Jannik wohnt in einer Einrichtung

„Vertrauen ist das A und O“: Wie es ist, wenn das behinderte Kind nicht zuhause lebt

+
Michael Gradtke mit Sohn Jannik und Lebensgefährtin Christa Engelke in der Tagesförderstätte der Rotenburger Werke in Visselhövede. 

Visselhövede - Michael Gradtke weiß, was für seinen Sohn gut ist. Der 22-jährige Jannik ist schwer geistig und mehrfach behindert, ist auf den Rollstuhl und intensive Pflege angewiesen. Jannik wohnt in einer Einrichtung der Rotenburger Werke in Visselhövede. Das behinderte Kind in einer derartigen Einrichtung unterzubringen, ist aber nicht die Regel. Oft gibt es übertriebene Selbstaufopferung oder ein schlechtes Gewissen. Das kann ganze Familien belasten und sie manchmal regelrecht zerstören.

Michael Gradtke und Lebenspartnerin Christa Engelke besuchen Jannik in Abständen, manchmal auch unangemeldet. „Auch dann sind die Mitarbeiter im Haus für uns da, nehmen sich Zeit“, wird Gradtke in einer Mitteilung der Rotenburger Werke zitiert. Der ist demnach mit der Unterbringung des Sohnes sehr zufrieden. „Wir versuchen, etwa alle zwei Wochen einen Besuch abzustatten“, so Gradtke. Lebensgefährtin Christa Engelke ergänzt: „Jannik strahlt und freut sich, wenn er uns sieht. Aber er ist nicht traurig, wenn wir wieder gehen. Er hat hier ein echtes Zuhause gefunden.“

Tatsächlich sei es so, dass beide mit einem guten Gefühl ins Auto steigen, um nach Hause fahren. „Da sind keine Zweifel oder Sorgen, und auf mein Bauchgefühl konnte ich mich schon immer verlassen“, so Gradtke. Er und seine Lebensgefährtin bringen es zusammen auf fünf Kinder, und sie wissen, dass ein behindertes Kind in der Familie auch für Turbulenzen sorgt. „Denn alle verdienen unsere Aufmerksamkeit“, sagt Gradtke. „Aber seit Jannik ein Zuhause in der Visselhöveder Außenstelle der Werke gefunden hat, ist die Lage entspannter. Das ist gut für den Familienzusammenhalt.“ Jannik bekommt auch gelegentlich Besuch von seinen Geschwistern. Und auch die finden es gut, dass der Bruder in einer Einrichtung lebt, in der mehr als nur Pflege und Alltag angesagt sind.

„Es ist unser Job, das zu ermöglichen“

„Wir sind mit Jannik sogar zum Deichbrand-Festival gefahren“, informiert Hendrik Wachowski, Regionalleiter Chef im Haus der Rotenburger Werke in Visselhövede. „Wir wissen, dass Jannik Musik liebt.“

Aber wie geht das? Mit solchen Handicaps zum Festival? „Es ist unser Job, das zu ermöglichen“, sagt Rüdiger Klingner, in der Einrichtung Koordinator für die Tagesförderstätte, „Teilhabe am Leben und der Gesellschaft soll ja mehr sein als ein hohler Begriff.“

Die Tagesförderstätte liegt dem Wohnhaus an der Visselhöveder Worthstraße mit seinen 24 Plätzen gleich gegenüber. Michael Gradtke sieht in dieser Nähe einen großen Vorteil für den Sohn. „Man kann sich so auf Janniks individuelle Bedürfnisse einstellen. Und es ist gut, dass überall Ansprechpartner für ihn da sind, die ihm vertraut sind.“

Jannik scheint das bestätigen zu wollen, denn seine Augen, so heißt es in der Mitteilung, wandern freundlich von den Angehörigen zu den Mitarbeitern. „Und noch etwas“, fügt der Vater hinzu: „Ich habe hier erlebt, dass man bei meinem Sohn Entwicklungspotenzial sieht.“

Hendrik Wachowski betont, dass eine ehrliche und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Angehörigen sehr wichtig sei. „Ihre Erfahrung und unsere Kenntnisse ergänzen sich. Und wir brauchen auch Kritik, wenn sie nötig ist. Dann finden wir gemeinsam den besten Weg für Jannik.“ Vater Michael Gradtke stimmt dem uneingeschränkt zu: „Wenn die Zusammenarbeit auf Augenhöhe stimmt, kann man auch mal guten Gewissens in Urlaub fahren. Oder auch mal unangemeldet in der Tür stehen. Vertrauen ist nämlich das A und O.“ 

jw

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

Fotostrecke: Manche mögen's kalt - Eindrücke vom Abschlusstraining

Fotostrecke: Manche mögen's kalt - Eindrücke vom Abschlusstraining

Weihnachtskonzert der Eichenschule

Weihnachtskonzert der Eichenschule

Drei Frauen in Nürnberg niedergestochen

Drei Frauen in Nürnberg niedergestochen

Weltklimagipfel: Kritik und Appelle zum Schlussspurt

Weltklimagipfel: Kritik und Appelle zum Schlussspurt

Meistgelesene Artikel

Angehende Landwirte messen sich beim Melkwettbewerb

Angehende Landwirte messen sich beim Melkwettbewerb

Brigitte und Johann Wolf aus Bötersen feiern die Eiserne Hochzeit

Brigitte und Johann Wolf aus Bötersen feiern die Eiserne Hochzeit

Reeßumer geraten an dubioses Wintergarten-Unternehmen

Reeßumer geraten an dubioses Wintergarten-Unternehmen

Thyssen kann bald loslegen

Thyssen kann bald loslegen

Kommentare