Initiative zum Klimaschutz vor Ort

„Vissel for future“ im Gespräch: „Iss, was um die Ecke wächst“

Sehen auch die Kommunen in der Pflicht, was den Klimaschutz angeht: Henry Buse (l.). Iris Weis und Harald Gabriel.
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Sehen auch die Kommunen in der Pflicht, was den Klimaschutz angeht: Henry Buse (l.), Iris Weis und Harald Gabriel.

Die Visselhöveder Kommunalpolitik öffnet sich mehr und mehr dem Thema Klimaschutz. Unter anderem soll es bald einen Klimaschutzmanager im Rathaus geben. Wie dieser Trend zu bewerten ist, darüber sprechen wir mir der Gruppe „Vissel for future“.

Visselhövede – Der Visselhöveder Stadtrat hat grünes Licht gegeben, eine halbe Stelle für das Klimamanagement auszuschreiben, und im Landwirtschafts- und Umweltausschuss sitzt bald ein Vertreter der Gruppe „Vissel for future“ (Vff). Die Visselhöveder Kommunalpolitik öffnet sich, um vor Ort ein Stück weit das Klima zu schützen. Zeit, die Gruppensprecher Iris Weis, Harald Gabriel und Henry Buse im Interview Bilanz ziehen zu lassen.

In Berlin regiert mit den Grünen eine Umweltschutzpartei mit. Hat das auch Auswirkungen auf den Landkreis, beziehungsweise auf das kleine Visselhövede?

Iris Weis: Das hoffen wir doch sehr und erwarten von der neuen Regierung entsprechende Aktionen, die sich bis in die kleinsten Ortschaften und alle Bereiche des Lebens auswirken müssen. Die Wahl der neuen Bundesregierung ist ein Zeichen dafür, dass das Umdenken in breiten Teilen der Gesellschaft bereits stattfindet. Umwelt- und Klimaschutz sowie soziale Gerechtigkeit sollen überall im Zentrum des politischen Denkens und Handels stehen. Die Weichenstellung zu einer enkeltauglichen Welt braucht kluges Handeln auf allen Ebenen – international, national und natürlich auch in Visselhövede und umzu. Das betrifft Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Es kommt auf eine neue Haltung und entsprechendes Handeln jedes einzelnen an und es darf sich einfach nicht mehr lohnen, auf Kosten von Klima und Umwelt zu wirtschaften.

Was erwarten Sie von der neuen Regierung in Sachen Klimaschutz?

Iris Weis: Entschlossenes Handeln, das der dramatischen Klimakrise konsequent gerecht wird. Neue Technologien und Maßnahmen, die das Erreichen der Klimaschutzziele von Paris sicherstellen, müssen sofort vorangebracht werden. Neben einer Verkehrs- und Agrarwende braucht es endlich eine echte Energiewende zu regenerativer Energie von der eigenen Heizung bis zu industriellen Prozessen. Erneuerbare Energien und Energiesparmaßnahmen müssen für die Bürger leichter zugänglich gemacht werden.

Hatten Sie auf ein Tempolimit gehofft? Und was hätte das gebracht?

Henry Buse: Untersuchungen haben nachgewiesen, dass ein Tempolimit zu einem gleichmäßigen Verkehrsfluss mit weniger Staus führt. Wer schon einmal in unseren Nachbarländern unterwegs war, wird sicher bemerkt haben, wie entspannt und weniger aggressiv dort gefahren wird. Darüber hinaus könnten in Deutschland bei Tempo 120 jährlich rund drei Millionen Tonnen Kohlenstoffdioxid eingespart und das Unfallaufkommen reduziert werden. Wir wünschen uns auch weitere Tempolimits hier in Visselhövede. Tempo 30 geht in Paris, aber bei uns rast der Verkehr durch die Haupteinkaufsstraße und auch am Nadelöhr vor der Kastanienschule vorbei. Die meisten Fahrradunfälle passieren auf der Visselhöveder Goethestraße. Hier gibt es unübersichtliche Bereiche, die bei Tempo 30 deutlich entspannt würden. Auch auf dem Lande brauchen wir insgesamt neue Verkehrskonzepte mit Vorfahrt für ÖPNV und Radler sowie mit Carsharing- Konzepten.

Die Stadt Visselhövede plant die Einrichtung einer Stelle für Klimaschutzmanagement. Die gibt es zum Beispiel bereits in Fintel und Sottrum. Was ergibt diese Stelle für einen Sinn?

Harald Gabriel: Wir haben diese Stelle mit angeregt, weil es für die Erreichung der Klimaziele wichtig ist, dass auch bei uns vor Ort Klimaschutz gezielt bearbeitet wird. Das ist keine Luxus-, sondern eine Überlebensfrage. Visselhövede braucht ein Klimaschutzkonzept und einen Aktionsplan zum Klimaschutz. Es ist gut, wenn es dafür bald mehr personelle Kapazität gibt, die wichtigen Zukunftsaufgaben wirklich anzupacken. Ein Klimaschutzmanagement kann praktische Impulse ins Team im Rathaus geben, auch für einen nachhaltigeren Konsum von uns Bürgerinnen und Bürger. Zum Beispiel bei der Energieversorgung der Immobilien, bei der Planung von Neubau- und Gewerbegebieten oder bei Fragen der Mobilität.

Braucht es dazu eine neue Personalstelle und kann nicht das Bauamt die Aufgaben übernehmen?

