Kurz vor dem Auftritt: Ein Besuch im Theater Metronom

Wenn das Licht angeht

Die Wimpern müssen sitzen. Beim Schminken lässt Karin Schroeder äußerste Sorgfalt walten. - Foto: Röhrs

Hütthof - Von Matthias Röhrs. Karin Schroeder hüpft hoch, lässt ihre Arme schaukeln. Sie zupft an ihrem mit Rosen verzierten Kleid und springt noch ein, zwei Mal. Sie ist nervös. Ansteckend nervös. Der Beobachter wird unruhig, während sie eiligen Schrittes und in roten Socken die Bühne wieder verlässt – nur, um sie gleich wieder zu betreten. In acht Minuten geht es los.

Wenige Stunden zuvor ist von Nervosität noch nichts zu spüren. Andreas Goehrt sitzt entspannt im Theater-Büro, das nur wenige Meter von seiner Küche entfernt ist. Sanfte Züge, randlose Brille und kurze, graue Haare mit Geheimratsecken. Er hat sich gerade einen Kaffee gekocht. Den trinkt er, während er das Kleingeld für die zwei Kassen zählt. Es ist früher Abend. In etwa drei Stunden beginnt die letzte Vorstellung dieser Saison im Hütthofer Metronom. An jenem Abend steht „Emmas Glück“ auf dem Programm. Ein Solostück.

Goehrt steht auf und geht zu einem blauen Ordner, in dem die Kartenreservierungen notiert sind. „Alles handschriftlich“, sagt der 59-Jährige und geht die Namen durch. Viele der angekündigten Zuschauer kennt er, liest ihre Namen vor, ab und zu mit Kommentar. „Das ist ja süß, dass die auch kommen“, sagt der Schauspieler und Gründer des Theaters. Und schließlich die Meldung: Ausverkauft, kein Platz mehr frei.

Genau um 18 Uhr geht Goehrt nach draußen, über den Bauernhof zu den Scheunen, die das Theater beherbergen. Tomke Heeren öffnet die schwere blaue Stahltür zum Theater. Sie trägt ein rotes T-Shirt, welches das Metronom-Logo ziert. Die Veranstaltungskauffrau ist gerade angekommen und es gibt viel zu erzählen. Am Vormittag ist Goehrt noch Gleitschirm geflogen.

Währenddessen steht Karin Schroeder hinten in der Garderobe und bügelt Schürzen für Emma, die sie am Abend verkörpern wird. Noch im weißen T-Shirt, auf dessen Schultern ihre lockigen schwarzen Haare liegen. Dieser Raum ist der krasse Gegensatz zum Flur dorthin. Bestimmen dort fast nackte Wände und kalte Leuchtstäbe die Atmosphäre, ist das Licht in der Garderobe warm und ein großer Spiegel dominiert den Raum. Auf den Bords, die an orangenen Wänden montiert sind, steht allerhand Zeugs. Gebastelte Aluminiumketten, ein dreiarmiger, goldener Kerzenständer, Glückwunschkarten. „Zu Premieren ist es im Theater üblich, dass man sich etwas Passendes zum Stück schenkt“, sagt Schroeder und hievt ein Paar Stiefel auf den Schminktisch. Sie müssen mit Babypuder präpariert werden. Schließlich spielt Schroeder barfuß. Und an diesem Abend alleine.

Schroeder und Goehrt haben das Theater Metronom 1985 in Worpswede gegründet. Damals – noch als reines Tournee-Ensemble – spielten sie vornehmlich in Zelten. Erst 1994 folgte der Umzug nach Hütthof, wo die Zwei auf einem Bauernhof das Wohnhaus und zwei Scheunen pachteten. Bis heute das Zuhause der beiden. Etwas mehr als 100 Zuschauer haben im Saal Platz, die zwei Schauspieler wirken zusammen an den meisten Vorstellungen mit, gelegentlich gibt es Gastschauspieler und -regisseure. Gemeinsam mit Heeren bestreiten sie zudem die Verwaltung des kleinen Theaters.

Letzte Details noch vor Beginn

Goehrt läuft derweil durch den Saal und kontrolliert die Klappsitze. „Manchmal klemmen die“, sagt er. Heeren füllt an der Bar im Foyer die Getränke in den Regalen und im Kühlschrank auf. Es ist 18.30 Uhr, zwei Stunden bevor das Stück beginnt. Nach einem kurzen Abstecher bei seiner Partnerin geht Goehrt in den Heizungsraum, um die Lüftung einzustellen. „Heute ist es wärmer, da muss man schon etwas mehr Luft geben“, sagt er.

Zurück in der Garderobe näht Schroeder gerade an einem Kopftuch, nebenbei feilt sie an ihrem Text. „42 Seiten, jedes Wort ist wichtig und muss auch gesendet werden“, erklärt sie. Ein Kopfkino möchte sie erzeugen, „dem Zuschauer soll die Fantasie durchgehen“. 42 Seiten, die sie ganz alleine bestreiten wird. Schon die ganze Woche hat sie „Durchläufe“ gemacht und „Emmas Glück“ Wort für Wort durchgespielt. Goehrt kommt rein. Er fungiert als Regisseur des Stücks und möchte Details besprechen. Schroeder steckt dabei ihren kleinen Finger zu einer angedeuteten Zigarette in den Mund und zieht ihn nach hinten. „Schlampe!“, ruft sie. Das Wort muss sitzen. „Schlampe!“, ruft sie noch einmal.

