„Wir wollen Kunst erlebbar machen“

Immer mehr Nutzer im Kulturhaus in der ehemaligen Kaserne

Silke Kappenberg aus Bomlitz stellte ihre ungewöhnlichen Fotografien aus. - Fotos: Wieters

Visselhövede - Von Jens Wieters. Ganz hinten in der Ecke, den langen Gang entlang aus der letzten Tür rechts, erklingen harte Gitarrenriffs. Ein paar Schritte davor versuchen sich Hobbykünstler an ihren ersten Aquarellen.

Schräg gegenüber hängen bunte Fotografien aus überraschenden Perspektiven an der Wand. Nebenan wird gestrickt und gehäkelt und gleich vorne links riecht es nach Farbe. Keine Frage, es ist Leben im Visselhöveder Kulturhaus im Gewerbecampus Lehnsheide.

„Ja, in den vergangenen Monaten hat sich tatsächlich einiges getan. Wir haben immer mehr Anfragen und so langsam etabliert sich das Projekt“, sagt Willi Reichert, der Kümmerer und Chef im Gebäude vier der ehemaligen Kaserne. Dort stehen den Fotografen und Musikern, Malern und Bildhauern, Handarbeitsfans und Modellbauern eine Vielzahl großer und kleiner Räume als Atelier, Ausstellungs- oder Übungsmöglichkeit zur Verfügung, die ehemals als Mannschaftsunterkünfte und Büros genutzt wurden.

Laut und rhythmisch ist es in der alten Waffenkammer des Gebäudes. Denn dort hat sich – wie sollte es auch anders sein – die Visselhöveder Rockband Shotgun eingerichtet.

Künstler Jobst Deventer aus Riekenbostel war immer auf der Suche nach einem geeigneten Atelier. Jetzt hat er eins gefunden.

„Das passt hier ganz prima“, sagt Bandleader und Bassist Lucky Möller, während er seine vier Saiten zupft, Kumpel Dirk Sonnenberg die ACDC-Hymne „Highway to Hell“ einsingt und Drummer Otto Feddern kräftig auf die Trommel haut.

Um bei den Proben für die Auftritte einen guten Sound zu haben, wurde die Decke des Raumes mit schalldämmenden Matten beklebt und die Wände mit dickem Vorhangstoff verkleidet. „Auch unser großes Sofa zum Relaxen haben wir aus dem alten Übungsraum mitgenommen“, so Möller. Jetzt habe die Band erst mal zwei Jahre Ruhe und könne sich „toll“ auf die Auftritte vorbereiten.

In der Malwerkstatt von Soraya Heuer können sich Jung und Alt an verschiedenen Techniken ausprobieren.

Denn so lange laufen die meisten Verträge, die die Künstler mit dem Hausherrn Joachim Behrens abgeschlossen haben. Der Chef der Firma JBS hatte im Frühjahr die Idee, aus dem Gebäude vier „irgendwas mit Kunst und Kultur“ zu machen. Und da er selber „null Ahnung von der Materie“ hat, wie er damals augenzwinkernd feststellte, hat er sich Willi Reichert ins Boot geholt, der sich schon mit Kunst im Wasserturm überregional einen Namen gemacht hatte.

Der hatte seine Kontakte spielen lassen und Künstler verschiedener Genres angesprochen. Und die brauchen noch nicht einmal tief in die Tasche zu greifen. Denn im ersten Jahr können sie mietfrei malen, musizieren oder stricken. Lediglich an den Nebenkosten müssen sie sich mit drei Euro pro Quadratmeter und Monat beteiligen. Dafür gibt es im Winter einen warmen Hintern, im Sommer einen überdachten Grillplatz und natürlich die Allgemeinräume wie Teeküche, Flur und Toiletten.

Noch viele freie Räume

„Im zweiten Jahr werden die Nebenkosten vom ersten Jahr übernommen und die Miete beträgt 50 Cent pro Quadratmeter“, erläutert Willi Reichert, der natürlich selbst auch ein Atelier in dem Gebäude betreibt.

„Das sind schon ideale Bedingungen“, freut sich Jobst Deventer aus Riekenbostel, der seine großen und bunten Gemälde nun ebenfalls in eigenen Atelierräumen aufbaut und vor allem auch neue Ideen verwirklicht.

Silke Kappenberg, die gleich gegenüber einen Raum bezogen hat, hat sich der Fotografie verschrieben. Ihre Bilder, die oftmals aus ungewöhnlichen Perspektiven aufgenommen werden, hängen dicht an dicht an den Wänden. „So bekommen die auch mal andere Menschen zu sehen“, schmunzelt die Bomlitzerin.

Der Name ist Programm: Lucky Möller (v.l.), Otto Feddern und Dirk Sonneberg von der Shotgun-Band üben in der ehemaligen Waffenkammer.

Außerdem sind zurzeit in dem Haus noch die Nähstube von Claudia Adler untergebracht und die Malschule von Soraya Heuer, die jeden Montag von 16 bis 18 Uhr für jedermann geöffnet ist.

„Da wir erst immer so nach 18 Uhr mit dem Üben beginnen, kommen wir uns auch von der Lautstärke her nicht in die Quere“, hebt Shotgunner Lucky Möller hervor.

Aber dennoch wird ein reger Austausch zwischen den Künstlern gepflegt. Der eine guckt mal beim anderen rein, man trifft sich in der Teeküche und im nächsten Sommer auf dem Grillplatz.

„Klar, es muss noch ein bisschen wachsen, denn schließlich ist Visselhövede keine Großstadt, aber es wird“, ist Reichert optimistisch, dass das Haus Zukunft hat. „Wir möchten hier keine normalen Ausstellungen mit Preistafeln dran, sondern wollen Kunst erlebbar machen“, betont Reichert, der 2018 eine Messe plant, einen Seminarraum einrichten will und eine Förderung beim niedersächsischen Landwirtschaftsministerium für das Projekt „Kultur und Teilhabe im ländlichen Raum“ beantragt hat.

Übrigens, noch sind einige Räume frei. „Ich gucke dann immer, ob die Ideen und Menschen passen“, sagt Reichert. Der empfiehlt Interessenten „einfach mal vorbeizukommen“.

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