Robby ist der heimliche Star

Zirkus Belly ist in der Stadt: Was für ein Affentheater

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Milch macht mobil bei Arbeit, Sport und Spiel: Schimpanse Robby ist ein kleines Leckermaul.

Visselhövede - Von Jens Wieters. Ganz vorsichtig öffnet Robby die Milchtüte, schnuppert kurz, um dann mit kräftigen Zügen zu trinken. Den letzten Rest kippt er, ohne auch nur einen Tropfen zu verlieren, in eine Flasche, die ihm Klaus Köhler hinhält. „Zum Schluss kommt immer die Version aus Glas“, sagt der schmunzelnd. Kurz darauf klatschen sich Schimpanse und Mensch ab und schmusen miteinander – und das seit 43 Jahren. Denn so lange kennen und lieben sich das Affenmännchen Robby und der Zirkusdirektor Klaus Köhler schon. Aber die Idylle ist bedroht.

Denn Robby soll in einer Auffangstation mit anderen Schimpansen leben und so sozialisiert werden, statt weiter sein Rentnerdasein bei der Familie Köhler zu genießen. Das fordert zumindest die Tierrechtsorganisation Peta. Die hat sich pünktlich vor den Aufführungen des Zirkus Belly auf dem Visselhöveder Festplatz am Majorsbruch (Vorstellungen Freitag 17 Uhr, Samstag 16 Uhr und Sonntag 11 Uhr mit vielen Tier- und Artistiknummern) bei unserer Zeitung gemeldet, um auf das ihrer Ansicht nach „immense Tierleid“ hinzuweisen, das Robby tagtäglich erlebe.

Berge von Aktenordnern füllen fast einen kleinen Wohnwagen der Köhlers. Denn der Fall Robby beschäftigt bereits seit Jahren die Gerichte: Peta klagt, Klaus Köhler legt Berufung ein. Nächster Akt der schier unendlichen Geschichte: „Am 8. November sind wir beim Oberverwaltungsgericht Lüneburg. Denn das hat Berufung zugelassen gegen den Beschluss, dass Robby in diese Auffangstation gebracht wird“, informiert Köhler, der sich einer „regelrechten Treibjagd“ durch die „selbst ernannten Tierschützer“ ausgesetzt sieht. Zerschnittene oder mit dem Wort „Tierquäler“ überklebte Werbeplakate sowie Mahnwachen sind fast die Regel in den Orten, in denen Zirkus Belly gastiert. „Dabei sollten sich die Leute selber mal ein Bild davon machen, wie es Robby bei uns geht“, fordert Köhler.

Es ist das Jahr 1971. Der kleine Schimpanse erblickt in einem Zoo das Licht der Welt. Seine Mutter will ihn aber nicht und verstößt den kleinen Robby. Er wird von Menschenhand per Flasche aufgezogen. Mit vier Jahren, quasi noch als Affenkind, nimmt ihn Zirkusdirektor Köhler bei sich im Belly auf. Robby sitzt mehr als 20 Jahre lang am Tisch der Familie – mit Klaus Köhler, seiner Frau Waltraud und seinen sechs Kindern. Und jeden Morgen gibt es für alle ein Glas Milch. Damit ist allerdings Schluss als Robby Ende 20 ist.

Seit 43 Jahren eng befreundet: Zirkusdirektor Klaus Köhler und Menschenaffe Robby, der 47 Jahre zählt.

„Dann hat er versucht, der Chef in der Familie zu sein, und hat vor allem mit meinen Söhnen konkurriert. Das ging natürlich nicht“, berichtet Köhler und krault Robby zärtlich den Bauch. Es hört sich so an, als würde der Affe lauthals lachen. „Ja, er ist sehr kitzelig“, verrät Köhler, während der rund 85 Kilo schwere Robby schon mit seinem Kumpel Ted balgt. Der Mischlingshund ist immer an seiner Seite in dem beheizbaren Zirkuswagen mit angrenzendem Gehege.

Und diese Art der Haltung stößt bei Peta auf Kritik. „Die Haltungsbedingungen liegen weit unter den Mindestanforderungen des Bundesagrarministeriums für eine artgerechte Schimpansenhaltung. Demnach müsste das Gehege mindestens 400 Quadratmeter groß und reich strukturiert sein“, heißt es in dem Schreiben. Es stünden nur rund 60 Quadratmeter zur Verfügung. Ausreichende Kletter-, Beschäftigungs- und Versteckmöglichkeiten gebe es nicht. Robbys Heim im Belly-Lager auf dem Visselhöveder Festplatz besteht aus einem Zirkuswagen, einer Veranda und einer Außenanlage. Es gibt draußen Kletterstangen, Seile, Bälle und viele andere Spielsachen. Im Innern des mit Stroh und Hängestuhl ausgestatten Wagens hat Robby die Möglichkeit, sich in ein Affenbett zu legen und sogar den Vorhang zurückzuziehen, falls ihn jemand nervt.

Früher als Dompteur in der Manege

Früher ist Robby auch selbst in der Manege aufgetreten. „Er hat praktisch eine Hundeshow als Dompteur präsentiert. Kleine Ponys waren dabei und Ziegen“, erzählt Köhler, der aus Hamburg stammt, und der für das Familienunternehmen Belly mit seinen rund 20 Mitarbeitern aber mittlerweile Wietzendorf im Heidekreis als Zuhause auserkoren hat.

Mittlerweile ist Robby Rentner und wird regelmäßig von der Bremer Tierärztin Alexandra Dörnath untersucht – rund 50 Jahre können Affen alt werden. „Sie bestätigt immer wieder, dass sie noch nie einen tiefenentspannteren Schimpansen kennengelernt habe“, sagt Köhler. Natürlich sei Robby durch den Umgang mit den Menschen von Kindheit an fehlgeprägt, aber er habe keine Verhaltensstörungen. „Er hält sich für einen Menschen, er verhält sich wie ein Mensch und kein Gerichtsentscheid der Welt kann ihn dazu machen, dass er wieder wie ein Schimpanse ist“, sagt der Zirkuschef.

Kommentar zum Thema: 

Von Jens Wieters

Lasst Robby bei seinen Freunden

Nein, ich bin weder ein Veterinär noch ein Fachmann in Sachen Tierhaltung und schon gar kein Experte für Menschenaffen. Aber ich bin ein großer Zirkusfan und staune immer über waghalsige Artisten und über wilde Tiere in der nach Holz duftenden Manege. Mag ja sein, dass Schimpanse Robby im Vergleich zu seinen im Urwald lebenden Artgenossen im Zirkus Belly zu wenig Platz hat. Und ja, er ist sicherlich auch fehlgeprägt und nur auf ein paar Menschen bezogen. 

Aber wer ihn beobachtet, kommt auch ohne viel Fachwissen zu dem Urteil, dass es Robby bei Familie Köhler richtig gut geht – Gehege hin oder her. Dass Tierrechtsorganisationen den Affen-Greis nach 43 Jahren nun per Gerichtsurteil in ein Schimpansen-Heim einweisen lassen wollen, kann ich nur als Effekthascherei werten. Peta und Co. haben sicher viel Gutes geleistet im Kampf gegen Legehennenbatterien und Ferkelkastration, aber von Robby sollten sie doch lieber die Finger lassen.

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