Ein Besuch im Kuhstall mit Selbstversuch: Familie Heldberg kämpft gegen niedrige Milchpreise

„Keiner hat den Verfall geahnt“

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Reporterin Bettina Diercks im Einsatz am Melkstand.

Wittorf - Von Bettina Diercks. Wie sieht es aus, auf den Milchviehbetrieben im Landkreis? Was heißt es, 100 Kühe mit und für die Familie zu halten? Welche Auswirkung hat der fallende Milchpreis? Fakt eins: Nur ich muss diesen Morgen um 4.45 Uhr aufstehen, während sich mein Chef für einen Tag, Stefan Heldberg aus Wittorf, noch einmal im Bett umdreht. Seine Frau Birgit und er haben ihr Schlafzimmer vis-à-vis dem Kuhstall, ich Anfahrt und erstes Frühstück.

Kurz nach sechs, das Licht im Boxenlaufstall ist schon an. „Dort liegt ein Kalb“, ruft es von irgendwo zwischen den Kühen. Die scheinen seit meiner Kindheit gewachsen zu sein, wo sonst doch alles eher kleiner wird im Laufe des Lebens. Einen Zentimeter pro Jahr werden Kühe heutzutage größer, erfahre ich später. Heldberg schnappt sich eine Schubkarre und wuppt das Neugeborene hinein. Egal ob Färse – erstmals kalbendes Rind – oder erfahrene Kuh: Versucht wird, die vor der Geburt stehenden Tiere in geräumigen Boxen auf Stroh zu halten. Der kleine, fast ganz weiße Bulle kommt erst mal in die Pferdebox und wird notdürftig mit Stroh sauber gerubbelt.

Währenddessen steht seine Mutter im Melkstand und bekommt die Biestmilch abgemolken, die erste Milch nach der Geburt und erste Mahlzeit für das Kalb, die aufgrund ihrer Zusammensetzung wichtig für dessen Immunsystem ist. Doch bevor sich weiter um das Kalb gekümmert werden kann, müssen wir die Kühe durch den Boxenlaufstall Richtung Melkstand treiben. Birgit Heldberg und Schwiegermutter Renate sind ein eingespieltes Team. Im schmalen Graben des „Side by Side“-Parallel-Melkstandes für 18 Kühe ist das wichtig. Im Prinzip ist es leicht, ein Melkgeschirr anzulegen: „Start“ drücken, unter das Geschirr greifen und die sich selbst ansaugenden Melkbecher an die Zitzen führen. Doch wenn die Kuh zappelt und gleich nach dem Geschirr schlägt, ist es ein blödes Gefühl. Dabei ist der Stand so konstruiert, dass die Melkenden gegen Schlagen geschützt sind und sich auf Augenhöhe mit dem Euter befinden.

Um den Betrieb nicht aufzuhalten, widme ich mich dem „Dippen“ der Zitzen mit einer Infektionslösung nach dem Melken und Abspritzen des Melkstandes, wenn eine Reihe Kühe durch ist. Denn eines kann ich bis heute nicht: das Anmelken mit der Hand, bevor das Geschirr angelegt wird. Auf dem Spaltenboden des Stalls ist derweil Vater Erich mit einem Spezialtrecker unterwegs, um die Kuhfladen abzuschieben. Stefan Heldberg holt die Biestmilch, um die beiden Neugeborenen zu versorgen. Eines ist nachts noch zur Welt gekommen. Nach anderthalb Stunden sind die 93 Kühe fertig gemolken und es geht zum Frühstück. Alles wirkt ein wenig wie „heile Welt“. Auf die Frage zur derzeitigen Einkommenssituation sagt Heldberg: „In guten Zeiten sind pro Kuh etwa 1 000 Euro pro Jahr übrig geblieben, dann waren es etwa 700, und dieses Jahr ? Keiner hat den Milchpreisverfall geahnt, nicht mal die Molkereien.“

Wie viel bleibt je nach Betrieb nach Abzug von Investitionen, Kredittilgungen und Familienunterhalt? Nichts lässt sich pauschalieren, jeder hat individuelle Schwierigkeiten und Schwerpunkte, ist unterschiedlich breit aufgestellt, zeigt die Recherche. Alleine durch die Einfuhrsperre nach Russland büßt ein Halter mit 75 Kühen und 600 000 Kilogramm Milcherzeugung im Jahr laut deutschem Bauernverband 18 000 Euro an Erlös ein, zwei bis vier Cent je Kilogramm Milch. In den vergangenen zwei Jahren haben die Landwirte Geld verdient, doch auch für sie sind Energie und Futtermittel teurer geworden – eine extrem harte Situation, sagt ein Molkereimitarbeiter. Einige Milchviehhalter hätten derzeit 30 Prozent weniger Einkommen. Die schwachen Betriebe hätten es besonders schwer. Einige subventionierten sich selbst, weil sie breit aufgestellt sind und zum Beispiel Biogasanlagen haben.

Ein Besuch im Kuhstall mit Selbstversuch

Auf der anderen Seite habe es diese Situation mit dem Milchpreisverfall immer wieder gegeben. Nach wie vor sind Molkereien die Dreh- und Angelpunkte: Sie versuchen zwar, einen guten Preis für „ihre“ Landwirte zu erzielen, doch die Wertschöpfung bleibt bei ihnen hängen, nicht beim Erzeuger. Zu diesem Schluss kam eine Studie im Auftrag der Deutschen Milcherzeugergemeinschaft. Heldberg gehört zu den etwa 3 900 Betrieben mit 50 bis 99 Kühen in Niedersachsen (LSKN, Stand 2013). Insgesamt sind es etwa 11 400 Milcherzeuger, die mindestens 78 Kühe im Stall halten. Im Kreis Rotenburg werden nach Angaben der Landwirtschaftskammer 65 000 Kühe gemolken, davon 19 000 im Altkreis, was rechnerisch etwa 850 Milchviehbetrieben entspricht. 177 000 Stück Rindvieh wollen versorgt werden. Heldbergs Vorteil ist, dass er seinen Hof mit der Familie wuppen kann.

