketten. Einige hatten ihre Ratten dabei oder ihre Frettchen. Es gab Punkmusik mit Texten, bei denen der Pastor und ich dann doch mal weghören mussten. Fast alle hatten Flaschen in der Hand. Es war eine würdevolle und andächtige Trauerfeier, ohne Frage, aber für manch einen Außenstehenden gab das alles ein sehr befremdliches Bild. Als der Pastor fertig war mit seiner Rede, war es so laut, dass die Polizei auf dem Friedhof anrückte. Anwohner hatten die Polizei alarmiert, weil sie tatsächlich Schüsse vermuteten.

Was wird häufiger gewählt, Urne oder Sarg?

Bente: Hier bei uns im ländlichen Raum hält sich das Verhältnis Erdbestattung zu Feuerbestattung noch fast die Waage. Wobei es in ganz Deutschland mittlerweile bei 30 zu 70 ist. Ich denke, dass das einerseits daran liegt, dass die meisten denken, eine Feuerbestattung sei günstiger, aber auch daran, dass es bei einer Feuerbestattung mehr Möglichkeiten der Beisetzungsformen gibt wie zum Beispiel See- oder Waldbestattung, Tree of Life, bei dem die Asche mit Erde vermischt und ein Baum darin herangezogen wird, oder Diamantpressung und vieles mehr.

Friedhof oder Wald?

Bente: Ganz klar der Friedhof. Der ist immer noch ein Ort, wo sich Trauernde gut aufgehoben fühlen. Man trifft Gleichgesinnte, man braucht sich nicht zu erklären, man darf weinen. Das kann man im Wald natürlich auch, aber da ist man dann meist allein. Manch ein älterer Mensch, der nicht mehr so mobil ist, findet auf dem täglichen Gang zum Grab auch die Möglichkeit, etwas für den Verstorbenen zu tun: Blümchen hinstellen, eine Kerze anzünden oder Laub harken. Wir sind in Visselhövede und den umliegenden Ortschaften mit teilweise sehr schönen Friedhöfen ausgestattet, aber wir haben auch mit dem Ruheforst in Rutenmühle einen wunderschönen Wald als Bestattungsmöglichkeit ganz in unserer Nähe, der sehr gut angenommen wird.

Was machen Sie alles möglich? Motorradhelm als Urne, das Handy im Sarg?

Bente: Ich versuche, alles möglich zu machen. Geht nicht – gibt es nicht! Es gibt immer eine Lösung oder einen Kompromiss. Natürlich immer unter Berücksichtigung des niedersächsischen Bestattungsgesetzes. Aber gesetzeswidrige Wünsche sind an mich noch nicht herangetragen worden. Ich ermutige die Familien, die Überurne selbst zu fertigen oder auch die eigene Decke und das eigene Kissen mit in den Sarg zu legen. Viele fragen, ob das geht. Ja, warum denn nicht? Und warum soll das Handy nicht mit in den Sarg, wenn sich das jemand gewünscht hat? Früher war es die Glockenschnur, heute ist es das Handy.

Sie sind nun keine Frau, die mit Trauermiene und farblich gedeckter Kleidung durch die Stadt läuft, sondern eher das Gegenteil. Das ist für eine Bestatterin ungewöhnlich, oder?

Bente: Ja, das mag sein. Ich trage schon gedeckte Farben während meiner Arbeit und natürlich auch Schwarz, wenn auch ungern. Meine Lieblingsfarbe ist Rot. Und ich gebe zu, oftmals wird das Schwarz bei mir von einem roten Klecks unterbrochen. In meiner Freizeit trage ich gern bunt. Allerdings habe ich momentan mehr Arbeitszeit als Freizeit – aber es gibt ja zum Glück auch Dunkelrot. Das mit der Trauermiene ist so eine Sache. Ich fühle sehr intensiv mit den Familien, die ich begleite. Es sind oftmals Schicksale, die mir sehr zu Herzen gehen und mir viel Kraft abverlangen. Ich sehe meine Aufgabe nicht nur darin, durch die schwere Zeit des Abschieds zu begleiten, sondern auch darüber hinaus. Ich habe auch die Aufgabe, den Menschen das Licht am Ende des Tunnels zu zeigen, soweit es in meiner Macht steht. Und dazu ist ein Lächeln ganz wichtig. Es tröstet, es macht Mut und gibt Kraft. Mein Lächeln zeigt meinem Gegenüber: Ich bin für dich da, du bist nicht allein.

