Personalmangel bei den ambulanten Diensten

Pflegenotstand in Visselhövede

Haben trotz der Misere noch ein Lächeln auf den Lippen: Chefin Heike Rathmann (v.l.) mit Mitarbeiterin Petra Klafczenski und den Azubis Michelle Boy, Diane Naumann und Marion Kroggel.
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Haben trotz der Misere noch ein Lächeln auf den Lippen: Chefin Heike Rathmann (v.l.) mit Mitarbeiterin Petra Klafczenski und den Azubis Michelle Boy, Diane Naumann und Marion Kroggel.

Visselhövede – „Wir alle arbeiten bis zum Anschlag und darüber hinaus. Jetzt muss ich leider die Reißleine ziehen. Wir können nicht mehr!“ Heike Rathmann, Inhaberin des Visseler Pflegedienstes, funkt SOS. „20 teilweise langjährige Pflegeverträge muss ich wohl oder übel zu Beginn des neuen Jahres kündigen. Mir fehlt schlichtweg das Personal, um eine adäquate Pflege zu gewährleisten“, sagt Rathmann, die zum Jahresende auch gleich drei Kündigungen von Fachkräften hinnehmen muss.

„Dann noch die aktuell 90 Patienten ausreichend zu betreuen, ist ein Ding der Unmöglichkeit.“ Sie hat darum jetzt die schwierige Aufgabe, zu entscheiden, zu welchen Patienten ab Januar die kleinen Elektroautos der Pflegekräfte nicht mehr kommen.

Das heißt nichts anderes, als dass sich die Betroffenen um andere Einrichtungen bemühen müssen. Aber das wird an der Vissel nicht so einfach werden. Denn der Pflegedienst Stadt und Land hat bereits seit dem 30. Juni seine Türen geschlossen. Der Grund auch dort: akuter Personalmangel. „Wir konnten den Betrieb nicht mehr aufrecht erhalten, weil uns ganz einfach die Pflegekräfte fehlen“, sagt Manfred Meyer, der sich jetzt voll und ganz auf die stationäre Pflege in seinem Seniorenheim Zur Mühle konzentriert.

Das Personal sei aber nur eine Sache, so Meyer, „die Wahrheit ist aber auch, dass mit einem ambulanten Pflegedienst kein Geld mehr zu verdienen ist, und am Ende des Tages müssen alle Anbieter dieser Pflegeform auch wirtschaftlich denken.“ Er werde jedenfalls keinen ambulanten Pflegedienst mehr anbieten. Er sieht vor allem die Politik in der Pflicht, denn es „kann nicht sein, dass im benachbarten Bundesland Bremen die Pflegekassen bei manchen Leistungen 60 bis 70 Prozent mehr zahlen“.

Die Abrechnungsmodalitäten und damit am Ende auch das Gehalt spiele aber nach Heike Rathmanns Meinung „gar nicht so die entscheidende Rolle“, warum die Angestellten reihenweise die ambulanten Pflegedienste verlassen würden. „Vor allem die jüngeren Mitarbeiter scheuen oft die Arbeitsbedingungen, die zugegeben nicht die besten sind.“ Alle 14 Tage am Wochenende arbeiten, manchmal morgens eine Tour fahren, dann drei, vier Stunden frei zu haben, um nachmittags noch mal unterwegs zu sein, „das schmeckt nicht jedem“. Dabei versuche sie schon, individuelle Dienstpläne zu schreiben. „Aber das Freizeitverhalten und -bedürfnis der jungen Leute hat sich gegenüber früher grundlegend verändert.“

Darum trifft sich Rathmann, die gerade „mal wieder auf ihren Urlaub verzichtet hat“, mit ihrem Team bereits morgens um 5.30 Uhr im Büro des Unternehmens, um schon eine halbe Stunde später dem ersten Patienten beim Duschen zu helfen. „Das geht dann so bis 22 Uhr. Belastend für unsere Mitarbeiter und natürlich auch für unsere Patienten, die ja ihr Leben unserem Arbeitsrhythmus anpassen müssen“. Das stoße ab und an auch auf Unverständnis, aber es funktioniere nun mal nicht anders. Und es müssten obendrein auch noch gewisse zeitliche Abläufe eingehalten werden, die aus medizinischer Sicht notwendig sind. „Wir können einem Patienten nicht um 15 Uhr die Kompressionsstrümpfe abnehmen, die wir um 12 Uhr angelegt haben.“

Darum gibt es schon lange einen Aufnahmestopp und eine gefühlt endlose Warteliste, vor allem nach dem Rathmann im Sommer einige Patienten von Manfred Meyer übernommen hatte. „Aber jetzt muss ich handeln und einigen leider die Verträge kündigen, um meinen Mitarbeitern moderate Bedingungen und Arbeitszeiten bieten zu können.“

Eine bessere Lösung des Problems falle auch ihr nicht ein, zumal sie es über die Ausbildung versucht und zurzeit gleich auf drei Azubis zurückgreifen kann. „Ohne Michelle Boy, die im Curata-Seniorenheim ihre Ausbildung macht und den vorgeschriebenen externen Einsatz bei uns absolviert, und Marion Kroggel, die im dritten Lehrjahr ist, sähe es noch düsterer aus“, so Rathmann, die personell immer nur Löcher stopfen muss.

„Die langjährigen Angestellten gucken außerdem recht sparsam, wenn sie mitbekommen, dass im stationären Bereich das doppelte Gehalt an Mitarbeiter von Leihfirmen gezahlt wird“, weiß Petra Klafczenski, die seit 18 Jahren beim Visseler Pflegedienst angestellt ist, und Heike Rathmann weiterhin die Treue halten will, obwohl auch sie mitbekommen habe, dass manche Heime mit bis zu 3 000 Euro Prämie, Tankgutscheinen und Firmenwagen versuchen würden, Fachkräfte abzuwerben.

Aber was machen nun die Patienten, die eine Kündigung von Rathmann bekommen? „Vielleicht müssen wir wieder Kurse anbieten, in denen Angehörige die Pflege lernen. Oder die Betroffenen müssen sich privat Hilfe suchen.“ Eine klitzekleine Chance besteht auch bei der Visselhöveder Diakonie-Sozialstation. „Wir haben schon einige Anrufe bekommen und konnten teilweise auch helfen. Aber grundsätzlich geht es uns wie allen anderen Diensten auch: Es fehlt Personal an allen Ecken und Enden“, bestätigt Pflegedienstleitung Bettina Rück.

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