Visselhövede am Ende des Zweiten Weltkriegs / Historiker blickt 70 Jahre zurück

Kampf bis zur letzten Panzerfaust

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Heute vor genau 70 Jahren begannen die letzten blutigen Kämpfe um die Stadt Visselhövede.

Müller-Scheeßel - Von Karsten. In diesen Tagen jährt sich zum 70. Mal das Ende des Zweiten Weltkriegs. Der Historiker Karsten Müller-Scheeßel erinnert in den nächsten Ausgaben unserer Zeitung an das Aus der Nazi-Schreckensherrschaft in der Region. Im ersten Teil berichtet er über das Kriegsende in Visselhövede.

Der 19. April 1945 war ein schöner Frühlingstag. Im Bunker der Reichskanzlei in Berlin saß Adolf Hitler am Vortag seines 56. Geburtstages im Kreis seiner Paladine, während die Rote Armee den Ring um Berlin schloss. Aus Anlass des Führergeburtstages wandte sich Joseph Goebbels wie jedes Jahr über den Rundfunk an das deutsche Volk. Ein letztes Mal forderte er die Deutschen zu bedingungsloser Gefolgschaft Hitler gegenüber auf. Kapitulation sei Verrat an Hitler und am deutschen Volk. Er prophezeite das Auseinanderfallen der Koalition der Feindmächte und zeichnete die Nachkriegszeit in einem wieder erblühenden Deutschland in den schönsten Farben.

Hat Goebbels noch irgendwer geglaubt? Der Kontrast zur Wirklichkeit konnte kaum größer sein. Die größten Teile Deutschlands waren längst besetzt, Städte und Industrie zerstört. Evakuierte aus den zerbombten Städten, Flüchtlinge aus dem Osten hatten seit Monaten die unausweichliche deutsche Niederlage ebenso der ländlichen Bevölkerung unserer Region deutlich vor Augen geführt.

Das galt auch für Visselhövede. Im September 1944 mussten von heute auf morgen 500 Holländer, die mit den Deutschen sympathisiert hatten, untergebracht werden. Ab Februar trafen die ersten Flüchtlingstrecks aus den deutschen Ostgebieten ein. Tiefflieger beschossen seit Monaten die Bahnanlagen und die auf ihnen verkehrenden Züge.

Am 17. April näherte sich von Walsrode her die britische Garde-Panzer-Division, eine Eliteeinheit, die sich schon bei Waterloo gegen Napoleon 1815 ausgezeichnet hatte. 150 Panzer und 15000 Soldaten marschierten in Richtung Visselhövede. Bis zum Abend rückten sie bis nach Hilligensehl vor. Die deutschen Verteidigungsstellungen der erst einen Monat vorher zusammengestellten 2. Marine-Infanterie-Division befanden sich in Jeddingen, Stellichte, Kettenburg, Ottingen, Riepholm und mit dem 5. Regiment unter dem Kommando von Kapitän zur See Hermann Jordan in Visselhövede selbst. In „Spörings Gasthof“ an der Ecke Marktplatz/Burgstraße hatte er mit seinem Stab Quartier gemacht.,

Der nächste Tag, 18. April, brachte blutige Kämpfe im Bereich des Gutes Stellichte und in Kettenburg, bei denen 14 junge Marinesoldaten in Stellichte und sieben in Kettenburg ihr Leben lassen mussten. Die Marinesoldaten zogen sich im Laufe des Nachmittags nach Visselhövede zurück, dicht gefolgt von einem Regiment britischer Panzer-Aufklärer. Als die Briten dort von heftigem deutschen Abwehrfeuer empfangen wurden, zogen sie sich für die Nacht wieder zurück. Im April 1945 wollten sie kein unnötiges Risiko mehr eingehen.

Am Morgen des 19. April dann wurde Visselhövede von Südwesten, Süden und Nordosten her angegriffen. Artillerie- und Granatwerferfeuer unterstützten den Angriff. Die meisten Marinesoldaten hatten sich in die Zündholzfabrik von. Deylen zurückgezogen, die aber keinen Schutz mehr gewähren konnte, als sie zu brennen anfing. Gegen 10 Uhr schienen die Kämpfe zu Ende zu sein. Eine Stunde aber erhielt Kapitän Jordan in Spörings Gasthof die lange angeforderte Hilfe des 7. Marine-Grenadier-Regiments unter Kapitän z.S. Neitzel, der von Wittorf aus versuchte, Visselhövede zurückzugewinnen. Noch einmal flackerten heftige Kämpfe auf, die sich bis etwa 17 Uhr hinzogen. Neitzel rückte mit seinem Verband bis in die Stadtmitte vor, war dann aber genau wie Jordans 5. Regiment dem konzentrischen Angriff der britischen Sherman-Panzer hoffnungslos unterlegen, zumal ihnen die Panzerfäuste ausgingen. Neitzel zog sein Regiment in Richtung Wittorf zurück, sodass Jordan endgültig auf verlorenem Posten stand. Mit fünf Offizieren verließ er kurz darauf mit erhobenen Händen Spörings Gasthof und ging in Gefangenschaft.

45 deutsche Soldaten mussten an diesem 19. April 19 Tage vor dem Ende eines völlig unsinnig gewordenen Krieges in Visselhövede ihr Leben lassen. Die Jüngsten von ihnen könnten heute noch leben. In keinem der zahlreicheren Augenzeugenberichte wird übrigens die Goebbelsche Rede an diesem Tag erwähnt.

Regimentskommandeur Jordan wollte jedoch immer noch nicht aufgeben. In Neuenkirchen, wohin ihn die Briten transportiert hatten, gelang ihm die Flucht. In einer Tischlerei versteckte er sich, um von dort zu versuchen sich zu einer deutschen Einheit durchzuschlagen. Vergeblich redete die Bewohnerin des Hauses auf ihn ein sich zu ergeben, um schließlich in ihrer Not die Briten über ihren ungebetenen Gast zu informieren. Als britische Soldaten sich daraufhin der Tischlerei näherten, sprang Jordan aus dem Fenster und wurde flüchtend erschossen.

Quellennachweis: Der Artikel stützt sich im Wesentlichen auf Ulrich Saft, Krieg in der Heimat – Das bittere Ende zwischen Weser und Elbe, Langenhagen ³1990; auch Bild (S.299) und Karte (S. 313) sind dem Buch entnommen.

Zum Autoren

Dr. Karsten Müller-Scheeßel (75) ist freier Autor für die Rotenburger Kreiszeitung. Seit seiner Pensionierung leitet der ehemalige Eichenschuldirektor das Archiv der Gemeinde Scheeßel und setzt sich mit historischen Themen aus der Region auseinander. Müller-Scheeßel lebt mit seiner Frau in Scheeßel.

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