Eine kurze, steile Leiter führt zu einem kleinen Balkon im Saal, wo die Technik steht. Goehrt ist hochgeklettert um Licht- und Tonanlage hochzufahren. Vogelzwitschern erklingt. Sommeratmosphäre. „Karin, mach mal die Mopedfahrt“, ruft Goehrt nach unten. Er schmeißt den Sound einer Zündapp an, während Schroeder unten auf der Bühne die immer schneller werdende Fahrt mimt.

19 Uhr, die Tür zur Garderobe ist verschlossen. Schroeder zieht sich um, macht Stimmübungen. Im Foyer stehen Heeren und Goehrt an der Bar. Es ist still, nur der Stromkasten in der Ecke surrt. Goehrt testet die Taschenlampen für den Parkplatzeinweiser, die Batterien sind leer. Er seufzt. „Früher haben solche Sachen einfach funktioniert“, sagt er und geht Ersatz suchen. Heeren bereitet unterdessen das Gästebuch vor; Marie Hummers, die als Aushilfe an diesem Abend die Kasse machen soll, kommt herein. Wenig später auch Cornelius von Eller-Eberstein, der Parkplatzeinweiser.

Goehrt ist inzwischen mit der Taschenlampe zurück, von Eller-Eberstein geht sofort raus, denn bald kommen die ersten Gäste. Vor der Tür baut er aber zunächst eine Absperrung auf, die die Zuschauer von dem noch immer aktiven Bauernhof trennen soll. Die ersten fahren schon vor. Wenige Meter weiter stehen Kühe im offenen Stall. „Manche Fahrer haben es in sich“, sagt von Eller-Eberstein. Aber es ist wenig Platz vor der Scheune, ohne Einweisung könnte ein Großteil gar nicht auf dem Gelände parken. Der Hofeigentümer kommt mit seinem Trecker, der Einweiser muss die Absperrung noch einmal ab- und aufbauen, währenddessen fährt das nächste Auto auf den Hof. „Das sind schon die Zweiten ohne Einweisung“, sagt von Eller-Eberstein lachend. Und ab.

Espresso und Jubelposen

Im Foyer geht langsam das Treiben los. Die Gäste kaufen sich Wasser und Wein. Punkt 19.30 Uhr, Zeit für Goehrts Ritual: Espresso in der Garderobe. „Der ,point of no return‘“, sagt er. Kurz darauf kommt Schroeder in den Raum, mit rotem Kopftuch und im Kleid. Sie zieht sich ihre ebenfalls roten Socken an, damit die Füße nicht kalt werden. „Dreiviertel Stunde noch, oder?“, fragt sie. „Und? Aufgeregt?“, antwortet Goehrt. „Ja!“ Schroeders Rituale? „Viele“, sagt sie. „Bevor ich die Bühne betrete, atme ich zum Beispiel immer nochmal tief durch.“ Zudem kitzel sie immer ihr inneres Lächeln raus – durch Jubelposen. Demonstrativ winkelt sie ihre Arme an schreit laut „Ja! Ja! Ja!“. Stille in der Garderobe, aus dem Foyer hört man leichte Popmusik.

Draußen ist wenige Minuten vor 20 Uhr jede Menge los. Sekündlich fahren die Autos auf den Hof, von Eller-Eberstein muss rennen, um rechtzeitig an Ort und Stelle zu sein. Zügig gibt er Signale an die Fahrer und überprüft die Abstände zwischen den Wagen. Daumen hoch, alles gut, alles aussteigen.

Im Saal läuft Goehrt hin und her, kontrolliert wieder die Sitze. „Ich bin nervös“, sagt er. „Man fiebert immer mit.“ Schroeder rennt auf die Bühne, geht einige Male im Kreis und verschwindet wieder. Aus dem Foyer dringt ein lautes Gewirr an Stimmen herüber. Goehrt: „Das finde ich immer spannend, wir haben ja keine akustische Trennung zwischen Foyer und Hauptraum, da höre ich immer genau hin. Heute ist das Publikum eher laut. „Manchmal sind sie ziemlich gedämpft.“

Erneut kommt Schroeder auf die Bühne, prüft die Requisiten und geht zurück in die Garderobe. „Dann gehe ich mal das Arbeitslicht anmachen“, ruft Goehrt ihr hinterher. Gesagt, getan – und nur kurz darauf ist die Schauspielerin wieder zurück. Die Stimmen aus dem Foyer sind leiser geworden, in Erwartung des Theaterstücks.

Es ist 20 Uhr und sechsundzwanzig Minuten: „Toi, toi, toi“, wünschen sich Goehrt und Schroeder gegenseitig. Heeren kommt aus dem Foyer in den Saal. Zeit, die Zuschauer in den Saal zu lassen. Siebenundzwanzig: Schroeder geht hinter eine Holzwand – eine Requisite, die ihr bis zum Beginn als Versteck dient. Heeren öffnet den Vorhang zum Foyer, die Zuschauer strömen in den Saal. Dreißig: Es ist laut, Goehrt weist die Menschen zu ihren Plätzen. Vierunddreißig: Alle sitzen und werden von ihm begrüßt. Er bittet, die Handys auszumachen. Fünfunddreißig: Die Bühne ist hell erleuchtet, die Zuschauer warten gespannt. Bis auf die nun erklingende Kaffeehausmusik sind alle ruhig. Gelegentlich hört man ein Räuspern. Die roten Socken fliegen hinter der Holzwand hervor auf die Bühne.

Sechsunddreißig: Karin Schroeder tritt in das Licht.

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