Interview zum Tag der Briefmarke

Zwei Briefmarkensammler erzählen: „Unser Hobby ist heute eher out“

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Uwe Schmidt (l.) und Hans Glauch sind seit Jahrzehnten Briefmarkensammler. Doch sie wissen, dass ihr Hobby von immer weniger Gleichgesinnten betrieben wird.

Visselhövede - Von Jens Wieters. In dieser Woche wurde, von vielen fast unbemerkt, der Tag der Briefmarke mal etwas anders als sonst begangen, denn es ist genau 150 Jahre her, dass der Norddeutsche Postbezirk gegründet wurde. Wir haben die Gelegenheit genutzt, uns mal bei den Briefmarkensammlern umzuhören, warum es Spaß macht, die kleinen Klebedinger zu sammeln. Im Interview berichten Hans Glauch und Uwe Schmidt vom Vorstand des Visselhöveder Briefmarkensammlervereins über ihr Hobby.

Was macht Briefmarkensammeln eigentlich so interessant?

Hans Glauch: Es ist ein Hobby, bei dem man herrlich entspannen und runterfahren kann. Ein wichtiger Aspekt sind und waren Tauschkontakte auf der ganzen Welt, von China über Polynesien bis in die damalige DDR, was natürlich besonders spannend war, weil man nach der Wende persönlichen Kontakt zu Tauschpartnern bekam.

Man sagt, mit den kleinen Klebebildchen könne man die ganze Welt entdecken. Stimmt das?

Uwe Schmidt: Wer Briefmarken sammelt und nicht nur die Marken in sein Album steckt, sondern sich um den Ausgabeanlass kümmert oder die Marke genau betrachtet, wird viel lernen und entdecken können.

Gibt es eigentlich Besonderheiten des Papiers, oder sind alle Marken gleich?

Glauch: Briefmarken werden und wurden auf verschiedensten Papieren gedruckt: auf normalem Papier mit und ohne Fasern, auf gestrichenem Papier mit und ohne Gummiriffelung, in Notzeiten auch auf Zigarettenpapier und auch auf Papier mit Holzeinschlüssen. Heute werden Briefmarken zum Beispiel in Österreich auf Leder, auf Holz, auf Glas, mit Stickgarn gefertigt – nicht für den Postverkehr, sondern, um Geld bei Sammlern abzuschöpfen. Es gibt aus vielen Ländern heute auch Marken mit Duftstoffen.

Ihre kleinste, größte Marke?

Glauch: Meine kleinste Marke misst 1,8 mal 1,8 Zentimeter, die größte ist 13 mal 5 Zentimeter groß. Schmidt: Meine kleinste hat die Maße 1,4 mal 2,4 Zentimeter und die größte Marke 5,4 mal 5,4 Zentimeter. Die kleinste Marke der Welt ist übrigens nur 8 mal 9,5 Millimeter groß.

Werden nur die entwerteten Marken gesammelt?

Schmidt: Es werden sowohl postfrische als auch gestempelte, also entwertete, Marken gesammelt. Wer zum Beispiel seine Marken postfrisch sammelt, hat natürlich das Markenbild ohne störende Stempel. Andererseits ist ein sauberer Stempel in den meisten Fällen der Beweis, dass die Marke postalisch – ihrem ursprünglichen Zweck entsprechend – gebraucht wurde, die Post also dafür eine Gegenleistung erbringen musste.

Was versteht man unter Motivsammlungen?

Glauch: Ursprünglich waren Sammler solche, die eine Ländersammlung begonnen haben und diese möglichst vollständig bekommen wollten. Im Laufe der 1960er- und 1970er-Jahren kamen immer mehr Postverwaltungen auf die Idee, bunte Marken herauszubringen mit schönen Motiven wie Vögeln, Schmetterlingen, Flugzeugen, Schiffen, Weltraumflügen oder auch Autos. Auf diesen Zug sind viele Sammler aufgesprungen und sammeln also nicht Briefmarken eines Landes, sondern alle Marken weltweit, die das von ihnen gesuchte Motiv abbilden.

