Bioland-Chefin im Interview

Yuki Henselek vom Visselhöveder Ökozentrum: „Wer die Wahl hat, wählt oft Bio“

Yuki Henselek sagt, dass immer mehr konventionell arbeitende landwirtschaftliche Betriebe nicht mehr so weiter machen wollen wie bisher.
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Yuki Henselek sagt, dass immer mehr konventionell arbeitende landwirtschaftliche Betriebe nicht mehr so weiter machen wollen wie bisher.

Visselhövede – Biologische erzeugte Lebensmittel sind nicht nur immer öfter auf den Tellern der Haushalte der Region zu finden, sondern die Diskussion darüber ist auch in aller Munde. Nicht wenige bisher konventionell arbeitende Landwirte überlegen, auf Bio umzustellen.

Hilfe bekommen sie vom Visselhöveder Kompetenzzentrum Ökolandbau, wo Yuki Henselek Geschäftsführerin des Bioland Landesverbands Niedersachsen/Bremen ist, und im vergangenen Jahr die Nachfolge des Visselhöveders Harald Gabriel angetreten hatte. Sie gibt im Interview einen kleinen Einblick in ihre Arbeit.

Frau Henselek, sie sind jetzt seit einem guten Jahr Geschäftsführerin des Bioland-Landesverbands. Haben Sie sich in Visselhövede eingelebt?

Auf jeden Fall: Visselhövede ist für mich der Ort, an dem der Ökolandbau weiterentwickelt wird. Es ist der Dreh- und Angelpunkt durch das Ökolandbauzentrum und die engagierten Menschen, die hier zusammenkommen.

Erklären Sie mal bitte: Was macht eine Bioland-Geschäftsführerin genau?

Die Aufgaben sind sehr vielfältig und genau das macht auch den Charme aus. Von der agrarpolitischen Arbeit über Mitgliederbetreuung und thematischen Aspekten wie dem Umgang mit der Klimakrise bis hin zur Weiterentwicklung des Landesverbandes beschäftigen einen als Geschäftsführerin sehr viele Themen. Kein Tag sieht wie der andere aus, das macht das Aufgabenfeld sehr spannend.

Sie sind mit dem Landesverband im Ökolandbauzentrum beheimatet. Ist es ein Vorteil, dass so viele Fachleute unter einem Dach arbeiten?

Ja, unbedingt! So haben wir ganz kurze Wege und können direkt miteinander reden ohne zum Hörer zu greifen. Das erleichtert die Arbeit sehr. Es ist schön, so viel geballtes Know-How und Engagement an einem Ort zu haben. Das hat viel Potenzial, damit gute neue Ideen entstehen.

Was haben Sie im ersten Jahr vielleicht nicht so gut gemacht und was besonders gut?

Ich bin insgesamt gut angekommen und konnte viele Mitglieder persönlich treffen. Das war sehr hilfreich um so richtig im Bioland anzukommen und höchst interessant. Auch die Arbeit in unserem Team hier in Visselhövede hat sich sehr gut eingespielt. Sehr schade finde ich, dass die Netzwerkarbeit im vergangenen halben Jahr etwas zu kurz gekommen ist. Das macht so einen Job wie meinen natürlich aus, wird aber hoffentlich im nächsten Jahr reichlich nachgeholt.

Worin unterscheiden sich eigentlich die Bioland-Produkte zu den konventionell erzeugten Lebensmitteln?

Unsere Betriebe arbeiten nach den strengen Bioland-Richtlinien, deren Einhaltung mindestens einmal im Jahr von einer unabhängigen Kontrollstelle begutachtet wird. Bei uns ist die Tierhaltung zum Beispiel flächengebunden, die Tiere haben also deutlich mehr Platz und Auslauf. Außerdem dürfen sie nur mit Futter aus ökologischem Anbau gefüttert werden. Im Gemüse- und Ackerbau sind chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel verboten und der Einsatz von Stickstoffdünger ist stark begrenzt. Gentechnik setzen wir nicht ein. Alle diese Maßnahmen dienen dazu, unsere Lebensgrundlagen schützen. Themen wie Artenvielfalt, Tierwohl oder Klima und Umwelt sind uns besonders wichtig.

Also eine Systemfrage?

Ja, es geht nicht nur um eine möglichst sozial- und ökologisch verträgliche Produktionsweise. Wir verstehen uns als Wertegemeinschaft. Mit dem Kauf von Bioland-Produkten entscheidet man sich also nicht nur für ein hochwertiges Lebensmittel, sondern unterstützt auch ein enkeltaugliches System der Landwirtschaft.

Bio-Nahrungsmittel sind hip, aber teuer. Teilen Sie diese Ansicht?

Da muss ich widersprechen. Bio-Lebensmittel kosten auf den ersten Blick mehr Geld an der Supermarktkasse – denn eine verantwortungsvolle und nachhaltige Produktion muss bezahlt werden. Allerdings wird eines oft außer Acht gelassen: Wenn wir möglichst billig produzieren, ohne auf Umweltschutz und Tierwohl zu achten, sind die Produkte im Regal auf den ersten Blick vielleicht günstiger. Die Kosten tragen wir aber alle später – und zwar in Form von Gewässerbelastung und dem Verlust von Biodiversität, und das sind nur zwei Beispiele.

