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Visselhöveder ist immer für andere auf Achse

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Von: Angela Kirchfeld

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Helmut Neiß, Fahrer der Visselhöveder Ausgabestelle der Rotenburger Tafel, ist schon frühmorgens bei Bäcker Tamke, um Backwaren abzuholen.
Helmut Neiß, Fahrer der Visselhöveder Ausgabestelle der Rotenburger Tafel, ist schon frühmorgens bei Bäcker Tamke, um Backwaren abzuholen. © KIrchfeld

Helmut Neiß ist schon lange Fahrer der Visselhöveder Tafel und immer für andere auf Achse. Wir haben ihn 60 Minuten bei seiner Tour begleitet.

Visselhövede – „Hinter jedem Menschen steckt ein Schicksal“, weiß Helmut Neiß und packt körbeweise Brot in seinen kleinen Kastenwagen. Er ist seit Beginn der Visselhöveder Ausgabestelle der Rotenburger Tafel im Jahr 2006 nicht nur ehrenamtlicher Helfer, sondern auch der einzige Fahrer, der mehrmals wöchentlich unterwegs ist, um die Waren von Discountern und Drogeriemärkten abzuholen.

„Ich fahre bis nach Verden und Sottrum, damit an den Ausgabetagen dienstags und freitags genügend Lebensmittel für die Bedürftigen der Stadt zur Verfügung stehen.“ An diesem Dienstag geht die Fahrt bereits um 7 Uhr morgens los. Zunächst zur Bäckerei Tamke in deren Haupthaus nach Wittorf. Dort stehen bereits die Fahrer der Lieferwagen vor der Tür. Sie laden die Ware des Vortags aus und bekommen frische, fast noch warme und vor allem lecker duftende Backware zugeteilt, die in den Autos verstaut werden. Währenddessen schaut sich Helmut Neiß die Ware an, die für die Tafel bestimmt ist. „Die Brötchen sind auch klasse, die nehmen wir mit!“ Wir laden Brote, Brötchen, Kuchen und auch Torte in den Kleintransporter. „Der Rest kommt in die Tonne“, sagt Neiß. Unglaublich! Mir tränen die Augen beim Anblick der Backware, die im Container landet.

„Über die Zeitung wurde 2006 ein Fahrer gesucht. Als Frührentner hatte ich mich beworben, ich hatte ja Zeit, und wurde auch genommen“, erinnert sich Neiß.

Während der weiteren Fahrt erfahre ich viel über den Ostdeutschen, der zwei Jahre vor der Wende nach Nordrhein-Westfalen kam. Am Hochofen im Stahlwerk in Gießen hat er gearbeitet. Dann kam der Krebs. „Der hat mich zum Aufhören gezwungen.“ Er habe bis dahin gut verdient. Und im Norden Deutschlands seien die Lebenshaltungskosten niedriger, „also bin ich mit meinen 14 Huskys nach Visselhövede gezogen.“ Mit den Hunden nahm der heute 68-Jährige auch an Schlittenrennen teil. Seit sieben Jahren hat er keine Huskys mehr.

Jetzt sind wir am Hintereingang eines Discounters. Dort stehen bereits Kisten mit Gemüse und Obst bereit, die wir ebenfalls vorsichtig in den Wagen laden. Auch andere Lebensmittel sind dabei, die gerade eben das Mindesthaltbarkeitsdatum passiert haben. Auch ein paar Sträuße Schnittblumen dürfen mit. Selbst die Köpfe der Pflanzen sind noch prall.

Weiter geht‘s die Straßen runter zum Drogerie-Markt Rossmann „Hier gibt es ab und zu mal Ware, bei der die Verpackung aufgerissen worden ist. Die kann dann nicht mehr verkauft werden.“ Aber: Heute ist nichts dabei.

Also geht es zurück zum alten Bahnhofsgebäude wo die Tafel, die früher Gabentisch hieß, ihr Domizil hat. Jetzt müssen alle Kisten und Tüten die paar Eingangsstufen nach oben geschleppt werden. Da kommen ein paar Kilos zusammen. Wir schaffen Platz in den Regalen und sortieren ein. „Wir benötigen dringend noch eine Kühlmöglichkeit für Gemüse und Obst. Jetzt, in der kühleren Jahreszeit geht es noch, aber ein weiteres Kühlregal wäre nicht schlecht“, wünschen sich Neiß und das sechsköpfige Team der Tafel.

„Kommen denn überhaupt genügend Leute, die Bedarf an günstigen Lebensmitteln haben?“, will ich wissen. „Zur Genüge“, sagt Neiß. Aktuell seien es noch einige Leute mehr, da viele ukrainische Flüchtlinge eine neue Heimat in Visselhövede gefunden hätten.

Neiß hat das letzte Brot verstaut, den letzten Tetrapack H-Milch ins Regal geschoben, Jetzt ist erst einmal Feierabend. „Der Ton hier ist zwar rau, aber herzlich. Es werden alle Kunden gleich behandelt, und es ist gut, dass es die Tafel gibt“, sagt Neiß als er die Tür abschließt. Wie viele Stunden er ehrenamtlich unterwegs ist, hat Neiß nicht gezählt. Nur so viel: „Montags von 6 bis 12 Uhr mittags, dienstags, am Ausgabetag, sogar von 7 bis 16 Uhr.“

Neiß schwingt sich in den Kastenwagen und hat doch noch einen Wunsch: „Vielleicht findet sich ein Ersatzfahrer für mich, falls ich mal ausfallen sollte. Ich habe immerhin seit zwölf Jahren keinen Urlaub mehr gemacht.“ Spaß macht es ihm trotzdem: „Ich komme raus, kann mit den Leuten reden und kann mir die Zeit selbst einteilen. Jetzt aber tschüss“, ruft er und braust davon.

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