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„Ylenia“ bereitet Visselhövede keine Probleme

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Von: Jens Wieters

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Der Meldekopf der Feuerwehr mit Sprecher Sebastian Kurz (l.) wurde im Rathaus eingerichtet.
Der Meldekopf der Feuerwehr mit Sprecher Sebastian Kurz (l.) wurde im Rathaus eingerichtet. © Wieters

Dank moderner Technik, guter Kommunikation und viel Einsatzwillen haben die Visselhöveder Feuerwehren das Sturmtief Ylenia abgewettert.

Visselhövede – Sebastian Kurz nippt nur knapp an seiner Cola, damit das Koffein den Mann an den Funkgeräten und Laptops morgens um fünf im Visselhöveder Ratssaal wachhält. Da krächzt es bereits wieder aus dem Funkgerät des Feuerwehrmannes. Wieder müssen die Kameraden aus Ottingen und Wittorf, die an diesem Donnerstagmorgen ein paar Meter weiter im Visselhöveder Feuerwehrhaus in Bereitschaft sitzen, bei peitschendem Regen ihre schweren Einsatzjacken überwerfen, um mit Motorsägen und Muskelkraft einen Baum von einem Radweg zu schneiden.

„Ja, das Sturmtief ,Ylenia‘ fordert uns schon ein bisschen, aber Vorbereitung ist alles und die hat bestens geklappt“, sagt Feuerwehrsprecher Kurz, der mit vier weiteren Kameraden den Meldekopf für das Stadtgebiet im Rathaus aufgebaut hat. „Die Corona-Auflagen sind bei uns weiterhin sehr streng, sodass wir den Meldekopf und die Bereitschaft räumlich getrennt haben“, informiert Kurz, den alle nur „Shorty“ nennen.

„Aufgrund der relativ genaueren Wettervorhersagen können die Feuerwehren heute viel besser planen als früher“, sagt Stadtbrandmeister Kai-Olaf Häring, der zwei jeweils acht Mann starke Einsatztrupps bereits am Mittwochabend gegen 22 Uhr zur Bereitschaft ins Feuerwehrhaus schickt. Bis 1 Uhr sitzen die Helfer aus Ottingen und Wittorf in dem Gebäude an der Burgstraße und warten. Aber nichts passiert. „Ylenia“ verschont Vissel und die Dörfer – noch.

Die Notbetreuung in der Kastanien-Grundschule kann auch Spaß machen. Nur eine Handvoll Eltern haben sie genutzt.
Die Notbetreuung in der Kastanien-Grundschule kann auch Spaß machen. Nur eine Handvoll Eltern haben sie genutzt. © - Wieters

Das ändert sich genau um 4.47 Uhr. In der Leitstelle in Zeven glühen die Drähte von Anrufern, die die 112 gewählt haben, weil sie Sturmschäden überall im Landkreis melden wollen. Damit die Leitungen nicht blockiert werden und ein Herzinfarktpatient vielleicht den ihn rettenden Anruf nicht tätigen kann, werden in der Leitstelle die Unwetteranrufe sofort in einen Einsatzleitwagen vor der Tür umgeleitet. Der informiert umgehend die Meldeköpfe in den Städten und Gemeinden des Kreisgebiets über die Sachlage.

Ganz früh am Morgen sind die Visselhöveder Feuerwehren vor allem auf Nebenstraßen unterwegs.
Ganz früh am Morgen sind die Visselhöveder Feuerwehren vor allem auf Nebenstraßen unterwegs. © Kurz

„Und dann kommen wir ins Spiel“, betont „Shorty“ Kurz, und ist dank moderner Kommunikationsmittel quasi live dabei, als Mitglieder der Kettenburger Wehr den gemeldeten Baum von einer Straße räumen, bereits der vierte gegen kurz vor sieben in der Früh. „Es sind zum Glück nur Nebenstraßen, die Hauptverkehrstraßen sind bisher nicht betroffen.“

Zur selben Zeit wartet Siegrid Dunecke am Telefon auf Anrufe. Denn die Sekretärin der Kastanien-Grundschule steht bereit, um Eltern mitzuteilen, dass die Schule zu bleibt. Dieser Beschluss ist Sache des Landkreises und der Rotenburger Landrat Marco Prietz hat bereits am späten Mittwochabend verkündet, dass der Unterricht ausfällt.