Dann sind bestimmt auch mal Fälschungen dabei?

Schmidt: Es ist heute leider kein Problem, Fälschungen in seine Sammlung zu bekommen: Postfrische Marken, die sehr preiswert sind oder einen Falz auf der Rückseite haben, werden gestempelt, oder bei teuren Falzmarken wird eine neue Gummierung aufgetragen. Marken mit Aufdruck können mehrfach gefälscht werden: Aufdruck, Stempel, Gummierung.

Wie kann man auf Nummer sicher gehen?

Schmidt: Man findet für die meisten fälschungsgefährdeten Sammelgebiete Prüfer, die mit Vergleichsmaterial ausgestattet sind und Fälschungen kennzeichnen. Allerdings werden auch diese Prüfzeichen gefälscht. Wenn man Zweifel an einem solchen Zeichen hat, kann man die Marke von dem betreffenden Prüfer nachprüfen lassen. Bei sehr wertvollen Marken kann man beim Prüfer ein Fotoattest bestellen.

Woran erkennt man als Anfänger, dass eine seltene Marke echt ist? Es gibt doch Unterschiede in der Zähnung und Wasserzeichen?

Glauch: Zähnung und Wasserzeichen kann man mit ein wenig Erfahrung selbst bestimmen, für diese beiden Kennzeichen gibt es Hilfsmittel, die sich ein Sammler leisten kann. Er könnte sich aber auch einem Verein anschließen beziehungsweise zu einem Tauschtag kommen, um dort Hilfe zu erfahren.

Eignen sich Briefmarken dennoch als Wertanlage?

Schmidt: Für uns Normalsammler eher nicht. Ein Sammler, der in seine Sammlung Geld investiert, weiß eigentlich schon beim Bezahlen, dass er den Betrag in dieser Höhe wohl nicht wiederbekommt.

Keine gute Nachricht für jemanden, der auf dem Dachboden verstaubte Briefmarkenalben findet und auf einen Schatz hofft?

Glauch: Nein, meistens sind diese Funde nichts wert. Geld wird in den seltensten Fällen gezahlt. Der Finder sollte die Alben einfach einem Sammlerverein stiften.

Wo bekommen Sie die Marken denn sonst noch her?

Schmidt: Neue Marken bekommt man natürlich bei der Post, heute natürlich auch problemlos bei ausländischen Postverwaltungen, die ihre Marken an den Mann oder die Frau bringen wollen. Über Ebay werden Marken aller Gebiete angeboten, diese Auktionen sind auch heute eine wichtige Handelsplattform. Das Briefmarkentauschen darf man natürlich nicht vergessen. Das wird allerdings deutlich schwieriger, je fortgeschrittener ein Sammler ist.

Die klassischen Briefe werden von E-Mails verdrängt. Eine Gefahr für ihre Vereine?

Glauch: Es sind eher nicht die E-Mails, die eine Gefahr für die Vereine darstellen. Auf sogenannten klassischen Briefen würde man heute nur einen kleinen Bruchteil der neu herausgegebenen Marken bekommen können. Denn der Postkunde möchte nicht mehr die Marken mit der Zunge anfeuchten, sondern verwendet am liebsten selbstklebende Marken. Also muss man sich, wenn man Neuheiten sammelt, auf anderen Wegen diese Marken beschaffen.

Wie sieht es mit dem Nachwuchs in den Vereinen aus?

Glauch: Nachwuchs gibt es so gut wie gar nicht, denn die Jugendlichen haben heute andere Interessen; das Hobby Briefmarkensammeln ist bei Jugendlichen eher out. Schmidt: Wenn es neue Mitglieder gibt, dann sind es meistens alte Hasen, die schon lange sammeln, aber jetzt erst in den Verein eintreten.

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