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Visselhövedes Bürgermeister dankt für das „tolle Miteinander“

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Von: Jens Wieters

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Ralf Goebel hat seinen Lieblingsplatz schon lange gefunden: Auf der Bank im neugestalteten Areal an der Visselquelle lässt er nicht nur die vergangenen siebeneinhalb Jahre Revue passieren, sondern denkt auch über seine Zukunft nach, in der Visselhövede weiter eine große Rolle spielt.
Ralf Goebel hat seinen Lieblingsplatz schon lange gefunden: Auf der Bank im neugestalteten Areal an der Visselquelle lässt er nicht nur die vergangenen siebeneinhalb Jahre Revue passieren, sondern denkt auch über seine Zukunft nach, in der Visselhövede weiter eine große Rolle spielt. © Wieters

Nur noch vier Tage sitzt Ralf Goebel auf dem Visselhöveder Bürgermeisterstuhl. Im Interview blickt er auf die vergangenen siebeneinhalb Jahre zurück

Visselhövede – Am Sonntag ist Ralf Goebel noch einmal gefordert: Wie bei jeder der vergangenen Wahlen auch wird er die einzelnen Wahllokale besuchen, hier einen Schnack halten, dort eine selbst gebackene Nussecke vorbeibringen und den Wahlvorständen vor allem Danke sagen. Dieses Mal wird es aber eine besondere Tour für den 62-Jährigen, denn es ist seine letzte dieser Art. Und gewählt wird nicht irgendjemand, sondern sein eigener Nachfolger. Unsere Zeitung nutzt die Gelegenheit, Goebel zurückblicken zu lassen.

Hand aufs Herz, gab es in den vergangenen siebeneinhalb Jahren nicht schon mal ein, zwei Tage, an denen Sie das Bürgermeisteramt verflucht haben?

Ja sicher, da gab es tatsächlich ein paar Tage.

Und zu welchem Anlass?

Manchmal lag das an mir selber, wenn das Hamsterrad sich zu schnell gedreht hat. Oder wenn ich einer Kritik ausgesetzt war, die ich als vollkommen unberechtigt empfunden habe. Oder wenn Hintergründe und Sachzusammenhänge von den Kritikern ausgeblendet worden sind.

Vielleicht aus Egoismus?

Es gab Situationen, die eindeutig von privaten Interessen geleitet waren und wo bei der Auseinandersetzung dann die gebotene Fairness gefehlt hat. Manchmal waren es Äußerungen in den sozialen Medien oder auch Situationen, wo Kinder eingebunden worden sind und so eine Änderung der Meinung bewirkt werden sollte.

Das hört sich jetzt nach vielen Punkten an?

Nein, so war es aber nicht. Ich war jetzt gut 2 900 Tage im Amt als Bürgermeister für diese Stadt und in dieser Zeit gab es vielleicht fünf oder sechs Situationen, die mich zum Fluchen gebracht haben, das ist doch wirklich nicht viel.

Geben Sie als Ex-Schulleiter ihren Mitbürgern bitte Noten von eins bis sechs in den Themenbereichen Streitkultur, Interesse, Miteinander und Ehrlichkeit.

Noten möchte ich nicht geben. Bei der Streitkultur ist es sehr unterschiedlich, wir haben Bürger, die können sehr nachhaltig und intensiv nachfragen und argumentieren. Es gibt auch einige, die, wenn sie einmal einen Standpunkt haben, diesen nicht mehr verlassen und schwer von einer anderen Meinung zu überzeugen sind. In den siebeneinhalb Jahren habe ich versucht, aus meiner Sicht notwendige strukturelle Veränderungen anzuschieben und hier erste Entscheidungen herbeizuführen. Ich habe mir dabei nicht überall nur Freunde gemacht. Das Werben um eine Lösung war nicht immer erfolgreich und es konnten nicht immer alle überzeugt werden.

Konkret?