Die Helfer in Bereitschaft im Visselhöveder Feuerwehrhaus.
Die Helfer in Bereitschaft im Visselhöveder Feuerwehrhaus. © -Wieters

Aber Dunecke braucht nur ein paar Mal zum Hörer zu greifen, „wahrscheinlich haben sich die meisten Eltern im Internet bereits schlau gemacht und haben über die Kreiszeitungs-Homepage oder auf der Landkreisseite vom Ausfall erfahren.“ Aber dennoch spielen fünf Grundschüler auf dem Pausenhof Fußball unter Aufsicht der Lehrerin Kerstin Wicht. Ihre Kolleginnen arbeiten derweil das auf, was im Alltag so liegen bleibt. Die Notbetreuung ist für Kinder gedacht, deren Eltern auf die Schnelle nicht wissen, wo sie ihren Nachwuchs in solchen Fällen unterbringen sollen. „Denn nicht in jedem Beruf kann man spontan einen Tag Urlaub nehmen“, sagt Dunecke.

An der Burgstraße machen es sich derweil die Feuerwehr-Bereitschaften aus Wittorf und Ottingen bei Brötchen und Kaffee gemütlich und lesen ausgiebig Zeitung. „Jetzt habe ich wirklich jeden Buchstaben durch“, sagt Wittorfs Ortsbrandmeister Manfred Bugs lachend. Aber schon muss er die Zeitung aus der Hand legen, weil wieder ein Baum auf einer Straße liegt, der schnell weggeräumt werden muss. Auch die Ottinger Brandschützer, die wegen Corona in einem separaten Raum auf Einsätze warten, springen auf und düsen mit den vollgetankten Kettensägen in der Hand zum Elmhorstberg. „Die Regelung mit der Bereitschaft und den Meldeköpfen hat sich bei Unwetterlagen bestens bewährt“, sagt Feuerwehrchef Häring. „So können die Einsätze super koordiniert, effizient und vor allem schnell abgearbeitet werden.“

Schulsekretärin Siegrid Dunecke am Telefon.
Schulsekretärin Siegrid Dunecke am Telefon. © - Wieters

Während die Feuerwehr mit der großen Birke auf Visselhövedes höchstem Berg dank der Motorsägen kurzen Prozess macht, bevorzugen die Männer des städtischen Bauhofs, die auch seit fünf Uhr auf den Beinen sind, eine andere Art, ein Privatgrundstück am Majorsbruch von einem umgestürzten Baum zu befreien: Sie legen ein 30 Meter langes Stahlseil um die Fichte und spannen den großen Trecker davor. Die Fichte richtet sich erst auf, um dann krachend auf die andere Seite des Grundstücks zu Boden zu fallen. „Es ist kaum etwas bei den Leuten kaputt gegangen“, ist Rainer Franz zufrieden.

Währenddessen räumen Bugs und Co. im Visselhöveder Feuerwehrhaus die Zeitungen, Brötchen und Kaffeetassen wieder weg. „Denn die Unwetterbereitschaft ist aufgehoben“, signalisiert der Stadtbrandmeister um 10.30 Uhr. Auch im Ratsaal werden die Laptops und Funkgeräte wieder eingepackt und der letzte Schluck Cola getrunken. Bis zum nächsten Mal. Die Wetterfrösche haben nämlich für Freitagnachmittag das nächste Orkantief angekündigt. Bis dahin muss „Shorty“ noch ein Paar Cola im Kühlschrank bunkern und ausschlafen.

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