Corona trifft Hotel- und Gaststättenbranche besonders hart

Wirte hoffen auf einen Fahrplan

Dorothea Vollmer streicht wieder eine ganze Seite an Veranstaltungen aus ihrem Terminbuch.
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Dorothea Vollmer streicht wieder eine ganze Seite an Veranstaltungen aus ihrem Terminbuch.
  • Jens Wieters
    vonJens Wieters
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Jeddingen – Goldene Hochzeiten? Abgesagt! Konfirmationen? Zunächst verschoben, und in ein paar Monaten nur in kleinem Kreis! Grüne Hochzeiten? Aufs nächste Jahr terminiert! Partys zu runden Geburtstagen? Abgesagt! „Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen“, sagt Jörn Riedel-Vollmer vom alteingesessenen Land- und Seminarhotel Jeddinger Hof beispielhaft für sicherlich alle Betriebe der Branche. Denn gerade in der Gastronomie hat Corona zugeschlagen – mit ganzer Härte. Denn ähnlich wie bei der Reisebranche sind Wirte und Hoteliers besonders von den Maßnahmen betroffen, die die Politik zur Eindämmung der Pandemie festgelegt hat.

„Dabei wären wir in diesem Jahr auf einen neuen wirtschaftlichen Rekord in der 60-jährigen Geschichte des Jeddinger Hofs zugesteuert“, seufzt Riedel-Vollmer, dessen Frau Dorothea das Hotel „sieben Tage in der Woche“ leitet. Aber aus den vermeintlich rosigen Zeiten wird nun nichts. „Das Jahr ist komplett verloren und wir werden die Verluste auch im kommenden Jahr nicht wieder aufholen können.“

Allein 60 Großveranstaltungen wie Hochzeiten, Firmenfeste, Geburtstagspartys oder ähnliche Feiern haben Vollmers aus ihrem Kalender streichen müssen. „Hinzukommen noch 50 Firmentagungen und bisher ein Drittel der Buchungen der Busgäste, die in jedem Jahr nach Jeddingen kommen, um sich die Lüneburger Heide anzuschauen. Und das ist noch längst nicht das Ende der Fahnenstange“, beschreibt Riedel-Vollmer den Ernst der Lage

Als Mitte März die Ankündigung kam, dass nur noch unter besonderen Vorkehrungen das Hotel und das Restaurant geöffnet werden durften, ahnte der Jeddinger schon Übles. Eine Woche später dann der totale Lockdown. „So fehlten uns im März 40 Prozent Umsatz, im April 95 Prozent und auch im Mai 88 Prozent, obwohl wir seit dem 11. Mai wieder unter Einschränkungen öffnen durften“, berichtet Dorothea Vollmer, die für die 50 Mitarbeiter aktuell Kurzarbeit angemeldet hat. „Bis zum jetzigen Zeitpunkt mussten wir zum Glück keine Arbeitnehmer entlassen, und wir versuchen natürlich, es weiterhin auch so zu belassen“, so Vollmer.

Aber dennoch: „Gerade um unser Team tut es mir besonders leid. Denn es sind natürlich finanzielle Einbußen beim Gehalt, aber auch die Trinkgelder, die bei uns im Haus auf alle Angestellten in Küche und Service umgelegt werden, fehlen natürlich komplett.“

Was die Branche jetzt dringend brauche, sei Planungssicherheit, um auch den Gästen klipp und klar sagen zu können, was möglich ist und was nicht. „Klar, der Niedersächsische Weg mit dem Fünf-Stufen-Plan und das entsprechende regionale Handeln war im Allgemeinen vielleicht der richtige Schritt, aber uns hilft er nicht wirklich. Denn auch wenn 50 Leute wieder zusammen in einem Saal sein dürfen, bleibt die Hausstandsregelung, sodass an einem Tisch nur Personen aus nicht mehr als zwei Haushalten sitzen dürfen. Hinzu komme noch, dass kein Thekenbetrieb möglich sei, an Musik und Tanz weiter nicht zu denken sei und auch die Speisen nicht in Büfettform angeboten werden dürften. „Und ganz ehrlich: Wer feiert schon ohne Musik?“, kann Riedel-Vollmer die Absagen verstehen.

