Tastenkünstler Axel Pätz bietet im Visselhöveder Heimathaus zwei Stunden Gesellschaftskritik vom Feinsten

Bitterböses zu Polka und Boogie

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Als Meister auch der „mobilen Tasten” erwies sich Kabarettist Axel Pätz, der immer wieder das Publikum einbezog.

Visselhövede - Von Ulla Heyne. „Drei Künstler in Einem“ hatte Eigenart-Vorsitzender Ralf Struck den rund 80 Besuchern am Samstagabend im gut gefüllten Visselhöveder Heimathaus versprochen – und damit gar nicht mal so Unrecht. Vereinte Tastenkabarettist Axel Pätz auch in seinem dritten Programm „Chill mal“ doch multiple Talente: eingängige, facettenreiche Kompositionen – mal Tango, mal Mambo oder Schlager, öfter jedoch Boogie –, ein virtuoses Tastenspiel auf Klavier und Akkordeon und eben den kabarettistischen Blick auf die Dinge.

Der ist zunächst politisch, ganz in der Tradition von Dieter Hildebrandt und dem „Scheibenwischer“, dessen TV-Nachfolger er des Öfteren beehrt hat – etwa wenn er zur Polka von der Suche nach einem Endlager singt oder in „Klopf, klopf – wer mag das sein“ die anfängliche Willkommenskultur hinterfragt, die nach Herkunft differenziert. Das gerät zumeist rabenschwarz, manchmal bis zur Grenze der Erträglichkeit, etwa, wenn die „Glatzen vor den Flüchtlings-Wohnheimen Feuer und Flamme sind“. Noch öfter richtet der Kabarettist seinen messerscharfen Blick jedoch auf Alltäglichkeiten: Auf das pubertierende Töchterlein und ihre Freunde, die sich morgens nur mit Vaters Unterhose bekleidet am Kühlschrank vergreifen und dem Hausherrn ein „Chill mal“ entgegen rotzen, oder die Performance-Analyse der Fünfjährigen in der Familien-Community: „Du solltest die Frequenz deines Schnuller-Uses downgraden“, heißt es da vom Papa in perfektem Business-Jargon.

Pätz schaut dem Volk aufs Maul. Und das fällt meist bitterböse zur einschmeichelnden Musik aus – Georg Kreissler lässt grüßen. Die Berufsaussichten des Selbstmordattentäters werden als Tscha-Tscha abgehandelt, das Waten der Tochter durch die Schmutzklamotten im eigenen Zimmer als Tango.

Dabei schlägt Pätz zuweilen auch den leichten Weg ein: Helene Fischer des Reims wegen in den Betonmischer zu wünschen oder den Kastelruther Spatzen, dass sie „zwitschernd zerplatzen“, oder von der Ü80-Party mit „Prost statt Prostata“ zu berichten – das ist wenig tiefgründig, indes ungemein konsensfähig, und dank des enormen Wortwitzes allemal urkomisch.

Und auch das Dschungelcamp, Koch- und Casting-Shows sind dankbare Zielscheiben des Spottes. Wenn er den Gedanken weiterspinnt und eine „Kloshow für Jörg Pipilawa“ fordert („Damit lässt sich großes Geschäft machen“), bei dem der gewinnt, der als erster ausscheidet, dann zeigt sich Pätz‘ Sprachgewalt.

Auch Anwesende bleiben, dank Pätz‘ enormer Situationskomik, nicht verschont. Renate und Manfred Kell aus Schneverdingen nehmen es mit Fassung und gehören sogar zu den lautesten Lachern: „Da stehen wir drüber – er ist einfach toll!“

Das Fazit des Abends fällt nach aller vergossenen verbalen Bösartigkeit der vergangenen zwei Stunden erstaunlicherweise positiv aus: „Immer schön entspannt“ ist denn auch der gute Rat, den Pätz dem begeisterten Publikum vor den Zugaben vom Lustfaktor des Aufsitzrasenmähers und der Zahnersatz-Zusatzversicherung mit auf den Weg gibt. Und die späte Erkenntnis: „So böse ist er gar nicht!“

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