Verpressanlage und Gasförderung:

Wittorfer verlassen Heimat: „Wollen keinen Krebs“

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Kehren ihren Heimatdörfern aus Angst vor gesundheitlichen Risiken durch die Verpressung von Lagerstättenwasser den Rücken (v.l.): Denis und Melanie Schimmeyer, Josephine Kaskel, Jakob Honke und Matthias Geertz. 

Wittorf - Von Jens Wieters. "Wir wollen nicht an Krebs sterben“, sagen vier junge Wittorfer und ein Riekenbosteler. Sie alle wollen es nicht länger hinnehmen, dass „direkt vor unserer Haustür giftiges Lagerstättenwasser in die Erde gepresst wird“ und „unsere Gesundheit außerdem durch das Abfackeln an den Gasförderstätten massiv gefährdet wird“.

Und sie meinen es offenbar ernst: „Wir werden unsere Häuser und Wohnungen so schnell wie möglich verlassen und wegziehen.“

Josephine Kaskel ist 22 Jahre alt und im achten Monat schwanger. „Das Risiko ist einfach zu groß. Ich muss das ungeborene Leben schützen und wenn das Kind auf der Welt ist, möchte ich nicht, dass es einer ständigen Gesundheitsgefahr ausgesetzt wird“, sagt die Wittorferin, die gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Jakob Honke (30) nicht nur ihr angemietetes Haus im Dorf, sondern sogar Niedersachsen verlassen will.

„Wir gehen dahin, wo sicher ist, dass das Wasser aus den Hähnen nicht aus der Rotenburger Rinne stammt“, sagt Honke, der zwar weiß, dass es nicht leicht sein wird, alle Zelte in Wittorf abzubrechen. „Aber auch die Wahrscheinlichkeit, zunächst ohne Job zu sein, ist nicht so schlimm wie die ständige Angst, Schäden durch die Gasförderung zu erleiden.“

Ähnlich geht es dem Ehepaar Melanie (35) und Denis Schimmeyer (35). „Wir haben in den vergangenen Tagen schon bei meinen Eltern in Eystrup gewohnt und versuchen so schnell wie möglich, unser Haus in Wittorf zu verkaufen“, sagt Denis Schimmeyer, dessen Entschluss jetzt reifte, als der Konzern ExxonMobil an einer der vielen Bohrstellen in Söhlingen mal wieder Gas abfackelte.

„Obwohl Wittorf einige Kilometer weg ist, haben wir abends einen metallischen Geschmack im Mund gehabt und uns wurde regelrecht übel“, sagt Melanie Schimmeyer, die ebenso wie ihr Mann und die werdenden Eltern in der Wittorfer Initiative für Umwelt und Gesundheit (WUG) aktiv ist.

„Auch wenn wir unserer Heimat den Rücken kehren“, betont der gebürtige Riekenbosteler Matthias Geertz, „werden wir natürlich weiterhin den Kampf gegen diesen Wahnsinn aufrecht erhalten“. Der 43-Jährige, der in den vergangenen Tagen bei Bekannten in Hannover übernachtet hatte, berichtet ebenfalls von gesundheitlichen Beeinträchtigungen nach der Söhlinger Fackel. „Jetzt geht es wohl nicht anders und ich werde meinen Hof aufgeben.“

Enttäuscht ist Jakob Honke ebenfalls von den Umweltschutzverbänden wie dem Nabu oder auch von den Gruppierungen um Greenpeace und Co.: „Von denen kommt bei dieser Thematik so gut wie gar nichts. Dabei liegen die Probleme vor der Haustür und nicht in fernen Gefilden.“

Denis Schimmeyer glaubt sich und seine vielen Mitstreiter im Land von den verantwortlichen Politikern nicht richtig ernst genommen: „Wir haben in Hannover 2000 Unterschriften der Söhlinger Initiative an den Wirtschaftsminister Olaf Lies und den Umweltminister Stefan Wenzel übergeben. Wir wurden aber nur sporadisch auf der Treppe und in einer herablassenden Art und Weise empfangen.“

Schimmeyer glaubt sowieso, dass Politik, Wirtschaft und auch Verwaltungen beim Thema Erdgasförderung eng miteinander verstrickt sind: „Wie sonst ist es denn möglich, dass zum Beispiel die Lkw, die Lagerstätenwasser transportieren, sofort eine Ausnahme vom Sonntagsfahrverbot bekommen?“

Alle fünf WUG-Aktivisten wollen jetzt Anzeige gegen die Gaskonzerne wegen Körperverletzung stellen. „Wer sich noch betroffen fühlt, kann sich einfach melden unter Telefon 04260/9513771 oder per Mail an denis.schimmeyer@web.de.“

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