Ein paar Zimmer seien jetzt zwar belegt, da ja seit dem 25. Mai wieder Urlaubsgäste in Jeddingen begrüßt werden, aber der Aufwand für den im Verhältnis geringen Ertrag ist enorm: Nicht nur das Abend- oder Mittagessen kommt als Tellergericht auf den Tisch, sondern auch das Frühstück muss vom maskierten Personal serviert werden. Anschließend wird jeder Tisch von Grund auf desinfiziert.

„Die Gäste ziehen aber sehr gut mit. Jeder hat Verständnis, dass er unser Haus nur mit Maske betreten darf, sich die Hände desinfizieren muss und von uns zum reservierten Tisch geleitet wird. Dort dürfen die Masken natürlich wieder abgenommen werden“, erklärt der Wirt das Verfahren. Auch die Zettel mit den Kontaktdaten würden die Gäste anstandslos ausfüllen. „Das ergibt sicherlich auch Sinn, um im Falle des Falles eine Infektionskette nachverfolgen zu können.“

Im Übrigen seien die Hygiene-Maßnahmen aber nichts Neues in dem Gewerbe: „Wir können das und mussten auch schon vor Corona in allen Bereichen unserer Häuser penibel auf die Hygiene achten“, sagt Riedel-Vollmer, der sich mit seinem Berufskollegen regelmäßig im Austausch befindet.

Als ehemaliges Visselhöveder Stadtratsmitglied geht er mit der Politik in Berlin und Hannover nicht hart ins Gericht: „Die helfen uns schon, wo es geht, So zum Beispiel mit den Soforthilfen, den Krediten und auch mit dem Kurzarbeitergeld – wir haben alles beantragt, was es zu beantragen gab. Auch habe ich regelmäßig Kontakt mit dem SPD-Bundestagsabgeordneten Lars Klingbeil, der sich wirklich kümmert. Aber auch die Mitglieder anderer Parteien sind am Ball. Auch für die Politiker ist dieser Fall ja absolutes Neuland.“

Die zeitlich begrenzte Senkung der Mehrwertsteuer sei in vielen Branchen sicherlich ein gutes Werkzeug, aber wenn keiner feiern wolle, nutze auch das recht wenig. „Wir können auch nicht die Preise senken, um Gäste zu animieren, vorbeizukommen, denn wir arbeiten jetzt aktuell noch nicht einmal kostendeckend. Die Betriebe, die keine Rücklagen gebildet haben ...“, wollen die Vollmers den Satz lieber nicht laut zu Ende bringen.

Alle in der Branche seien jetzt gespannt auf den kommenden Montag, wenn die Stufe fünf des Niedersachsenplans greifen soll. „Hoffentlich haben wir dann detailliertere Angaben. Mir persönlich wäre es zum Beispiel lieber gewesen, noch einige Wochen länger komplett zumachen zu müssen, aber dann wieder wir vorher.“

Das Schlimmste, was der Branche bis dahin passieren könne, sei ein ähnlicher Fall wie bei dem Kollegen aus Leer, wo sich Gäste infiziert hätten, die sich offenbar nicht an die Regeln gehalten hatten. „Aber leider gibt es auch in unserer Branche schwarze Schafe“, hofft Jörn Riedel-Vollmer, dass es auch in der Nach-Corona-Zeit noch lebendige und vor allem wirtschaftlich gesunde Dorfgasthäuser und --hotels gibt. „Und das wird für alle Betriebe der Region auf jeden Fall schon schwer genug.“  jw

Jörn Riedel-Vollmer hofft, dass Büfett mit Service hinter dem Spuckschutz bald möglich ist. Fotos: Wieters

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