Der Verlust eines geliebten Menschen ist immer ein schlimmes Ereignis. Was raten Sie den Angehörigen, wie sie mit der Trauer umgehen sollen?

Bente: Es gibt da keinen Rat, der für alle zutrifft. So individuell wie die Menschen sind, so unterschiedlich wie die Umstände des Todes sein können, so unterschiedlich tritt die Trauer in das Leben eines Menschen. Wichtig ist, dass jeder Mensch, der trauert und jeder, der mit Trauernden zu tun hat, weiß, dass man Trauer nicht unterschätzen darf und sie einen ganz arg aus der Bahn werfen kann. Es ist ein Prozess, der durchlebt sein will. Trauer kann mitunter auch sehr lange dauern und immer wieder aufflammen. Mein Sohn, ebenfalls Bestatter, hat mal zu mir gesagt: ,Trauer ist wie ein Armbruch. Im ersten Moment schmerzt es ganz fürchterlich und man kann den Schmerz nicht aushalten. Dann wird der Arm medizinisch versorgt, die Schmerzen gelindert und nach einer Weile heilt er wieder und man kann ihn auch wieder benutzen. Aber man wird immer wieder merken, da war mal eine Verletzung! Der Arm wird nie mehr so sein, wie vorher. Es bleibt immer etwas zurück.‘ Ich finde das ein sehr passendes Beispiel.

Was halten Sie von Trauergruppen?

Bente: In den vergangenen Jahren hat eine freie Theologin in meinem Institut Trauerseminare angeboten. Aus den Teilnehmern hat sich eine ganz tolle Gruppe gebildet, die sich immer noch regelmäßig trifft und sich gemeinsam stärkt. Auch für Kinder gibt es Trauergruppen, die sehr hilfreich sind. Das Trauerland in Bremen zum Beispiel. Auch Rotenburg hat eine Trauergruppe für Kinder.

Gibt es in der Bestatterbranche eigentlich Nachwuchssorgen oder finden sich Auszubildende?

Bente: Nachwuchssorgen gibt es nicht. Viele Kinder von Bestattern übernehmen immer noch den Betrieb der Eltern. Ich habe seit einem Jahr einen Umschüler, der den Beruf des Bestatters erlernen möchte. Anfragen habe ich auch genug. Da ich meine Meisterprüfung im Bestatter-Handwerk habe, kann ich auch ausbilden.

Was müssen Lehrlinge vorweisen?

Bente: Sie sollten ein halbwegs gepflegtes Äußeres haben. Darauf wird in unserem Beruf sehr großes Augenmerk gelegt. Die Umgangsformen sollten auch gut sein und was sehr wichtig ist, eine gewisse Reife. Von Vorteil ist als Schulabschluss das Abitur. Denn in unserem Beruf sollte eine gute Allgemeinbildung vorhanden sein und ganz wichtig: eine sichere Rechtschreibung. Ein Auszubildender sollte mindestens 18 sein, damit er einerseits ein Auto bewegen kann und anderseits Formalitäten erledigen darf wie zum Beispiel beim Standesamt. Pietät und die Würde des Menschen haben bei uns Priorität und das muss immer wieder geachtet werden.

Wie möchten Sie eigentlich beerdigt werden?

Bente: Da habe ich natürlich schon genaue Vorstellungen! Wobei die sich im Laufe der Jahre sicher noch ändern werden. Das, was ich vor zehn Jahren meiner Familie verkündet habe, hat sich jetzt schon geändert. Momentan möchte ich meine Trauerfeier nur im Kreise meiner Liebsten feiern, die auf meiner zehnseitigen Liste stehen. Mein Mann weiß, was jeder Gast am Eingang meiner letzten Feier erhalten soll. Ich hoffe, das wird dann kein logistisches Problem. Es gibt fünf Lieder, die mir am Herzen liegen, die sollen gespielt werden. Auf einer Leinwand soll sich mein Leben in Form meiner vielen Fotos abspielen. Ich habe zwar ganz viele Freunde, die Theologie studiert haben und die auch eingeladen werden, aber ich möchte nur einen Moderator. Alle meine Freunde und meine Familie, die dazu in der Lage sind, sollen etwas sagen dürfen. Ich möchte immer noch nicht verbrannt werden. Und am liebsten hätte ich die Trauerfeier unter freiem Himmel. Aber wie gesagt, das kann in 20 Jahren schon wieder ganz anders aussehen.

Von Jens Wieters

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