Seine Eltern, Renate und Erich, beide über 70, sind noch fit und packen mit an. „Nur ausfallen darf in dem Vier-Mann-Betrieb keiner, vor allem ich nicht. Dann wird’s eng“, so der Landwirt. „Wichtig ist, dass alle an einem Strang ziehen.“ Alles muss zum richtigen Zeitpunkt im Blick und im Gang behalten werden, von der Kuh, die besamt werden will, über die Ernte bis hin zur Wiedereinsaat. „Zur richtigen Zeit die richtige Qualität im Stall und auf dem Acker, das ist wichtig“, sagt Heldberg. „Es ist alles eine Frage der Zeit. Ich selbst komme schnell über etwas hinweg, wenn ich viel um die Ohren habe.“ Daher hat er das komplette Gesundheitsmanagement in die Hand eines Tierarztes gelegt. Alle 14 Tage kommt er, führt Listen über die Schwarzbunten. Tierwohl und -gesundheit stehen bei Heldberg an erster Stelle. Lieber ruft er einmal mehr den Lohnunternehmer an als selbst aufs Feld zu fahren, wenn rings um Rinder und Kühe etwas anliegt und er nicht Zeit für beides hat.

Der Tierarzt gibt auch vor, wie die Futtermischung aussehen muss. „Die Kühe sind Hochleistungssportler und brauchen entsprechendes Futter. Die können gar nicht so viel fressen, wie sie an Energie verbrauchen“, erklärt er. „Wenn ich den Stand halten kann, den ich jetzt habe, dann geht’s“, sagt Heldberg über seine Zukunft. Er hat noch die Möglichkeit, anzubauen. Der 47-Jährige steht momentan nicht vor dem Problem, über Investitionen nachdenken zu müssen. Er hat noch einige Jahre vor sich, die beiden erwachsenen Töchter, 18 und 20, werden den Hof nicht übernehmen, Sohn Malte (9) interessiert sich weniger für Kühe, aber für Trecker. „Anders sieht das bei anderen Betrieben aus“, sagt Heldberg in Bezug auf die Erweiterung. Nicht jeder Familienbetrieb hat Entwicklungsmöglichkeiten. Für die, die direkt im Dorf liegen, könne es eng werden.

Das dort Zukunftsängste herrschen, ist nachvollziehbar. Zudem ist in vielen Ecken des Kreises die Flächenkonkurrenz groß, und Pachtpreise sind explodiert, die vereinzelt bei 1 000 Euro pro Hektar liegen. Wer einen neuen Stall plant, steht vor hohen Baukosten. Für die, die in den vergangenen Jahren investiert haben, wird die Luft dünner. Natürlich denke er gelegentlich über einen Melkroboter nach. „Doch, was ist damit gewonnen?“, fragt Heldberg. Entsprechend mehr Geld muss er über die Milch einnehmen: drei bis vier Cent, um die Anschaffung finanzieren zu können, die bei 300 000 Euro liegt. Angesichts des derzeitigen Milchpreisverfalls eine schwere Entscheidung. Nach dem Mittag schippe ich noch mal das Futter vor die Vierbeiner und fege durch.

Dann darf ich aufs Feld, Gülle untergrubbern. Mir gefällt es und ich komme mir nicht so nutzlos wie im Melkstand vor. Zurück auf dem Hof, nimmt mich Heldberg mit zu den Silos. Mit der Schippe in der Hand stehe ich auf dem Maisberg, muss alte Autoreifen umschichten, Sandsäcke von der Miete werfen und Sand hinunter schaufeln, damit ich die Abdeckplane aufrollen kann. Schicht für Schicht, davon gibt es mindestens drei. Anschließend räumen wir gemeinsam den anderen Siloplatz auf, da in Kürze die Maisernte ansteht und bis dahin alles sauber, trocken und geordnet sein muss. Während Heldberg Futter mischt, versuche ich im Melkstand anzupacken, werde aber nicht gebraucht. Vom Abspritzen des Standes einmal abgesehen. Sobald die Milch der frisch abgekalbten Kühe da ist, helfe ich, Kälber zu tränken und freue mich, dass „mein“ Kalb nur wenig Aufforderung benötigt und selbstständig den Nuckler am Eimer annimmt.

Zeit, all die Gespräche Revue passieren zu lassen. Wer am meisten Eigenkapital – gerade auch in Form von Flächen – die wenigsten Verpflichtungen und Kosten hat, wird in der „Milchkrise“ offenbar den längsten Atem haben. Ein wenig finanzielle Ruhe kehrt jetzt bei den Landwirten ein, da es im Dezember Gelder aus Brüssel gibt und im Winter keine Investitionen für die Flächen wie Dünger und Saatgut anstehen. Auf der anderen Seite müssen im Oktober Pachten ausgezahlt und Kreditraten getilgt werden. Mancher stellt derzeit Investitionen zurück, erfahre ich, was sich wiederum auf den Handel auswirken kann, sprich Schlepper, Geräte und eben Melkanlagen. „Mo mentan hilft nur: aushalten. Im Winter und zum Frühjahr erholen sich die Preise selten. Noch ist kein Land in Sicht“, sagt Heldberg.

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