Die Entscheidung über die Perspektive unserer Grundschulstandorte war hier sicherlich eine sehr schwere und emotionale Entscheidungsfindung. Aber auch das Ringen um das Konzept des Primar Campus hat viele Menschen in Visselhövede beschäftigt. Die Fragestellung der Perspektive der einzelnen Feuerwehrstandorte ist noch längst nicht abgeschlossen. Auch das Für und Wider einer Reaktivierung eines zweiten Vollsortimenters in der Stadt ist noch nicht beendet, da wäre ich gerne schon weiter.

Alles wichtige Themen für Sie?

Ja, das sind alles Themen, die ich als wichtig und entscheidungsnotwendig ansehe und hier ist noch so manches Potenzial für eine grundsätzliche Debatte. Das Interesse an der Auseinandersetzung und an diesen Themen ist aus unterschiedlichen Beweggründen groß und das ist schön so. Wie ehrlich dabei die Debatte geführt wird und dass dabei auch hinter den Kulissen Kontakte genutzt werden und Projekte oder plötzlich Sachzwänge geschaffen werden, die eigentlich etwas verhindern sollen, das gilt es wachsam zu beobachten. Das ist eben auch Politik.

Ordnen Sie das Amt in Ihrer langen beruflichen Vita auf einer Skala von eins (schlecht) bis zehn (herausragend) ein und begründen Sie die Note!

Diese Zeit als Bürgermeister ist zurückblickend in meiner beruflichen Laufbahn für mich bisher die intensivste und wirklich eine erfüllende Zeit gewesen. Ich habe es vor meiner Kandidatur zum Bürgermeister geahnt, dass es interessanter und vielseitiger sein wird als die Aufgaben eines Schulleiters. Die Vielfalt der Aufgaben, die Begegnungen und das Suchen nach Lösungen oder vielleicht auch Wegen in einem manchmal sehr engen Entscheidungskorridor ist schon spannend. Ich hatte das Glück, auf ganz viele Menschen zu treffen, die für meine Ideen und Anregungen empfänglich waren und die mit meiner Art der Lösungsfindung umgehen konnten. Visselhövede hat mir gutgetan und ich vielleicht auch der Stadt und den Ortschaften. Ich gebe hier zehn Punkte und sage Danke für das gute Miteinander.

Wohl kaum ein Hauptverwaltungsbeamter der Region hat den Bürgermeisterposten so gelebt wie Sie. Geht nicht dann und wann auch mal die Puste aus?

Ja, manchmal bin ich auch am Abend oder am Wochenende richtig platt. Inzwischen merke ich das etwas mehr als früher, aber das ist doch auch normal. Wenn einem dann auch noch die Puste ausgeht, weil man etwas geschafft hat, weil man Ideen umgesetzt hat und ein Stück vorangekommen ist, dann ist das ein schönes Gefühl. Neue Ideen habe ich noch einige, daran mangelt es nicht. Manchmal habe ich aber eher das Gefühl, mein Umfeld braucht mal eine Pause… Nein, Scherz beiseite, sowohl im Rathaus als auch in der Politik waren stets Menschen, die ich recht schnell für viele meiner Ideen begeistern konnte.

Wohnt ein Bürgermeister in der Stadt, hat er nie Feierabend. Fluch oder Segen?

Aus meiner Sicht ganz eindeutig ein Segen. Sicher, es gehört dazu auch die Fähigkeit, sich mal abzugrenzen und zu sagen, schreiben Sie mir das mal als Mail oder da reden wir nächste Woche noch mal drüber. Ich habe es als positiv empfunden, das Leben hier vor Ort direkt zu erleben, zu sehen, was kaputt ist oder was abgeht, jedenfalls das wahrzunehmen, was ich mit Ü60 so wahrnehme.

Das Thema Geld hat Sie die ganzen Jahre begleitet. Sie haben einen Berg voll Schulden übernommen und ihn langsam abgebaut. Jetzt standen und stehen aber erhebliche Investitionen an, die Millionen verschlingen. Ist Ihnen bange, dass Visselhövede irgendwann unter der Regie der Kommunalaufsicht steht?