Henry Buse: Klimaschutz ist eine Querschnittsaufgabe. Insbesondere das Energiemanagement wird auch für die Stadt eine wachsende Bedeutung bekommen. Außerdem liegen im Flächenmanagement oder bei einer umweltbewussten Beschaffung wichtige Aufgaben. Der Bauhof hat bereits jetzt ein hohes Arbeitspensum und kann weitere Aufgaben wie ein Klimaschutzkonzept mit dem bestehenden Personal schwerlich schaffen. Es ist eine große Chance, dass es hier eine geförderte Stelle gibt, die zusätzliche Power aber auch gezieltes Know-how mitbringt. Der neue Klimamanager kann und soll jedoch nicht alle Themen selber bearbeiten, sondern durch Vernetzung im Rathaus-Team dazu beitragen, dass Klimafragen von Anfang an mitgedacht und gezielt bearbeitet werden. Es gibt in Niedersachsen auch ein gutes Netzwerk solcher Klimamanager, sodass auf innovative Ideen und Erfahrungen aus anderen Kommunen zurückgegriffen werden kann.

Die Initiative „Vissel for future“ ist immer mehr präsent. Sind Sie zufrieden mit der aktuellen Situation oder wie sieht Ihre Bilanz aus?

Harald Gabriel: Trotz Corona war es ein dynamisches erfolgreiches Jahr bei uns. Unsere Initiative ist weitergewachsen. Wir haben inzwischen über 120 Menschen in unserem Verteiler und einen breiten Kreis von aktiven Menschen bei unseren Projekten und Arbeitsgruppen. Wir haben einen gemeinnützigen Verein gegründet und eine Homepage eingerichtet. Vff war in diesem Jahr bei allen Einschränkungen sehr präsent in Visselhövede. Von Palettenbeeten über den neuen Naschpark bis zum Repair-Café haben sich Projekte gut etabliert. Das wöchentliche Kulturprogramm „5 nach 6“ am Brunnen hat regelmäßig stattgefunden. Für 2022 gibt es bereits viele neue Ideen. Auch mit Klimastreiks und Aktionen gemeinsam mit der Oberschule gab es eine spannende Dynamik. Im Landkreis waren wir mit unseren Aktionen zu den internationalen Klimastreiks wieder vorne dran. Wir haben das Thema Klimaschutz aktiv in die kommunale Debatte getragen und unser bunter Klimaschutzschirm steht unübersehbar im Foyer des Rathauses. Insgesamt gibt es für unsere junge Initiative im dritten Jahr eine sehr schöne Bilanz. Doch das Wichtigste: Es macht Spaß, gemeinsam zu handeln und aktiv zu sein, statt zu klagen oder zu meckern.

Was könnte besser laufen, was war richtig gut?

Harald Gabriel: Die Begegnungs- und Veranstaltungsmöglichkeiten waren in diesem Jahr Corona-bedingt sehr eingeschränkt. Doch wir haben das Beste draus gemacht. Ein Highlight waren unsere Aktionen zum Klimaschutz. Bei unserer Podiumsdiskussion mit Parteien und Bürgermeisterkandidaten zur Klimawahl hatten wir einen vollen Saal in der Oberschule und waren beeindruckt von sehr engagierten Schülern. Richtig gut gelaufen sind auch dieses Jahr die Palettenbeete. Sie waren bis in den Dezember hinein leuchtende Flecken auf dem Marktplatz und luden viele zum Naschen ein. Sehr motivierend war außerdem unsere jährliche „Regio Challenge“ bei der es eine Woche lang heißt „Iss, was um die Ecke wächst“. Vom Sauerkrautherstellen bis zum selbst gebackenen Brot mit Getreide aus der Region wurde gemeinsam erfahrbar: Klimaschutz kann auch schmecken und Freude machen.

Ist der Klimaschutz wegen Corona ins Hintertreffen geraten?

Henry Buse: Die Corona-Krise hat sowohl in den Köpfen der Menschen als auch in der Politik und den Medien das wesentlich weitreichendere Thema Klimaschutz überlagert. Corona hat zwar einerseits durch weniger Reisen zu einer Abnahme des CO2-Ausstoßes in diesem Bereich geführt, andererseits ist weltweit ein riesiger Müllberg aus Masken, Testequipments und anderen Dingen entstanden. Es gilt jetzt aus der Krise zu lernen: zum Beispiel mehr Regionalität und regionale Wirtschaftskreisläufe, weniger Flugverkehr dafür mehr ÖPNV und Fahrradfahren.

Ihre Ziele für 2022?

Harald Gabriel: Ein wichtiges Ziel ist es, das Haus der Bildung gemeinsam mit Partnern zu beleben und zu einem Begegnungshaus zu machen, wo gemeinsam an Zukunftsaufgaben gebastelt wird. Dafür haben wir in guter Zusammenarbeit mit den Rotenburger Werken, der Elterninitiative Simbav, der Gemeinwesenarbeit und der Stadt in diesem Jahr die Weichen gestellt. Die Umbauten sind fast fertig und wir freuen uns auf den Start Anfang 2022 in den schönen neuen Räumlichkeiten. Gerne möchten wir 2022 einiges an Veranstaltungen umsetzen, die Corona-bedingt in 2021 nicht laufen konnten. Da haben wir einiges auf dem Zettel. Ein geplantes Highlight für das Frühjahr ist eine kleine Zukunftsmesse mit einem Vortrag von dem bekannten Ökonomen und Vordenker für „Postwachstumsökonomie“ Professor Niko Paech. Aber last not least: Unser Ziel ist es weitere Menschen einzubinden und neue Mitstreiter zu gewinnen für ein lebendiges und zukunftsfähiges Visselhövede. Wer Lust hat mitzuwirken, ist zu unseren monatlichen Treffen eingeladen. Kontakt: Harald Gabriel Telefon 04262/8260.

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