Quasi eine Kostenverschiebung?

Die Deutschen geben im europäischen Durchschnitt sehr wenig ihres monatlichen Einkommens für Lebensmittel aus. Ich denke, wir müssen uns viel bewusster darüber werden, wofür wir bereit sind Geld zu bezahlen und was wir damit unterstützen. Manche Kosten werden wir erst später tragen, das muss uns jedoch viel stärker bewusst werden.

Wie überzeugen Sie konventionell wirtschaftende Landwirte, doch besser auf Bio-Produkte umzustellen?

Wir überreden niemanden, Bioland-Mitglied zu werden oder auf Bio umzustellen. Die Entscheidung muss jeder für sich selbst treffen. Wir bieten Beratung an, wenn wir angefragt werden und stellen Informationen zur Verfügung. Dafür haben wir ein Netzwerk von Beratern, die sich jeden Betrieb persönlich anschauen und Hilfestellung leisten, um individuelle Lösungen zu finden. Es ist meist ein Prozess vom ersten Gedanken an den Ökolandbau bis hin zur tatsächlichen Umstellung. Und das ist in Ordnung. Wir freuen uns über jeden, der sich auf den Weg macht. Was wir neben der Beratung anbieten, ist außerdem ein großes Netzwerk an Bio-Bauern. Ein reger Austausch ist so gegeben. Zusätzlich haben wir regelmäßige Fachtreffen und bieten Schulungen und Fachtagungen an, damit unsere Mitglieder immer auf dem aktuellen Stand der Praxisforschung sind.

Gibt es einen positiven Trend mit Blick auf die Bio-Bauern?

Niedersachsen ist ein Flächenland, das traditionell sehr stark von konventioneller Tierhaltung geprägt ist – das macht die Arbeit nicht immer einfach für uns. Aber auch hier können wir beobachten, dass immer mehr Betriebe nicht so weiterwirtschaften wollen wie bisher, sondern den Wunsch haben, verantwortungsvolle Landwirtschaft zu betreiben.

Können Sie das mit ein paar Zahlen belegen?

Der Anteil der ökologisch bewirtschafteten landwirtschaftlichen Fläche ist im vergangenen Jahr um Rund zwölf Prozent in Niedersachsen gestiegen. Hatten wir 2018 noch 4,2 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche als Ökofläche, sind es in 2019 4,7 Prozent gewesen. Die Landesregierung hat das Ziel, diese Flächen deutlich auszuweiten und der Trend geht auf jeden Fall in die richtige Richtung.

Was ist mit den Handelspartnern?

Wir sehen auch bei uns im Verband, dass immer mehr Verarbeiter und Handelspartner beginnen, sich auf eine ökologische Produktionsweise einzustellen. Das Wachstum beobachten wir also nicht ausschließlich auf der landwirtschaftlichen Fläche.

Haben also nur noch Bio-Bauern eine Zukunft?

Anders formuliert: Bio-Bauern machen die Landwirtschaft der Zukunft. Sie tragen dazu bei, die Menschen mit hochwertigen Lebensmitteln zu versorgen und gleichzeitig unsere Lebensgrundlage zu schützen.

Corona ist in aller Munde. Sorgt die Pandemie für einen Boom bei Bio-Produkten? Schließlich achten die Menschen aktuell mehr auf ihre Gesundheit.

Die Nachfrage nach Bio-Lebensmitteln ist zuletzt stark gestiegen. Vor allem unsere Direktvermarkter und Anbieter für Abo-Kisten merken einen deutlichen Anstieg der Nachfrage. Zum Teil mussten sie neue Mitarbeiter einstellen, um den Ansturm meistern zu können. Biologische Lebensmittel, die in der Region erzeugt wurden, genießen in diesen Zeiten ein absolutes Hoch. Viele setzen sich jetzt sehr viel bewusster mit der Herkunft und Produktionsweise ihrer Lebensmittel auseinander und erkennen, dass die Lebensmittelproduktion einen enormen Einfluss auf die Umwelt und das Klima ausübt und stellen ihr Konsumverhalten entsprechend um. Außerdem kochen mehr Leute zu Hause statt in der Kantine oder im Restaurant zu essen. Es zeigt sich: Wer die Wahl hat, wählt oft Bio. In der Außer-Haus-Verpflegung, also in Kantinen und in der Gastronomie gibt es meist keine Auswahl, da muss man nehmen, was angeboten wird. Hier besteht also für die Zukunft noch Potenzial.

Sie wünschen sich?

Mut, Entschlossenheit und Zuversicht. Für unsere Landwirte wünsche ich mir den Mut, neue Wege zu gehen, auszuprobieren und aufeinander zuzugehen. Für die Politik eine Portion Entschlossenheit, den ökologischen Landbau zu fördern, ernst zu nehmen und ihn auch zu verteidigen. Da brauchen wir mehr als nur die schönen Worte aus der Vergangenheit. Für die Gesellschaft wünsche ich mir Zuversicht. Trotz Corona-Pandemie und Klimakrise gibt es auch Lösungsansätze und Ideen. Manches braucht Geduld, anderes die Neugier, Neues zu probieren und wieder anders entschlossenes Handeln. Aber wir können die Dinge selbst in die Hand nehmen und somit auch zuversichtlich in die Zukunft schauen.

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