Warten, was passiert

60 Minuten auf der Mitfahrbank: Wegkommen Fehlanzeige!

An der Goethestraße steht eine der Mitfahrbänke.

Visselhövede - Von Ulf Buschmann. Rauskommen aus dem Dorf ohne ein Auto zu besitzen – das ist nahezu ein Ding der Unmöglichkeit. Busse fahren, wenn überhaupt, maximal stündlich. Findige Menschen sind deshalb auf die Idee gekommen, ein altes Prinzip wiederzubeleben: Das Mitnehmen von Anhaltern. Allerdings nicht so anarchistisch wie in den 1960-, 1970er- und 1980er-Jahren mit hochgestrecktem Daumen und Pappschild.

Das neue Trampen heißt Mitfahrbank. Die Idee: An einem mehr oder weniger stark frequentierten Verkehrsknoten steht eine Bank. Wer von A nach B möchte, kann seine Auswahl anhand mehrerer Schilder mit Zielwünschen treffen, setzt sich hin und wartet. Für Mitfahrbänke hat sich in den vergangenen rund drei Jahren auch der Seniorenbeirat Visselhövede eingesetzt.

Zehn Mitfahrbänke aus blau lackiertem Metall gibt es inzwischen in der Stadt und den umliegenden Ortsteilen. So etwa an der Goethestraße am Eingang zum Visselpark. Von dort können Nutzer des Angebots nach Rosebruch, Buchholz und Hütthof kommen. Auch Wittorf steht auf dem Plan – allerdings nur als Einbahnstraße. Dort gibt es nämlich keine Mitfahrbank.

Nun sitze ich an diesem Dienstagvormittag im Herzen von Visselhövede und warte. Anhand des Klappschildes zeige ich an, dass ich nach Hütthof möchte. Jede Menge große und kleine Autos rauschen an mir vorbei. Die ersten 15 Minuten verstreichen, ohne dass mich jemand mitnimmt. Viele der Autofahrer würdigen mich nicht einmal eines Blickes. „Bin ich froh, dass ich früher nicht per Anhalter gefahren bin“, denke ich bei mir. Um mir die Zeit zu vertreiben, nehme ich die Mitfahrbank ein wenig genauer unter die Lupe. Die Stahlrohrbank ist gut verarbeitet. Zum längeren Verweilen lädt sie nicht ein. Und ein wenig schmerzhaft wird es nach knapp 20-minütigem Warten so ganz ohne Polster auf blankem Metall am Popo und Rücken auch. Wenn mir es mit meinen 53 Jahren schon so geht, wie soll es da erst für die Senioren werden?

Unser Autor ist bereit für den Test.

Und noch ein Umstand gefällt mir gar nicht: Potenzielle Mitfahrer sind den Unbilden des Wetters schutzlos ausgeliefert. Wenn wie in diesen Tagen die Frühjahrssonne scheint, ist es auf der Bank angenehm. Aber was ist bei Regen und Schnee im Winter oder großer Hitze im Sommer? In Sachen Wetterschutz hat die Mitfahrbank eher den Charme der Postbus-Haltestelle in der ZDF-Kinderserie „Neues aus Uhlenbusch“. Da fehlt eigentlich nur noch Onkel Willi, der Postbote.

Nach weiteren knapp 30 Minuten geschieht etwas Ungewöhnliches: Ich werde gegrüßt! Das hat seit meiner Ankunft an der Bank noch keiner gemacht. Drei Jungs werfen mir im Vorübergehen ein freundliches „Moin!“ zu. Sie lecken an ihrem Eis und ziehen weiter in Richtung Kreisel. Dieser Gruß hat mich aus meiner inzwischen einsetzenden leichten Lethargie gerissen. Denn auf ein haltendes Auto warte ich noch immer vergebens. Und ein bisschen frisch wird’s obendrein.

Mein Kontingent von 60 Minuten ist fast ausgeschöpft. Ich nutze die Zeit, um Fotos von der Mitfahrbank zu machen. Ansonsten würde mir, der natürlich nichts zum Lesen eingesteckt hat, ziemlich langweilig werden. Da ich inzwischen mangels Ansprache einheimischer Autofahrer ziemlich desillusioniert bin, schaue ich mir in den letzten zehn Minuten zwei lustige Zeichentrickfilme von „Tom & Jerry“ auf dem Smartphone an. Eine Passantin bemerkt immerhin, dass ich da bin – als ich über eine Szene lache, erschrickt sie. Für mich reicht es. Ich nehme doch lieber mein eigenes Auto.

Unsere Serie: „60 Minuten“ auf Beobachtung

Unter dem Titel „60 Minuten“ starten wir heute eine neue Serie. Unsere Kollegen nehmen sich Zeit für ein Thema und gehen für eine Stunde auf Beobachtung. Ganz so, wie es für den ersten Teil unser Autor Ulf Buschmann gemacht hat. Er nahm auf einer der Mitfahrbänke in Visselhövede Platz. Und er wartete ab, was in diesen 60 Minuten so alles passiert. 

Würde jemand anhalten und ihm eine Fahrt anbieten? Wie würden sich vorbeikommende Passanten verhalten? Wie fühlt es sich an, auf eine Mitfahrgelegenheit zu warten? 60 Minuten, die vielleicht erst einmal langweilig, aber irgendwie auch ganz spannend sein können. 

In den kommenden Wochen werden wir uns auch an anderen Orten im Südkreis die Zeit nehmen – für ganz unterschiedliche Situationen. Sollten Sie Vorschläge haben, wo wir uns umgucken sollten, melden Sie sich gerne!

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