Wandernde Gesellen machen Station in Visselhövede / Handys sind tabu

Mit Hut, Stenz und „Charly“ drei Jahre unterwegs

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Schwarze Cordhose, schwarze und blaue Weste, Hut und Stenz: So sind Jesse, Claudia und Stefanie (r.) unterwegs.

Visselhövede - Von Jens Wieters und Christel Niemann. Es nieselt vom Himmel, es sind gefühlte vier Grad und die Nacht ist nicht mehr weit. Auf die Frage, wo sie denn unterkommen, antworten die drei exotischen Gestalten ganz entspannt: „Och, das wird schon!“ Gelassenheit ist offenbar eine Tugend der Handwerker auf Wanderschaft, und so präsentieren sich die Goldschmiedin Stefanie, die Tischlerin Claudia und Jesse, der Zimmerer während ihres Aufenthalts in Visselhövede auch.

Der ist natürlich nur von kurzer Dauer, denn die drei, die während ihrer Wanderschaft den Nachnamen ablegen und mindestens drei Jahre und einen Tag unterwegs sein müssen, wollen weiter nach Berlin.

So haben sie natürlich auch die Weihnachtstage fernab ihrer Familien verbracht, denn dichter als 50 Kilometer dürfen die Handwerker „auf der Walz“ nicht an ihren Heimatort heran. Für wandernde Gesellen des Freien Begegnungsschachtes (FBS) gibt es nämlich viele Regeln, die auf keinen Fall gebrochen werden dürfen.

Aus der Nachbarstadt Verden waren die drei über Kirchlinteln und Jeddingen an die Vissel gereist – „überwiegend auf Schusters Rappen, aber manchmal sind wir auch per Anhalter unterwegs“, berichten die drei.

In Visselhövede statteten sie erst einmal dem Bürgermeister einen Besuch ab. Denn der muss die Handwerker in ihrer sehenswerten Kluft willkommen heißen und ihnen die Erlaubnis erteilen, in der Stadt tätig zu werden – so will es der uralte Brauch.

Alles, was Claudia, Stefanie und Jesse bei sich haben, passt in das Bündel, den so genannten Charlottenburger, auch oft „Charly“ genannt. Der wird kurzerhand an den Stenz gehängt, wie der Wanderstock der reisenden Gesellen heißt. Alles, was sie zum Lebensunterhalt brauchen, müssen sie sich verdienen. So fragen sie während ihrer Tour überall bei Handwerksbetrieben nach Arbeit.

Was die eigentliche Faszination der so genannten Walz ausmacht, erklären die Wandergesellen nur allzu gerne: Für Claudia, eine Tischlerin aus Potsdam, könnte die Zeit ihrer Wanderschaft im Mai kommenden Jahres enden. Die 27-Jährige ist bereits seit zweieinhalb Jahren unterwegs, will aber vielleicht am Ende noch mehr an die Pflichtzeit dranhängen.

„Arbeiten und dabei die Welt kennen lernen“

Die Walz hat sie abseits von Deutschland bereits in die Schweiz, nach Österreich, Holland und Dänemark geführt. Durch eine Begabtenförderung ging es sogar nach Südamerika. Dabei, so sagt sie, habe sie nicht nur beruflich dazugelernt, sondern auch viel über sich selber erfahren.

„Natürlich gibt es nicht nur gute, sondern auch schlechte Tage“, so der Tenor der Gruppe. Doch unter dem Strich fiel das Fazit aller sehr positiv aus. Goldschmiedin Stefanie (27) aus der Nähe von Lörrach hat bislang Deutschland, Österreich und die Schweiz bereist. „Ich habe noch viel vor und will sehen, was alles so geht“, sagt sie.

Ganz frisch auf Wanderschaft und erst seit zwei Wochen unterwegs ist dagegen Jesse aus dem Raum Pinneberg, der als Aspirant auf Wanderschaft von anderen Wandergesellen solange begleitet wird, bis er sich zutraut, alleine zu reisen und weiß, wo er Schlafplätze und wie er Arbeit findet.

In der Regel, so Jesse, werde die Hälfte der drei Jahre gearbeitet und in der anderen Hälfte die Welt kennen gelernt. Der 24-jährige Zimmerer ist voller Neugierde und Freude auf das Arbeiten und Leben in der Fremde.

„Es ist schon toll, was man während der Wanderung an Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft erfährt. Und es gibt so viele Dinge, die man machen kann, sofern man die Augen offen hält“, zeigt sich die Gruppe überzeugt.

Die Wanderroute steht übrigens bei keinem fest. Es gilt der Leitspruch: „Wo es Arbeit gibt, da wird geblieben.“ Der Kontakt zur Familie werde überwiegend ganz altmodisch per Brief gehalten, denn „Handys sind tabu“.

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