Nein, davor habe ich keine Angst. Die Stadt hat sich als Wirtschaftsstandort mit den Unternehmen und dem Standortpotenzial in den vergangenen Jahren wirklich gut entwickelt. Wir sind sehr breit aufgestellt und nicht in einseitigen Abhängigkeiten. Das bei meinem Amtsantritt symbolisch nur halbgefüllte Wasserglas ist inzwischen gut gefüllt, wir haben eine solide Basis und müssen nur aufpassen, dass die strategischen Entscheidungen auch in vertretbaren Zeitfenstern umgesetzt werden. Gewerbeflächen werden aktuell erschlossen, Baugebiete entstehen und im Schul- und Kindergartenbereich stellen wir uns ordentlich auf und sind sicher zukunftsfähig.

Exakte Zahlen bitte!

Die fast 13 Millionen Euro Schulden bei meinem Amtsantritt konnten wir zum Jahresende 2021 auf rund 8,3 Millionen reduzieren. Wir haben in dieser Zeit aber auch erheblich investiert und unser Anlagevermögen in den vergangenen sieben Jahren um etwa 4,5 Millionen Euro erhöht. Ohne diese erheblichen Investitionen wäre unser Schuldenstand bei knapp vier Millionen Euro. Wir hätten dann aber auch eine ganz andere sanierungsbedürftige Infrastruktur.

Und was ist mit dem vom früheren Stadtrat mit viel Trara verabschiedeten Schuldenbeschluss?

Der Schuldenbeschluss aus der Vergangenheit war für viele dieser Entscheidungen sicher auch sehr hilfreich. Für die Zukunft bedeutet das eigentlich nur, den eingeschlagenen Weg weiter zu verfolgen und auch bei strategisch wichtigen Entscheidungen mal mutig zu sein.

Was macht Ralf Goebel ab Mitte März beruflich?

Ab 16. März werde ich meine Einarbeitung in die Geschäftsführertätigkeit der Diakoniesozialstation hier in Visselhövede intensivieren und ab April werde ich dann Friedhelm Eggers beerben und die wirtschaftlichen Geschicke der Station Visselhövede/Bothel hier vor Ort begleiten. Es ist für mich ganz neues Tätigkeitsfeld, auf das ich mich aber jetzt auch freue, denn der Zeitaufwand wird natürlich wesentlich geringer sein, als der eines Bürgermeisters.

Bleiben Sie auch den von Ihnen ins Leben gerufenen Institutionen wie der Bürgerstiftung und den Lions treu?

Auf jeden Fall bleibe ich da aktiv dabei. Es war gut, diese beiden Institutionen hier in Visselhövede zu gründen. Beide haben mit ihren Möglichkeiten schon viele Vorhaben unterstützt und Angebote und Bereicherungen für das Leben in der Region geschaffen. Es gibt viele Menschen, die mitwirken und etwas für unsere Gemeinschaft beitragen wollen. In diesem Kreis sind inzwischen für meine Frau und mich viele Freundschaften entstanden und da macht es noch mehr Freude, sich einzusetzen, wie zum Beispiel beim Charity Dinner am 2. April im Hotel Röhrs in Hiddingen.

Man hört immer wieder, dass Sie künftig den Gewerbeverein ein wenig unter die Arme greifen wollen. Was ist da dran?

Ja, das ist richtig. Ich werde den Vorstand unterstützen und das Format des Gewerbeschaufensters weiter begleiten, aber auch die Ausdehnung der Aktivitäten des Gewerbevereins auf unsere Dienstleister, das Handwerk und die produzierenden Betriebe möchte ich gerne begleiten. Ich freue mich da auf die Zusammenarbeit.

Ein Wort zum Schluss!

Abschießend möchte ich an dieser Stelle einfach in alle Richtungen Danke sagen für die tolle Zusammenarbeit und das tolle Miteinander mit den Bürgerinnen und Bürgern für die ich sehr gerne der Bürgermeister von Visselhövede war.

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